Buch über Ungleichheit: „Arme Menschen sind ständig damit beschäftigt, zu überleben“
Auf Social Media erklärt Soziologin Ramona Wuttig, was es heißt, arm auf dem Land in Ostdeutschland aufzuwachsen. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben.
taz: Sie schreiben autobiografisch und wissenschaftlich über Armut – warum?
Ramona Wuttig: Armut ist kein trauriges Einzelschicksal, es ist etwas, das Millionen Menschen betrifft. Geradezu gebetsmühlenartig werden dazu zwar Zahlen in den Medien wiederholt – zum Beispiel, dass sich ein Fünftel der Bevölkerung keine Woche Urlaub leisten kann oder dass die Kinderarmut ansteigt. Aber daraus erwächst keine Empörung. Stattdessen wollen wir das Märchen von der Meritokratie glauben: Jede:r sei seines eigenen Glückes Schmied.
Bild: Mara Stöhr
Im Interview: Ramona Wuttig
Jg. 1991, Master in Soziologie und Bachelor in Psychologie, studiert derzeit Jura, lebt in Erfurt. Betreibt auf Instagram und Tiktok den Kanal @klasse.gesellschaft
taz: Braucht es die emotionale Ansprache, um zu verstehen?
Wuttig: Ich habe zwischendurch versucht, Videos und Posts nur von Fakten und Zahlen zu veröffentlichen. Das wurde kaum geklickt. Also poste ich ein Foto von mir in unserem verdreckten Wohnzimmer und sage: „Ich bin ich. Ich bin zwölf Jahre alt und meine Zähne waren schwarz.“ Die Menschen reagieren, weil sie sehen: Es geht um dieses eine Mädchen da.
taz: Warum sorgt Armut in Deutschland nicht für mehr Empörung?
Wuttig: Ich glaube, zwei Dinge sind sehr vielen Leuten nicht bewusst: Erstens, dass die meisten von uns der Grundsicherung näher sind als der Milliarde. Und gegen eine Milliarde ist ja selbst eine Million gar kein Geld. Zweitens: Armut ist mehr als wenig Geld haben. Das komplette Leben ist davon betroffen: Teilhabe, Bildung, Nahrung und sogar der Tod.
taz: Armut betrifft auch den Tod?
Wuttig: Ein Viertel aller Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe erlebt ihre Rente nicht. Dazu gibt es seit Jahrzehnten Studien und trotzdem ist es kaum Thema. Und wenn doch, wird der Grund meist dem Individuum zugeschoben: „Na ja, guck dir den doch mal an, der säuft ja auch, der raucht und tut nichts für sich. Dann hat er halt einen Herzinfarkt und stirbt mit 58.“
Ramona Wuttig: „Aller Aufstieg ist schwer. Arm, ostdeutsch, Arbeiterkind – die Lüge von der Chancengleichheit“, Rowohlt-Verlag Hamburg 2026. 252 Seiten, 18 Euro
taz: Wie erklären Sie sich die Apathie der Politik diesbezüglich?
Wuttig: Es gibt zwei Möglichkeiten: Die eine ist, die Politik weiß nichts vom Ausmaß der Armut, aber davon kann ich nicht ausgehen. Die andere ist: Man weiß es und man berechnet es ein. Das Rentensystem funktioniert ja jetzt schon nicht mehr. Wenn zusätzlich auch noch alle Geringverdienenden 80 oder 90 Jahre alt würden, wäre das aktuelle System längst am Ende. Das heißt auch: Je höher man das Rentenalter ansetzt, desto weniger, insbesondere arme Menschen, erleben es.
taz: Sie schreiben in Ihrem Buch vom Stress, den das Armsein verursacht.
Wuttig: Man verbringt ganz viel Zeit damit, über die nahe Zukunft nachzudenken: Wie kommt man bis zum Ende des Monats – und das bitte nicht nur mit Toastbrot? Man fragt sich nicht: Wann ist mein Haus abbezahlt? Oder: Werde ich in meiner Rente schön reisen können? Das geht mir noch heute so, obwohl ich finanziell aufgestiegen bin: Was mache ich mit 40? Keine Ahnung! Ich guck mal, was morgen ist. Dann kommt ein neuer Monat und – oh Gott, jetzt ist Weihnachten!
Wenn sich privilegierte Menschen nicht sehr anstrengen, etwas über Ungleichheit zu lernen, haben sie oft keinen Blick dafür
taz: „Oh Gott!“, weil Geschenke gekauft werden müssen?
Wuttig: In meiner Familie war das Gefühlezeigen schwierig. Zum einen, weil arme Menschen ständig damit beschäftigt sind, zu überleben statt zu leben. In meinem Fall kommt dazu, dass ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Sie gehörten zur Nachkriegsgeneration und sind mit einer harten Hand erzogen worden. Meinen Opa habe ich auf dem Sterbebett zum ersten Mal umarmt. Ein „Ich hab’ dich lieb!“, das existierte nicht. Aber dafür existierte ein: „Ich trage alte Schürzen, die auseinanderfallen, damit ich dir eine Gitarre zu Weihnachten schenken kann.“
taz: Sie sind mit 16 Jahren allein nach Erfurt gezogen, um dort das Gymnasium zu besuchen – wie war diese Zeit für Sie?
Wuttig: Einerseits war es mein absolutes Glück, räumlich so früh aus dieser prekären Situation herauszukommen. Das lag an meiner Beharrlichkeit, aber auch an einzelnen Menschen, die mir viel ermöglicht haben. Zum Beispiel als Minderjährige eine eigene Wohnung zu mieten. Gleichzeitig hat mein Umzug dazu geführt, dass ich erst mal total zusammengebrochen bin. Erst mit dem Studium ging es langsam bergauf.
taz: Was war Ihnen beim Schreiben des Buches besonders wichtig?
Wuttig: Ich wollte ein Buch für jede Bevölkerungsgruppe schreiben. Das heißt: kein akademisches Gerede und möglichst keine Fachwörter. Darauf haben meine Lektorin und ich sehr geachtet. Ich will verstanden werden.
taz: Eine Szene aus dem Buch ist mir besonders in Erinnerung: Sie ziehen als Teenie lärmend mit Ihren Freundinnen durch die Innenstadt, werfen Pommes durch die Gegend und nerven die Passant:innen. Ein Moment des Widerstands!
Wuttig: Die Stelle spricht etwas an, das mir generell wichtig ist: Menschen dürfen von meinem Buch genervt sein. Wichtig ist mir, dass armutsbetroffene Menschen sich gesehen fühlen. Dass sie sich trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich nicht für ihre Situation schämen oder denken, sie müssten sich klein machen.
taz: Sind arme Menschen im Osten doppelt marginalisiert? Über das Einkommensgefälle zwischen Ost und West wird nicht viel gesprochen
Wuttig: Außer, wenn wir über die AfD reden. Dann heißt es: „Guck mal, wie blau der Osten ist! Das sind alles Nazis, die sind alle doof.“ Das kann man zwar mittlerweile nicht mehr so gut sagen, weil jetzt auch der Westen nachzieht. Aber es gab eine Zeit, da waren die Kommentarspalten unter Zeitungsartikeln voll von Vorschlägen wie: „Machen wir doch einfach wieder eine Mauer um den Osten. Dann haben wir das Naziproblem gelöst.“
taz: Wie könnte eine Annäherung aussehen?
Wuttig: Der Osten – und damit meine ich die Menschen des Ostens – muss stattfinden. Und zwar überall: In den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung. Dort, wo Entscheidungen getroffen werden, müssen Gesichter zu sehen sein, mit denen man sich identifizieren kann, mit denen man diskutieren kann, von denen man lernen kann. Ich vergleiche das gerne mit dem Gender-Pay-Gap. Der Ost-West-Gap ist ähnlich hoch wie der unbereinigte Gender-Pay-Gap. Die Nichtvorhandenheit von Ostdeutschen in Justiz, Politik, Unternehmerschaft ist zahlenmäßig ähnlich wie die von Frauen.
Streik ist das Mittel des Arbeitnehmers und der Arbeitnehmerinnen, Druck gegen den ja sonst so viel mächtigeren Arbeitgeber aufzubauen
Taz: Sind Sie für eine Ossiquote?
Wuttig: Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Denn was ist überhaupt ein Ossi? Muss ich im Gebiet der ehemaligen DDR geboren sein oder kann ich zugezogen sein? Wie viele Jahre muss ich im Osten aufgewachsen sein, falls ich später weggezogen bin? Worum es mir geht, ist, das Thema Ost-West noch mehr mitzudenken, ähnlich wie das in Bezug auf Geschlecht, Sexualität oder Migrationshintergrund bereits der Fall ist.
taz: Wie denken Sie über die aktuellen politischen Entwicklungen?
Wuttig: Eine miese Nachricht jagt ja gerade die nächste: Der Sozialstaat wird abgebaut, am Achtstundentag wird gesägt und an Arbeitnehmer:innenrechten allgemein … Die Psychotherapeutenverordnung finde ich besonders schlimm. Menschen sterben, weil sie keinen guten Zugang zu mentaler Gesundheitsversorgung haben. Ich habe erst mit Anfang 30 eine ADHS-Diagnose bekommen, weil überall die Wartelisten geschlossen waren. Wenn ich schwere Depressionen gehabt hätte, wäre das deutlich lebensbedrohlicher gewesen.
taz: Was kann man tun?
Wuttig: Streiken. Streik ist das Mittel des Arbeitnehmers und der Arbeitnehmerinnen, Druck gegen den ja sonst so viel mächtigeren Arbeitgeber aufzubauen – und damit auch auf die Politik. Die Gewerkschaftsbindung ist im Osten übrigens viel niedriger als im Westen, ähnlich wie die Parteienbindung. Das, neben anderen Ursachen, führt auch zu niedrigeren Löhnen, zu weniger Tarifbindung, zu schlechteren Arbeitsbedingungen. Hier gäbe es viele Chancen, strukturell etwas zu verbessern.
taz: Was kann man als Einzelne tun, um weniger klassistisch und ostdiskriminierend zu sein?
Wuttig: Klassismus ist nach meiner Beobachtung gerade bei hochgebildeten Menschen häufig vertreten. Sie denken, es reicht zu glauben, dass alle Menschen gleich sind. Wenn sie sich jedoch nicht explizit mit dem Thema Armut beschäftigen, kann es passieren, dass sie sich für links halten, während sie arme und ostdeutsche Menschen als dumm diskreditieren. Wenn sich privilegierte Menschen nicht sehr anstrengen, etwas über Ungleichheit zu lernen, haben sie oft einfach keinen Blick dafür. Das geht mir selbst in anderen Bereichen ja nicht anders: Ich muss mich aktiv mit Rassismus auseinandersetzen, um zu verstehen, was das für die Betroffenen bedeutet und wann ich mich selbst rassistisch verhalte.
taz: Wie ließe sich das Verhältnis zwischen Ost und West verbessern?
Wuttig: Ein Fünftel der Menschen aus Westdeutschland war noch nie im Osten. Vielleicht kann man sie auch mal dahin locken, um sich vertrauter zu werden. Wir sind ja ein Land – da kann man auch mal aus Schweinfurt nach Erfurt kommen.
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