Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview: Uns darf das Land
Kurz vor dem WM-Finale versucht der Bundeskanzler noch von der Seitenlinie aus, dem ausgeschiedenen Deutschland Mut zu machen. Im ZDF ist er zu Gast beim Sommerinterview und kehrt die Scherben zusammen, die der überraschende Rücktritt seines Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn hinterlassen hat.
Als Vorband dieses bemerkenswerten Kanzler-Auftritts tritt bei der Konkurrenz von der ARD zunächst noch Franziska Brantner, die Parteivorsitzenden der Grünen, auf. Sie, die sich zuletzt als Unterzeichnerin eines Manifests für moderne Männlichkeit hervorgetan hatte, steht jetzt Rede und Antwort zu ihrer Sicht auf die gestählten Körper junger männlicher AfD-Wähler. Die hätte sie durchaus gerne in ihrer Nähe, sagt Brantner mit leicht süffisantem Unterton, denen wolle sie ein Angebot machen: „Ihr seid herzlich willkommen“.
Junge Männer, die gern ins Fitness-Studio gehen, die auf ihre Körper achten, ja sogar Kraftsport-Influencer, die wolle man unbedingt zu den Grünen holen und nicht den blauen Bubenfängern von der AfD überlassen. Interessante Töne einer feministischen Politikerin, die sich sonst eher mit Vorschlägen für mehr Gleichstellung und mehr Minderheitenrechte hervorgetan hat. Aber die Zeiten sind andere geworden und in den Umfragen zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stehen die Grünen schlecht da. So schlecht, dass sie um den Einzug ins Parlament bangen müssen.
Was Insta-Girls stabil nennen würden
Deshalb ist die Grünen-Spitze gerade viel im Osten unterwegs, Felix Banaszak – als moderner Mann zuletzt im Playboy zu sehen – tourt mit dem Wohnmobil durch die sachsen-anhaltinischen Lande und versucht, am Softeis-Stand mit den Menschen über Gerechtigkeitsfragen im Ukraine-Krieg ins Gespräch zu kommen. Und Franziska Brantner, die mit ihrer modischen Brille und ihrem glitzernden Blazer das verkörpert, was Insta-Girls vielleicht „stabil“ nennen könnten, lädt in Magdeburg zum Karaoke-Singen gegen rechts ein. „Die Stimmung dreht sich“, weiß sie von ihren Terminen vor Ort im Osten zu berichten, viele würden inzwischen verstanden haben, dass der Kampf gegen die AfD auf ein Kreuz bei den Grünen hinausläuft. Von den 15 000 Grünen-Mitgliedern im Osten würden im Moment sehr viele statt in den Urlaub zu fahren, Wahlkampf machen. Auch wenn es nicht so einfach wird, wie in München oder in Baden-Württemberg – „wir kämpfen“, sagte Brantner und schiebt verfassungspatriotisch nach: „Ich glaube an Deutschland“.
Klimaschutz und Wohlstand verbinden
In diesem Zusammenhang äußert sie dann nicht nur triumphierend Kritik an der „Doppelmoral“ von Jens Spahn, sondern setzt auch eine bewusste Spitze gegen den vorherigen Parteichef und „Fernsehstar“ Robert Habeck – vielleicht ja, weil der das Plädoyer für eine engere Verbindung von Klimaschutz und Wohlstand etwas zu wörtlich genommen hat: ab August wird er als Senior Advisor bei Urban Partners, einem dänischen Investmentunternehmen im Bau- und Immobiliensektor, tätig sein und seine politischen Kontakte für die privatwirtschaftliche Mehrung seines eigenen Wohlstands nutzen.
Den Vorwurf kennt auch Friedrich Merz aus seinem früheren Leben als Blackrock-Manager. Jetzt aber ist er Bundeskanzler und sitzt vor idyllischer Seekulisse im Sauerland. Im Hintergrund fahren Segelboote vorbei, es fehlt eigentlich nur, dass das ZDF zum Intro Julio Iglesias einspielt: „Wenn ein Schiff vorüberfährt, fährt mit ihm die Sehnsucht“ – und dann vielleicht leise ausfaded bei der Zeile: „Adiós, cariño, hey, und komm bald wieder“. Jens Spahn ist zurückgetreten – und der Kanzler ist glücklich darüber. Genauso glücklich, wie er ihm vor zehn Tagen noch öffentlich zum Kind gratuliert hat.
War das schon eine vergiftete Gratulation? Hat Merz geahnt, auf was für eine Probe der von einer amerikanischen Leihmutter erfüllte Kinderwunsch die Union stellen wird? Im Sommerinterview lächelt er die Frage milde weg und schiebt das Ganze auf die fehlerhafte Kommunikation seines ehemaligen Fraktionsvorsitzenden. Kühl dankt er ihm für seine Arbeit, aber in Wahrheit merkt man dem Kanzler an, wie wenig er Jens Spahn je geschätzt, wie sehr er ihn stets als heimlichen Gegenspieler angesehen hat – und als was für eine Genugtuung er seinen Rücktritt jetzt empfindet. Merz sieht unverschämt gut gelaunt dabei aus, als er über eine nun mögliche Regierungsumbildung spricht – das stellt auch die Moderatorin fest. Merz lächelt wie einer, der insgeheim über den Fall eines Konkurrenten frohlockt. Wie einer, der einem Segelboot glücklich zum Abschied nachwinkt.
Die Deutschen sind zu faul?
Es dauert ein bisschen, aber dann findet der Kanzler zu seinem staatsmännischen Ethos, verfinstert sich sein Gesichtsausdruck, wird er in gewohnter Weise schmallippig. Etwa, wenn die Moderatorin ihn mit seinen schlechten Umfragewerten konfrontiert und auch mit dem, was er zuletzt über die Deutschen gesagt hat: dass sie zu faul seien, sich zu oft krankschreiben, zu viel rumnörgeln würden. Merz reagiert so, wie man es inzwischen eher von Politikern jenseits der emphatisch angerufenen Mitte kennt: er reagiert mit Medienkritik. Das ZDF zeige immer nur Menschen im Land, die seine Äußerungen kritisch sähen. Schon bei den „kleinen Paschas“ sei das so gewesen. Dabei stehe in Wahrheit ein Großteil der Deutschen auf seiner Seite, teile seine Meinung.
Was Merz nicht als Verzerrung abtun kann, ist die Feststellung, dass das Schicksal der Union im Osten am seidenen Faden hängt. Nicht nur im Osten, in ganz Deutschland hätten wir es gerade mit einer „Vertrauenskrise in die Demokratie insgesamt zu tun“, so versucht Merz das Problembild zu vergrößern und von der Union weg ins Allgemeine zu lenken. Die Taktik ist bekannt und bekanntlich wirkungslos – erfährt die Demokratie unter AfD-Wählern doch gerade große Zustimmung.
Merz antwortet auf die Krise seines Landes mit alten Rezeptideen: er will mehr reformieren und mehr positive Nachrichten über Deutschland lesen – immerhin gründeten sich doch gerade so viele neue Unternehmen wie lange nicht mehr. Ein Fakt, der aber über die Werkschließungen landauf, landab nicht hinwegtrösten kann. Hat Merz im Wahlkampf zu viel versprochen? Nein, denn damals hätte man ja nicht ahnen können, was sich seinen Plänen alles in den Weg stellen würde: ein treuloser amerikanischer Präsident, ein anhaltender Krieg in der Ukraine, eine rasant bedrohlicher werdende Volksrepublik China.

Wir müssen mehr erklären, rät der Bundeskanzler dann sich selbst und seinen Koalitionskollegen noch. Und den Deutschen rät er: Ihr müsst mehr arbeiten. Mindestens mal so viel wie die Schweizer, also 200 Stunden mehr im Jahr. Das wird wohl keine Wahlkampfhilfe sein, versucht aber zumindest mal einen Kennedyhaften Ton zu treffen.
Zum Schluss bildet der Kanzler noch einen Satz, der einem im Gedächtnis bleibt, weil er über die abgeschliffenen Funktionsaussagen hinausragt: „Uns darf das Land nicht wegrutschen“. Merz sagt das mit Blick auf die Veranstaltung der AfD in Dessau, bei der die DDR-Hymne gesungen und mit einem Attentat auf ihn kokettiert wurde. Er sagt das mit heiligem Ernst. Mit landesväterlicher Sorge.
Und in diesem Moment sieht man keine Segelboote mehr vorbeifahren, sieht man ihn nicht mehr gut gelaunt und strategisch denkend. In diesem Moment sieht man einen Kanzler, dem sein Volk von der Fahne geht, dem es vor der Verrohung der Sitten und der Sätze nicht nur im Bundestag graut. Ein Kanzler, der sich und seinem Land in Wahrheit nicht zu helfen weiß. Der keine Ahnung hat, wie er die vergeltungssüchtige Stimmung nicht nur im Osten des Landes drehen soll. Es ist ein Kanzler, der ein Land regiert, das auf diese Regierung nicht mehr reagiert. Es ist ein Kanzler, dem die Zeit schon jetzt uneinholbar davon gelaufen scheint. Und da segeln sie im Hintergrund wieder vorbei, die Boote…