Bundeswehr-Milliarden: Warum fehlt es trotzdem an Ausrüstung?

Ankunft und Rueckkehr der Bundeswehr Soldatinnen und Soldaten aus Mali

AUDIO: Wo ist das ganze Geld für die Bundeswehr hin? (4 Min)

Rüstungsausgaben

Wo die Bundeswehr-Milliarden geblieben sind

Stand: 21.08.2026 08:57 Uhr

Die Bundeswehr soll zur stärksten konventionellen Armee Europas ausgebaut werden. Davon ist die Truppe derzeit weit entfernt: Die Hälfte der Panzer steht in der Werkstatt, Ersatzteile fehlen. Dabei hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld bekommen. Warum also ist die Armee in einem so schlechten Zustand?

von Christian Erll, MDR AKTUELL

  • Seit 1955 flossen rund 3,5 Billionen Euro in die deutsche Verteidigung.
  • Auslandseinsätze und Einsparungen haben die Bundeswehr nach Einschätzung von Experten zusätzlich belastet.
  • Kritik gibt es dennoch an den steigenden Verteidigungsausgaben.

Der Reparaturstau bei der Bundeswehr beschäftigt auch MDR AKTUELL-Hörer Bernd Richter aus Weißwasser. Er hat uns geschrieben und fragt: "Wie viel Milliarden sind seit Bestehen der Bundeswehr in die Landesverteidigung gesteckt worden – um jetzt festzustellen, dass die Bundeswehr nicht in der Lage ist, unser Land zu verteidigen? Was hat man mit dem vielen Steuergeld gemacht?"

3,5 Billionen Euro für die Verteidigung seit 1955

Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 hat Deutschland rund dreieinhalb Billionen Euro für Verteidigung ausgegeben – gerechnet nach heutigem Wert. Das ergibt eine Auswertung der Datenbank des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI. Eine astronomische Summe – oder?

Nachgefragt bei Erhard Bühler: Der ehemalige Nato-General war unter anderem Abteilungsleiter Planung im Verteidigungsministerium. Er plädiert dafür, die durchschnittlich 50 Milliarden, die jährlich in die Bundeswehr flossen, mit anderen Kernaufgaben des Staates zu vergleichen, wie etwa dem Bildungsetat: "Da haben wir laut dem letzten Bildungsbericht von 2026 zu Recht 186 Milliarden ausgeben. Und wenn ich mir gerade die Aufgabe Arbeit und Soziales anschaue -- nur das, was aus Steuermitteln kommt, nicht beitragsfinanzierte Sozialleistungen -- da liegen wir auch in der Zusammenfassung der Ausgaben von Bund, Ländern und Kommunen bei ca. 450 Milliarden Euro pro Jahr."

Da liegen wir bei ca. 450 Milliarden Euro pro Jahr. Erhard Bühler, ehemaliger Nato-General

Auch den Verteidigungshaushalt sieht Bühler in diesem Verhältnis: "Und so ordnet sich eben auch der Verteidigungshaushalt mit seinen 83 Milliarden heute plus 25 Milliarden Investitionen aus dem Sondervermögen in die großen anderen Kernaufgaben unseres Landes ein. Deshalb, weil die Aufgaben so wichtig sind, sind auch die Beträge so groß."

Auslandseinsätze und Sparpolitik belasteten die Bundeswehr

Über Jahrzehnte waren zudem fast die Hälfte des Verteidigungshaushalts Personalkosten -- bei etwa 25 Milliarden liegen die Ausgaben für Sold, Gehälter und Pensionen aktuell.

Gleichzeitig gab es politische Entscheidungen, die sich erst Jahre später als folgenreich erwiesen: Nach dem Ende des Kalten Krieges rückte die Landesverteidigung in den Hintergrund und Auslandseinsätze in den Fokus. "Das ist ja nicht Extra-Geld, das da kam", saht Bühler, "sondern das musste daraus finanziert werden. Es musste zusätzliche, spezielle Ausstattung für diese Auslandseinsätze gekauft werden."

Das sei zu Lasten der eigentlichen Kernaufgabe der Streitkräfte gegangen -- der Landes- und Bündnisverteidigung. Hinzu kamen Spar-Bemühungen seit den frühen 2000er-Jahren, indem die Ersatzteillogistik schrittweise verschlankt und zentralisiert wurde. Über die Jahre verschärften sich dabei Engpässe – 2018 wurden beispielsweise gravierende Mängel bei Flugzeugen, Hubschraubern und Panzern öffentlich.

Kritik an steigenden Verteidigungsausgaben

Ulrich Thoden, verteidigungspolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, fragt deshalb nicht nur, wo das Geld geblieben ist. Er bezweifelt auch, ob man damit das anvisierte Ziel überhaupt erreichen kann – egal, wie viel ins Militär fließt.

So sagte Thoden in der Bundestagsdebatte zum Verteidigungshaushalt im Sommer 2025, bereits im vergangenen Jahr hätten die 32 Mitgliedstaaten der Nato mehr Geld für Rüstung ausgegeben als der Rest der Welt zusammen. "55 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben entfielen auf die Nato. Wie viel Geld wollen Sie eigentlich noch versenken, bis Sie sich endlich sicher fühlen?"

Bereits im vergangenen Jahr haben die 32 Mitgliedstaaten der Nato mehr Geld für Rüstung ausgegeben als der Rest der Welt zusammen. Ulrich Thoden, verteidigungspolitischer Sprecher der Linken (2025)

Die Antwort der Koalition: ein Rekordverteidigungshaushalt – der aber nach Ansicht von Ex-General Bühler schlicht bisherige Versäumnisse aufholt und die Bundeswehr endlich wieder für ihre Kernaufgabe der Landesverteidigung fit macht.

Ex-General warnt vor "Rüstungsskandal"

Dabei zählt Bühler auf die wirtschaftliche Vernunft aller Beteiligten: "Es muss jedem klar sein, der jetzt da Verantwortung trägt in der Beschaffungsorganisation der Bundeswehr, dass wir uns nicht erlauben können – gerade jetzt, wo so viel Geld bereitgestellt wird –, dass dort irgendwelche Dinge passieren, die sich hinterher als Rüstungsskandal herausstellen. Das wäre schlecht für die weitere Entwicklung der Bundeswehr und schlecht für die weitere Entwicklung der Nato."

Es muss jedem klar sein, dass wir uns nicht erlauben können, dass dort irgendwelche Dinge passieren, die sich hinterher als Rüstungsskandal herausstellen. Erhard Bühler, ehemaliger NATO-General

Für die Akzeptanz eines Großteils der Bevölkerung dürfte das entscheidend sein. Jüngst gescheiterte Milliardenprojekte wie die Fregatte F126 oder der deutsch-französische Kampfflieger F-CAS zeigen allerdings: Das nun wieder vorhandene Geld wird nicht an allen Stellen immer zielführend ausgegeben.