Bürgermeisterin Weitsch spricht über die ersten 100 Tage im Amt

Stand: 08.10.2026, 08:13 Uhr

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Edermündes Bürgermeisterin Michaela Weitsch vor dem Graffiti in ihrem Büro, dass Kinder anlässlich des Weltkindertages umgestaltet haben.

Geht die Dinge anders an: Edermündes Bürgermeisterin Michaela Weitsch vor dem Graffiti in ihrem Büro, das Jugendliche umgestaltet haben. © Foto: Annika Beckmann

Michaela Weitsch ist seit 100 Tagen Bürgermeisterin von Edermünde – und setzt teilweise bewusst auf einen ungewöhnlichen Führungsstil. Wir haben mit ihr über das Amt gesprochen.

Edermünde – Michaela Weitsch ist seit dem 1. Juli Bürgermeisterin von Edermünde. Eine Zeit, in der sie vor allem im Amt angekommen ist, zugehört und bereits viele Themen angestoßen hat. Dabei will sie ihren eigenen Stil beibehalten – nah an den Menschen und gerne auch mal etwas anders machen. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen, anstehende Projekte und darüber, was sie in den ersten 100 Tagen gelernt hat.

Frau Weitsch, Sie sind nun seit 100 Tagen im Amt. Fühlt sich der Job als Bürgermeisterin mittlerweile selbstverständlich an?

Er fühlt sich inzwischen erstaunlich selbstverständlich an. Ich gehe morgens sehr gerne ins Rathaus und habe das Gefühl, angekommen zu sein. Ich mache dann jeden Tag meine Begrüßungsrunde und bekomme auch immer wieder gesagt: „Du strahlst ja immer noch so?“ Ich sage dann: „Warum auch nicht?“ Es fühlt sich einfach gut und richtig an. Aber natürlich gibt es immer wieder diese kleinen Momente, in denen ich denke: Wahnsinn, jetzt sitze ich tatsächlich hier als Bürgermeisterin und trage die Verantwortung für diese Gemeinde.

Was ist am Bürgermeisterinnenjob anders, als Sie es sich vor Ihrem Amtsantritt vorgestellt haben?

Was ich unterschätzt habe, ist das ständige Springen zwischen völlig unterschiedlichen Themen. Genau das macht den Job aber interessant und entspricht meinem Naturell – ich brauche dieses Wuselige und kann gut umschalten. Von außen unterschätzt man, wie kompliziert manche der Verwaltungsprozesse sind. Sie brauchen Zeit, und auch die finanziellen Möglichkeiten müssen berücksichtigt werden.

Welche Themen stehen derzeit ganz oben auf Ihrer Agenda?

Da sind zunächst unsere großen Investitionsentscheidungen, etwa das neue Dorfgemeinschaftshaus für Grifte und Haldorf mit Feuerwehrstützpunkt. Weitere wichtige Themen sind Verkehr und Lärm. Zur Chefsache habe ich außerdem die Entwicklung von Klimakonzepten gemacht. Der vergangene Sommer hat gezeigt, dass wir neben Wärme- auch über Kältekonzepte und kurzfristige Maßnahmen zur Abkühlung nachdenken müssen, etwa durch klimatisierte Räume. Langfristig geht es dann auch um Außenbereiche, zum Beispiel darum, mehr Verschattungsplätze zu schaffen. Dabei hilft mir mein beruflicher Hintergrund als Architektin. Bei allem, was mit Bauen zu tun hat, fühle ich mich sehr wohl.

Was ist Ihr ganz persönliches Herzensprojekt?

Ganz klar: Edermünde. Mein Herzensprojekt ist es, den Zusammenhalt zwischen unseren vier Ortsteilen zu stärken. Natürlich soll sich jeder mit seinem Ortsteil identifizieren, aber gleichzeitig wünsche ich mir, dass die Menschen sagen: „Wir kommen aus Edermünde.“ Deshalb ist mir Präsenz in allen Ortsteilen wichtig. Ob beim Triathlon, beim Stadtradeln oder bei Vereinsveranstaltungen – ich möchte den Menschen zeigen: Ich bin da.

Die Autobahn GmbH hat angekündigt, dass Ende Oktober die ersten vorbereitenden Arbeiten für den Ersatzneubau der A49-Brücken bei Holzhausen/Hahn beginnen sollen. Das Projekt wird Edermünde voraussichtlich bis 2029 beschäftigen. Wie blicken Sie auf die lange Bauphase?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass diese Baumaßnahme über Jahre eine erhebliche Belastung für Edermünde wird. Die Gemeinde kann den Ersatzneubau nicht verhindern und viele Entscheidungen liegen nicht bei uns. Aber wir können sehr deutlich einfordern, dass die Auswirkungen auf unsere Bürger so gering wie möglich gehalten werden. Mir ist besonders wichtig, dass die Umleitungsverkehre nicht einfach in unsere Ortslagen gedrückt werden. Wir müssen frühzeitig über Verkehrsführung, Schulwege, Rettungswege, ÖPNV und die Erreichbarkeit der Ortsteile sprechen und die Bürger rechtzeitig informieren.

Auch das Thema Lärmschutz an der A49 beschäftigt die Bürger. Was konnten Sie dort bislang anstoßen?

Ich habe das Thema sehr früh aufgenommen und Gespräche mit der Interessengemeinschaft Lärmschutz A49 (IgL A49), insbesondere zu deren Sprecher, Günther Schumann, geführt. Wir stehen in engem Kontakt und versuchen gemeinsam mit unseren Anrainerkommunen und der Politik, die Thematik weiter in Richtung Berlin zu kommunizieren.

Bei so vielen Themen: Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich?

Den nehme ich mir ganz bewusst. Ich bin inzwischen auch in einer Laufgruppe. Wenn ich weiß, die treffen sich beispielsweise um 18.15 Uhr und ich habe zwischen zwei Terminen Zeit, dann laufe ich eine Stunde mit, fahre nach Hause, dusche und gehe anschließend zum nächsten Abendtermin. Dieser Freiraum ist für mich wichtig. Beim Sport kann ich den Kopf freibekommen und gewissermaßen den Reset-Knopf drücken.

Was war bislang Ihr schönster Moment abseits der offiziellen Termine?

Das waren tatsächlich die Praktikumstage in Vorbereitung auf das Bürgermeisteramt. Das war einfach mal eine andere Herangehensweise. Dadurch habe ich die Mitarbeiter schon mal kennengelernt und ein Gefühl dafür bekommen, was auf mich zukommt. Ich war in allen Abteilungen dabei, auch auf dem Bauhof und in der Kläranlage. Ich bin ein praktischer Mensch und packe gerne mit an. Von daher hat das schon dabei geholfen, dass die Menschen mich von Anfang an ein bisschen anders kennenlernen konnten.

Zur Person

Michaela Weitsch (55) wurde in Karlsruhe geboren. Von 1989 bis 1992 absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau. 1994 begann sie ein Architekturstudium in Mainz, das sie 1999 abschloss. Sie ist parteilos, lebt in Grifte, ist ledig und hat ein Kind.

Stichwort anders: Ihr Büro sieht inzwischen auch etwas anders aus. Jugendliche durften Ihre Wand mit Graffiti gestalten.

Ja, die Jugendlichen hatten hier unheimlich viel Spaß. Die Wand sah noch ein wenig kahl aus und da dachte ich mir: Warum nicht ein Graffiti? Ich habe dann auch Blumen und neue Töpfe besorgt und draußen im Flur ein bisschen gegärtnert. Ich habe immer gesagt: „Ich mache es anders.“ Und das merkt man jetzt auch an solchen Aktionen, das ist mir einfach ein Anliegen. Manchmal fühle ich mich ein wenig wie ein bunter Vogel (lacht).

Welche Kritik hat Sie in den ersten 100 Tagen zum Nachdenken gebracht?

Natürlich gab es auch kritische Rückmeldungen – und das gehört für mich dazu. Besonders zum Nachdenken bringen mich die Situationen, in denen Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, nicht ausreichend informiert oder mitgenommen worden zu sein. Dabei habe ich schnell gemerkt: Was für Verwaltung und Politik durch viele Gespräche und Arbeitsschritte längst selbstverständlich erscheint, ist für die Menschen außerhalb des Rathauses nicht automatisch nachvollziehbar. Meine Erkenntnis daraus ist: Gute Entscheidungen allein reichen nicht – wir müssen auch gut erklären, warum wir sie treffen und wie wir zu ihnen kommen. Daran möchte ich arbeiten.

Wie geht es nun in den nächsten Monaten weiter?

Nach 100 Tagen würde ich nicht behaupten, dass ich Edermünde neu erfunden habe, denn kommunale Projekte brauchen Zeit. Es war nicht die Zeit der großen Haken auf einer To-Do-Liste. Sie waren die Zeit des Ankommens, Zuhörens, Verstehens und Anstoßens – jetzt geht es ums Umsetzen.