Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava: Dialog ist kein Zeichen von Schwäche

Rede bei den Salzburger Festspielen

Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava: Dialog ist kein Zeichen von Schwäche

Meinungsfreiheit allein macht noch keine freie Gesellschaft. Erst die Bereitschaft, einander zuzuhören, macht aus vielen Stimmen eine Gesellschaft. Die leicht gekürzte Rede bei den Salzburger Festspielen

Kommentar der anderen

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Maria Kalesnikava

Dieser Tag hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Noch vor Kurzem konnte ich mir nicht vorstellen, wieder auf einer Bühne zu stehen, Live-Musik zu hören und vor einem voll besetzten Saal zu sprechen. Deshalb bin ich besonders glücklich, heute gemeinsam mit Ihnen hier zu sein.

Seit genau 226 Tagen lebe ich wieder in Freiheit. Es waren die kostbarsten 226 Tage meines Lebens. In diesen Monaten habe ich mich über die einfachsten Dinge gefreut: über die Morgensonne und den Regen, über die Möglichkeit, dorthin zu gehen, wohin ich möchte, über Musik, die nicht mehr nur in meiner Erinnerung erklang, sondern wieder in Konzertsälen, über Begegnungen mit meiner Familie und meinen Freunden, über Umarmungen, über lange Gespräche, Lächeln und gemeinsames Lachen.

Die belarussische Musikerin und Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava steht in einem dunklen Raum. Sie trägt einen schwarzen Mantel und blickt nachdenklich zur Seite. Ein verschwommener Vordergrund verdeckt teilweise das Bild.
Maria Kalesnikava: "Es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an jene Menschen denke, die noch immer in Gefängnissen sitzen."

Jeder einzelne neue Tag hat mir mehr Eindrücke geschenkt als früher ein ganzes Jahr. Nach einer langen Haft öffnete sich die Welt wie neu. Ich durfte Menschen begegnen, Gespräche, Konzerte und Ausstellungen erleben, die ich fünf Jahre lang nur in meiner Vorstellung besuchen konnte. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Doch diese Freude ist nie vollkommen. Es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an jene Menschen denke, die noch immer in Gefängnissen sitzen. An diejenigen, denen die Möglichkeit genommen wurde, ihre Angehörigen zu umarmen, Musik zu hören, sich frei zu bewegen oder einfach einen gewöhnlichen Tag zu leben.

"Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug."

Freiheit wird besonders kostbar, wenn man ihren Preis kennt. Mehr als fünf Jahre lang war ich von einer Welt umgeben, in der Hass, Aggression, Demütigung und der Wille, einen Menschen zu brechen, allgegenwärtig waren. Doch wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich, dass mein größter Sieg nicht nur darin bestand, zu überleben.

Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug — und dass ich trotz allem Mensch blieb. Während meiner Haft dachte ich oft an einen Satz: "Wenn du hasst, haben sie bereits gewonnen." Dieser Satz wurde zu meinem inneren Kompass. Ich wollte nicht, dass die Angst mein Leben bestimmt. Ich wollte mir meine Menschlichkeit bewahren. Und vielleicht war genau das das Wichtigste: Ich habe weder das Vertrauen in die Menschen noch den Glauben an das Gute verloren.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut beginnt dort, wo ein Mensch sich trotz der Angst für den Menschen, für die Freiheit und für die Menschenwürde entscheidet — und Verantwortung übernimmt. Darin zeigt sich für mich Zivilcourage.

Wachsende Entfremdung

In den ersten Monaten der Freiheit habe ich die Welt mit neuen Augen gesehen. Natürlich hat sich vieles verändert. Heute bleiben Flaschenverschlüsse mit der Flasche verbunden. Fast überall kann man mit dem Smartphone bezahlen. Und Elektroautos überraschen mich noch immer durch ihr beinahe lautloses Erscheinen. Doch nicht die technologischen Veränderungen beschäftigen mich am meisten. Mich beschäftigt, was unsere freien Gesellschaften zusammenhält.

Vor sechs Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass Aggression einmal in diesem Ausmaß Teil unserer Sprache werden würde — nicht nur in der Politik und zwischen Staaten, sondern auch zwischen uns Menschen. Immer häufiger begegnen wir Gereiztheit, Misstrauen und wachsender gegenseitiger Entfremdung.

Welt voller Worte

Wir leben in einer Welt voller Worte, voller Meinungen und voller Informationen. Aber vielleicht verlieren wir dadurch etwas viel Wichtigeres: die Fähigkeit, einander wirklich zuzuhören. Darin liegt für mich eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Demokratien geraten nicht erst dann in Gefahr, wenn Menschen nicht mehr sprechen dürfen. Sie geraten bereits dann in Gefahr, wenn Menschen aufhören, einander zuzuhören. Denn in jenem Moment, in dem wir aufhören zuzuhören, hören wir allmählich auch auf, den anderen als Menschen wahrzunehmen.

Ich bin vor allem Musikerin. Vielleicht war genau das mein größtes Glück. Denn dort, wo Worte verstummten, blieb mir die Musik. In den härtesten Monaten der Isolationshaft hörte sie in meinem Inneren niemals auf zu klingen. Manchmal genügte es, mich an wenige Takte von Bach, Mozart oder Rachmaninow zu erinnern, um mich wieder frei zu fühlen.

Kraft der Kunst

Ja, mein Körper befand sich in einer Zelle von zwei mal drei Metern. Aber meine Gedanken, meine Erinnerungen und meine Vorstellungskraft waren niemals eingesperrt. Damals habe ich eine einfache Wahrheit verstanden: Freiheit beginnt im Inneren des Menschen. Man kann sie einschränken. Man kann sie verletzen.

Aber man kann sie einem Menschen nicht nehmen, solange er sie nicht selbst aufgibt. Vielleicht liegt darin die Kraft der Kunst. Sie begleitet den Menschen dorthin, wohin ihm niemand folgen kann: in seine Erinnerung, seine Fantasie und sein Gewissen. Deshalb kann Kunst selbst dort die innere Freiheit bewahren, wo die äußere Freiheit verloren geht.

Heute bin ich überzeugt: Musik kann nicht nur den einzelnen Menschen, sondern auch eine Gesellschaft lehren, aufeinander zu hören. Ein Orchester ist eines der schönsten Modelle einer freien Gesellschaft. Jede Musikerin und jeder Musiker bringt eine eigene Erfahrung, einen eigenen Charakter und eine eigene Stimme mit. Niemand muss dafür seine Individualität aufgeben. Im Gegenteil: Diese Individualität macht die Musik lebendig.

"Im Deutschen gibt es einen wunderbaren Ausdruck: aufeinander hören."

Doch Musik entsteht erst dann, wenn Menschen bereit sind, mehr zu tun, als nur ihre eigene Stimme hörbar zu machen. Sie entsteht dort, wo sie aufeinander hören. Wo jeder weiß, wann er führen und wann er folgen muss, wann er Raum gibt und den anderen vertraut. So entfalten sich Harmonie und Schönheit. Nicht aus Gleichförmigkeit, sondern aus Freiheit, Respekt und gegenseitiger Aufmerksamkeit.

Das gilt nicht nur für die Musik.

Wir sprechen oft von der Meinungsfreiheit als einer der größten Errungenschaften unserer Demokratien. Und das ist sie. Doch Meinungsfreiheit allein macht noch keine freie Gesellschaft. Sie gibt jedem Menschen eine Stimme. Erst die Bereitschaft, einander zuzuhören, macht aus vielen Stimmen eine Gesellschaft. Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung. Genau dort beginnt Demokratie.

Im Deutschen gibt es einen wunderbaren Ausdruck: aufeinander hören. Musikerinnen und Musiker wissen, was das heißt. Den anderen wahrzunehmen. Ihm Raum zu geben. Sich aufeinander einzulassen. Und gemeinsam etwas entstehen zu lassen, das größer ist als jeder Einzelne. Diese Fähigkeit braucht unsere Gesellschaft. Kunst beendet keine Kriege. Sie ersetzt keine Politik. Sie verabschiedet keine Gesetze. Sie schafft Vertrauen. Wo Vertrauen entsteht, wird Gespräch möglich.

Größte Stärke

Wo Gespräch möglich wird, entsteht Zusammenarbeit. Und Zusammenarbeit ist die Grundlage jeder freien Gesellschaft. Ich weiß das nicht nur als Musikerin. Ich weiß es auch als Mensch, der heute vor Ihnen sprechen kann, weil Menschen selbst in den schwierigsten Momenten nicht aufgehört haben, miteinander zu sprechen. Nicht Gewalt hat Menschen in die Freiheit zurückgebracht, sondern der Mut, das Gespräch auch unter schwierigsten Bedingungen fortzusetzen. Ich habe selbst erfahren, was Diplomatie bewirken kann. Dass ich heute hier vor Ihnen stehen darf, verdanke ich Menschen, die den Dialog selbst dort nicht aufgegeben haben, wo er aussichtslos schien. Deshalb bin ich überzeugt: Dialog ist kein Zeichen von Schwäche. Er gehört zu den größten Stärken freier Gesellschaften.

Wir sprechen oft von Kultur als Erbe, als Tradition oder als etwas, das unser Leben bereichert. Doch Kultur ist weit mehr. Sie bildet die Grundlagen einer freien Gesellschaft. Sie ist der Ort, an dem der Mensch lernt, Mensch zu sein. Sie lehrt uns Mitgefühl, Zweifel und die Fähigkeit, die Welt mit den Augen eines anderen Menschen zu sehen. Sie erinnert uns daran, dass die Würde jedes Menschen unabhängig von Herkunft, Überzeugungen oder Lebensgeschichte unantastbar ist.

Weder gut noch böse

Wir erleben eine technologische Revolution. Noch vor wenigen Jahren schien Künstliche Intelligenz ein Thema der Science-Fiction zu sein. Inzwischen schreibt sie Texte, komponiert Musik, unterstützt medizinische Diagnosen und verändert bereits unseren Alltag.

Entscheidend ist nicht allein, was Künstliche Intelligenz kann, sondern welche Zukunft wir mit ihr gestalten wollen. Künstliche Intelligenz kann vieles. Aber Mitgefühl kann sie nicht lernen. Unsere Aufgabe bleibt es, über ihren Einsatz und seine Folgen zu entscheiden. Deshalb sind Kultur, Kunst und menschliche Kreativität im Zeitalter künstlicher Intelligenz wichtiger denn je.

Technologien sind weder gut noch böse. Sie verstärken das, was wir aus ihnen machen. Unsere Zukunft entscheidet sich nicht allein an ihrer Entwicklung, sondern daran, wie wir sie einsetzen und welche Folgen wir bereit sind zu tragen. Das 21. Jahrhundert ist nicht nur von einem Wettbewerb um Innovationen geprägt, sondern auch von einem Wechselspiel zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Kontrolle und Freiheit. Kultur, Bildung, Wissenschaft und freie Kunst sind keine Nebensachen. Sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit die Widerstandsfähigkeit einer Demokratie.

Aus Fehlern lernen

Die Stärke Europas zeigt sich nicht darin, dass es keine Krisen kennt, sondern darin, Freiheit zu schützen, aus Fehlern zu lernen, sich zu erneuern und den Dialog niemals aufzugeben. Nur ein starkes Europa kann einen sicheren Raum bewahren — einen Raum, in dem Menschen denken, schaffen, streiten, irren, lernen und gehört werden dürfen. Diese Verantwortung endet nicht an Europas Grenzen. Sie betrifft uns alle.

Eine Frau mit kurzem, grauem Haar lächelt und blickt zur Seite. Der Hintergrund ist unscharf und von warmem Licht geprägt.
Die belarussische Musikerin und Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava: "Optimismus bedeutet nicht, die Wirklichkeit zu verdrängen."

Wir müssen im 21. Jahrhundert nicht nur lernen, mit neuen Technologien zu leben. Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden, sondern daran, wie menschlich wir bleiben. Trotz allem, was ich erlebt habe, bleibe ich Optimistin. Nicht, weil ich die Gefahren nicht sehe. Und auch nicht, weil ich keine Angst vor der Zukunft hätte. Im Gegenteil. Ich weiß, wozu Angst, Gewalt und Hass fähig sind. Aber ich weiß auch, dass Mitgefühl und Liebe stärker sein können als Gleichgültigkeit und Angst.

Brücken bauen

Optimismus bedeutet nicht, die Wirklichkeit zu verdrängen. Optimismus ist die Entscheidung, trotz aller Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Ich bin überzeugt, dass die Vernunft siegen wird. Nicht von selbst, sondern weil Menschen sich jeden Tag neu entscheiden, zuzuhören, zu verstehen und zu handeln. Weil sie nach Lösungen suchen, statt nach neuen Feinden. Weil sie Brücken bauen, statt neue Mauern zu errichten. Genau diese Menschen verändern unsere Zukunft.

Deshalb glaube ich an die Demokratie. Nicht, weil sie Konflikte verhindert, sondern weil sie uns ermöglicht, Konflikte auszuhalten, ohne aufzuhören, im anderen Menschen zuerst einen Menschen zu sehen. Vor allem aber glaube ich an den Menschen. Zukunft entsteht nicht von selbst. Sie entsteht aus Millionen menschlicher Entscheidungen. Auch aus unseren.

Sie beginnt mit den Entscheidungen, die wir heute treffen: Freiheit über Angst zu stellen, Vertrauen über Misstrauen, Menschlichkeit über Gleichgültigkeit — und den Dialog niemals aufzugeben. (Maria Kalesnikava, 26.7.2026)

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