China überträgt live, ARD und ZDF nicht: Kanu-Präsident Konietzko über Deutschlands TV-Problem
Drei Goldmedaillen hat Deutschland bei der Kanu-EM in Portugal gewonnen. Und kaum jemand in Deutschland hat davon Notiz genommen.
Dabei zählen die Kanuten seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten deutschen Olympia-Athleten. Unter den elf Deutschen mit den meisten Olympia-Medaillen stehen mit Birgit Fischer, Katrin Wagner-Augustin und Max Rendschmidt gleich drei Namen aus dem Kanusport.
Warum die Erfolge trotzdem so wenig Aufmerksamkeit bekommen – und weshalb das nicht nur an der Fußball-WM liegt –, erklärt Thomas Konietzko, Präsident der Internationalen Kanu-Föderation (ICF), im Interview mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung.
Herr Konietzko, vor einem Monat war Kanu-EM, Deutschland hat sogar drei Goldmedaillen gewonnen, aber viele haben davon gar nichts mitbekommen. Woran liegt das?
Man muss realistisch sehen, dass wir eine Randsportart sind. Die kann begeistern, hat es aber schwer, Fans außerhalb unserer Bubble zu erreichen.
Allerdings gab es einen Livestream in der ARD, und auch der Slalom-Weltcup in Augsburg wurde eine Woche vorher live übertragen. Wer es sehen wollte, konnte das also.
Trotzdem hätten wir uns natürlich ein bisschen mehr Werbung für die Veranstaltung gewünscht. Im Moment ist vieles auf Fußball fokussiert. Das ist so, aber es liegt auch an uns, unsere Sportart besser zu vermarkten.
Sven Simon/Malte Ossowski/imago
Zur Person
geboren am 6. November 1963 in Wolfen, ist ein deutscher Unternehmer und Sportfunktionär. Von 2010 bis 2021 war er Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes. Anschließend wurde er Präsident der Internationalen Kanu-Föderation (ICF). Er ist der einzige deutsche Präsident eines internationalen olympischen Spitzensportverbandes.
Was können Sie da machen?
Für mich ist das etwas schwierig, weil ich nicht mehr im nationalen Bereich tätig bin. Ich bin Ehrenpräsident des Deutschen Kanu-Verbandes, als Präsident des Weltverbandes stehen wir aber weltweit vor denselben Herausforderungen.
Wir versuchen, neue Märkte zu erschließen. Seit einigen Jahren gehen wir mit unseren Wettkämpfen in möglichst alle Kontinente, nach Asien, und da gelingt uns das. Der Kanusport ist nicht mehr so europäisch zentriert, wie er das noch vor einigen Jahren war, sondern gewinnt anderswo an Aufmerksamkeit. In Deutschland fehlen uns ein Stück weit die Tools, um uns besser vermarkten zu können.
Uns fehlt eine Plattform.
Thomas Konietzko
Was sind diese Möglichkeiten? Geht es vor allem ums Geld?
Nein, vor allem um Sichtbarkeit. Wir konkurrieren mit allen Sportarten, die nicht Fußball, Handball oder Leichtathletik heißen. Fußball läuft bis in die vierte Liga im Fernsehen, dazu kommen zahlreiche Streamingangebote für Mannschaftssportarten. Uns fehlt eine Plattform, auf der wir regelmäßig präsent sind und neue Fans erreichen können.
Wie könnte man die Sichtbarkeit im TV erhöhen?
Sie werden überrascht sein, dass ich das öffentlich-rechtliche Fernsehen lobe. Wir haben über Jahre darüber gesprochen, wie andere Sportarten stärker ins Blickfeld rücken können.
Zum Beispiel über die Finals, die dieses Jahr vom 23. bis 26. Juli stattfinden?
Genau. Die Finals sind kleine Olympische Spiele. Sie wurden geschaffen, um Sportarten eine Bühne zu geben, die sonst kaum im Fernsehen stattfinden.
Viele Deutsche Meisterschaften werden an einem Wochenende gebündelt und von den Öffentlich-Rechtlichen übertragen. Das hilft uns, präsenter zu sein und auch mal neue Zielgruppen zu erreichen. Fans einer Sportart entdecken dabei oft auch andere Disziplinen.
Sie bieten also die Chance, neue Fans zu gewinnen?
Das hoffe ich. Aber ich würde mir natürlich auch wünschen, wenn wir einen Sportkanal im Öffentlich-Rechtlichen hätten, so wie es zum Beispiel in Österreich und in Tschechien der Fall ist, wie es viele Länder außerhalb Europas haben, wo nicht so sehr der Kommerz im Vordergrund steht, sondern wirklich mal eine Bühne gegeben wird.
Aber da tun sich unsere Öffentlich-Rechtlichen schwer, und für die Privaten sind wir einfach kommerziell nicht attraktiv genug, weil wir da noch eine relativ überschaubare Fangruppe haben.
Wie sieht denn die mediale Entwicklung im Kanusport aus?
Für den Kanusport sind wir gar nicht schlecht aufgestellt. Vor ein paar Jahren haben uns Studien bei der Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon auf Platz vier oder fünf hinter den großen Sportarten gesehen. Ich würde sagen, dass es weder eine Aufwärts-, noch eine Abwärtsentwicklung ist. Es ist eine konstante Berichterstattung in vielen Medien auf einem relativ niedrigen Niveau.
Dabei sind die Kosten für Übertragungen vergleichsweise gering.
Als Weltverband verkaufen wir die TV-Rechte für Deutschland zu einem niedrigen fünfstelligen Betrag pro Jahr. Dafür könnten alle Welt- und Europameisterschaften übertragen werden.
Aber sie machen es halt nicht, obwohl wir kostenfrei das Signal anbieten. Das heißt, wir investieren in die Produktion des TV-Signals und bieten das im Rahmen dieser Rechte dann ohne zusätzliche Kosten an. Also es wäre jetzt finanziell keine große Herausforderung. Man müsste einfach nur den Platz schaffen, damit dieses Signal dann auch irgendwie ins Fernsehen kommt.
Sportlich läuft es weiterhin gut. Ist Deutschland eine Kanunation?
Es ist kein Zufall, dass die Kanuten seit den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona fast immer zu den erfolgreichsten deutschen Verbänden gehören. In Paris waren wir die Zweitbesten. Deutschland ist schon eine Kanunation.
Und ich sage mal, wer sich einmal einen Kanu-Wettkampf live oder auch im Fernsehen anschaut, der wird auch wieder gucken, weil wir da schon eine Show abliefern. Wir versuchen, unsere Wettkämpfe noch attraktiver zu präsentieren, damit auch Menschen ohne Bezug zum Kanusport hängen bleiben. Wir arbeiten an unserem olympischen Programm.
Jacob Schopf (l.) und Max Lemke (r.) bejubelten bei Olympia in Paris 2024 ihre Goldmedaillen im Kajak-Zweier.
© Sebastian Kahnert
Was bedeutet das konkret?
Wir haben neue Wettbewerbe eingeführt, die eine größere Show versprechen, etwa eine Long-Distance-Disziplin mit Portage. Das heißt, die Athletinnen und Athleten müssen nicht nur paddeln, sondern in jeder Runde mit dem Boot ein Stück rennen, bevor sie wieder ins Wasser steigen.
Das liefert natürlich Bilder, die dann schon den normalen Zuschauer begeistern. Wir wollen unseren Sport spannender präsentieren, seine Seele aber nicht gefährden. Am Ende hilft das alles aber nur, wenn wir auch die Plattformen bekommen, auf denen wir diese Bilder zeigen können.
Im Kanusport gab es nie diese Ost-West-Trennung.
Thomas Konietzko
Warum ist Deutschland im Kanusport international so erfolgreich?
Wahrscheinlich liegt die Antwort 26 Jahre zurück. Als einer der wenigen deutschen Sportverbände hat die damalige Führung im DKV West die besten Trainer und Experten, egal, wo sie herkamen, zusammengeführt. Das hat dazu geführt, dass tatsächlich auch viele Ostdeutsche mit einer großen Erfahrung Verantwortung im Kanusport übernehmen konnten und es nie diese Ost-West-Trennung in unserem Verband gab. Und mittlerweile haben wir deutschlandweit Leistungssportmaßstäbe eingeführt, die wirklich die Leistung in den Vordergrund stellen.
Was heißt das?
Es ist eine harte Sportart, man muss viel dafür machen, aber wir haben eine transparente und nachvollziehbare Leistungsbewertung. Das heißt, egal, wo die Leute herkommen, die Besten können sich qualifizieren.
Dadurch hatten wir wenig öffentlichen Streit in unserem Verband, sondern eine gemeinsame Philosophie, nach der Leistung zählt. Wir orientieren uns an den Weltspitzenleistungen.
Mit den richtigen Leuten, mit den richtigen Experten, mit der richtigen Philosophie hat es dann bei uns geklappt. Und es lag ehrlicherweise auch an einer relativ guten Förderung, die all das abgesichert hat.
Die Bootshäuser sind voll. Unser Problem beginnt dort, wo es um Leistungssport geht.
Konietzka über die kommende Kanu-Generation
Kommt denn genügend Nachwuchs nach? Viele Sportarten tun sich schwer, junge Menschen zu gewinnen.
Wir haben kein Problem, Kinder für den Kanusport zu begeistern. Die Bootshäuser sind voll. Unser Problem beginnt dort, wo es um Leistungssport geht.
Die Zeiten, in denen sich Kinder über sportliche Erfolge definiert haben und dafür in Schule oder Umfeld besondere Anerkennung bekamen, sind vorbei. Viele treiben gern Sport, aber wenn es darum geht, das Leben konsequent auf Leistungssport auszurichten und auf anderes zu verzichten, haben wir die gleichen Schwierigkeiten wie viele andere Sportarten.
Was heißt das konkret?
Es werden weniger, die diesen Weg wirklich gehen wollen. Leistungssport funktioniert nur mit vollem Fokus auf den Sport. Im Moment reicht es noch, um aus den wenigen Talenten mit guten Trainern und wissenschaftlicher Unterstützung Weltklasseathleten zu entwickeln. Aber andere Länder laufen uns da gerade den Rang ab.
Woran liegt das?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungssport nicht mehr den Stellenwert hat, den er vor 20 oder 30 Jahren hatte. Ausnahmen sind Olympia oder Fußball, wo sich auch finanziell viel verdienen lässt. Aber die Sportarten, bei denen man tatsächlich einen Teil seiner Jugend und seiner jungen Jahre opfern muss, ohne dass man einen finanziellen Vorteil davon hat, die haben es deutlich schwerer.
Wie ist die Situation in anderen Ländern?
In Ländern wie Brasilien, Argentinien, China oder den USA sind mehr junge Menschen bereit, sich dem Leistungssport vollständig zu verschreiben. Ein Beispiel ist China: Dort konnten wir vor einigen Jahren einen Vertrag mit CCTV abschließen. Anders als ARD und ZDF überträgt der Sender unsere Weltcups und Weltmeisterschaften in den olympischen Disziplinen live.
Das macht den Kanusport bekannter, schafft Vorbilder und motiviert Kinder, selbst mit dem Sport anzufangen. Mehr Sichtbarkeit führt fast immer auch zu mehr Nachwuchs.
Würde es helfen, wenn Olympische Spiele in Deutschland stattfänden, bei denen der Kanusport regelmäßig Medaillen gewinnt?
Ich bin ein klarer Befürworter Olympischer Spiele in Deutschland, nicht wegen der zwei Wochen Wettkämpfe, sondern wegen der Wirkung, die sie in den Schulen, in der Gesellschaft und in der Politik entfalten können.
Olympische Spiele wären ein Tool, um den Sport insgesamt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken, um Investitionen in Sportstätten wieder mehr diskutieren zu können, als wir es jetzt im Moment können.
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