Cholera im Sudan: Eine Krankheit im Rhythmus des Krieges

Stand: 12.10.2026, 14:16 Uhr

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Eine Ärztin behandelt ein Kind im Lehrkrankenhaus Zalingei, das von Ärzte ohne Grenzen betrieben wird.

Eine Ärztin behandelt ein Kind im Lehrkrankenhaus Zalingei, das von Ärzte ohne Grenzen betrieben wird. © Tadeu Andre/Ärzte ohne Grenzen

Choleraausbrüche fordern im Sudan immer wieder zahlreiche Leben. Doch viele dieser Ansteckungen könnten verhindert werden. Ein Gastbeitrag von Micaela Serafini.

Cholera gibt es seit Jahrhunderten. Wir wissen, wie man die Krankheit verhindert und behandelt. Und doch erlebten die Menschen im Sudan in den Jahren 2024 und 2025 den tödlichsten Choleraausbruch in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Krankheit breitete sich in allen 18 Bundesstaaten aus und forderte nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr als 124.000 Erkrankte und 3.500 Tote.

Ich habe einen Großteil meiner Laufbahn in der Notfallmedizin gearbeitet. Was mich an diesem Ausbruch erschüttert, ist nicht nur, dass er überhaupt stattgefunden hat. Sondern, dass so viele Ansteckungen und Todesfälle hätten verhindert werden können. Seit den 1960er Jahren gab es im Sudan mindestens 16 Cholera-Ausbrüche, darunter auch große Wellen im Jahr 2006, von 2016 bis 2018 und im Jahr 2019. Saisonale Regenfälle und eine schwache Infrastruktur verschlimmerten diese Ausbrüche.

In den vergangenen Jahren jedoch hat der Krieg dieses Muster verändert: Seit im April 2023 Kämpfe zwischen den sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces ausgebrochen sind, haben unsere Teams beobachtet, dass die Cholera den Wegen dieses Krieges folgt. Sie tritt in den Vertriebenenlagern auf, ausgelöst durch die schlechten Lebensbedingungen dort. So kam es in Port Sudan, al-Kadarif, Khartum und Kosti schon während der Trockenzeit zu sprunghaften Anstiegen der Cholera-Erkrankungen – bereits Monate, bevor die Regenfälle begannen.

Angriffe auf Kraftwerke als Auslöser

Im Februar 2025 wurde das Elektrizitätswerk angegriffen, das die Stadt Kosti im Bundesstaat Weißer Nil versorgt. Die Wasseraufbereitungsanlage der Stadt fiel aus, Familien mussten Wasser aus dem Fluss holen oder Wasser kaufen, das mit Eselskarren herangeschafft wurde. Innerhalb weniger Tage nach dem Angriff kamen Hunderte Menschen mit wässrigem Durchfall in das Krankenhaus von Kosti. Bis zum 5. März, weniger als einen Monat später, waren mehr als 3000 an Cholera Erkrankte aufgenommen worden, über 100 Menschen starben.

Die gleiche Abfolge von Ereignissen zeigt sich auch andernorts im Sudan. In der Hauptstadt Khartum führten Angriffe auf Kraftwerke im Mai dazu, dass die Stromversorgung für Pumpen, die sauberes Wasser lieferten, unterbrochen wurde. Stromausfälle beeinträchtigten die Wasseraufbereitung und den Betrieb von Gesundheitseinrichtungen. Die Lieferung von Chlor und anderen lebenswichtigen Gütern verzögerte sich oder ging zur Neige. Finanzierungslücken brachten die Wasserversorgung per Tankwagen zum Stillstand. Und so wurden in Khartum die Preise für Wasser für die meisten Menschen unerschwinglich.

Micaela Serafini: Eine Frau mit dunkelgrauen, lockigen Haaren, lächelt in die Kamera.

Micaela Serafini ist Ärztin und Leiterin der Sektion Schweiz der internationalen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. © Pierre-Yves Bernard/Ärzte ohne Grenzen

Im Sudan sehen wir, dass Cholera-Ausbrüche immer mehr dem Rhythmus des Krieges folgen als den Jahreszeiten oder dem Wetter. Die größte Last trifft dabei die Menschen mit dem geringsten Schutz: innerhalb des Sudans vertriebene Familien, die oft in überfüllten Lagern oder informellen Siedlungen leben, ohne sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen oder medizinische Versorgung.

Die Cholera im Sudan breitet sich nicht in einem Vakuum aus. Der Konflikt schafft und verschärft die Bedingungen, die ihre Ausbreitung ermöglichen: beschädigte Wasser- und Stromversorgungssysteme, Massenvertreibungen und blockierter Zugang für humanitäre Hilfe. Die Krankheit ist vermeidbar. Das wiederholte Versagen, sie zu verhindern, spiegelt politische Entscheidungen wider: die Zivilbevölkerung nicht zu schützen, zivile Infrastruktur gezielt anzugreifen oder deren Beschädigung in Kauf zu nehmen, schnelle Hilfslieferungen zu blockieren und Mittel zu kürzen.

Verstärkte Überwachung und Vorsorge gefordert

Zwei Dinge müssen jetzt geschehen: Wir müssen mit der Geschwindigkeit handeln, die diese Ausbrüche erfordern. Es braucht verstärkte Überwachung, um Fälle frühzeitig zu erkennen; es braucht dringend Investitionen in Vorsorge. Dazu gehören Impfprogramme sowie Wasser- und Sanitärversorgung. Und es braucht eine Rechenschaftspflicht: Die Konfliktparteien und diejenigen, die Einfluss auf sie haben, müssen ihre Verpflichtungen gemäß dem humanitären Völkerrecht und den Genfer Konventionen einhalten, zivile Infrastruktur wie Wasser- und Stromversorgungssysteme zu schützen, die für das Überleben der Menschen unerlässlich sind. Wenn ein Kraftwerk oder eine Wasseraufbereitungsanlage angegriffen wird, reichen die Folgen weit über die Zerstörung der Infrastruktur hinaus. Sie zeigen sich in der nächsten Cholera-Station, die mit Patientinnen und Patienten überfüllt ist, von denen einige sterben werden.