Sommer 2026 ist für Chrupalla „ganz normal“: Die Fakten sprechen eine andere Sprache
Chrupalla erlebte „ganz normalen Sommer“: Damit liegt er gleich mehrfach falsch
Stand: 23.08.2026, 22:47 Uhr
Für den AfD-Politiker war der Sommer 2026 „ganz normal“. Daten von DWD, Copernicus und RKI widersprechen dem AfD-Chef jedoch auf ganzer Linie.
Berlin – Der AfD-Vorsitzende und ‑Bundessprecher Tino Chrupalla war am Sonntag (23. August) zu Gast im ARD‑Sommerinterview. Themen waren mitunter die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (6. September) sowie Migration – und dabei primär die Zuwanderung von Fachkräften. Aber auch der Klimawandel stand im Sommerinterview auf dem Programm. Bezüglich der globalen Erwärmung, der Präsenz klimatischer Veränderungen und der Folgen für Natur und Mensch vertrat Chrupalla eine Haltung, die nicht wenige irritieren dürfte.

„Klima ist graduell ein Nebenthema“, sagte Chrupalla. Menschen, die das Thema öffentlich in den Fokus rücken, bezichtigte Chrupalla, „von den wirklichen Problemen ablenken“ zu wollen. Damit lehnte sich der AfD-Vorsitzende im Sommerinterview jedoch nicht nur denkbar weit aus dem Fenster. Ferner stellte er Diskussionen um Phänomene des Klimawandels grundlegend infrage, die auch in diesem Sommer wieder vielerorts in Deutschland und Europa in diversen Formen zutage traten. Und auch die Faktenlage spricht eine andere Sprache.
Trotz über Zehntausend Hitzetoten 2026 – für Chrupalla war der Sommer 2026 ein „ganz normaler“
Tausende Hitzetote, lang anhaltende Trockenperioden bis zu Dürren, und Waldbrände in großen Teilen Europas. Dazu historisch niedrige Pegelstände von Flüssen wie dem Rhein oder der Donau und Rekordtemperaturen im Mittelmeer. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung bewiesen auch im Sommer 2026, in welchem Facettenreichtum sie inzwischen in weiten Teilen Europas sichtbar werden. Und nicht zuletzt, welche Gefahren von ihm für den Menschen ausgehen.
Gleich zum Einstieg des Sommerinterviews in der ARD-Sendung Bericht aus Berlin wandte sich Moderator Markus Preiß dem Klimawandel zu. In diesem Zuge wies er AfD-Politiker Chrupalla nach dem Einblenden eines Fotos des Rhein-Niedrigwassers darauf hin, dass seine Partei den Klimaschutz immer für „ziemlichen Unfug gehalten“ habe. „Wenn sie solche Bilder sehen, war das ein Fehler?“, fragte Preiß.
Chrupalla entgegnete, gesamtparteilich leugne die AfD den Klimawandel zwar nicht, halte „den menschengemachten“ Anteil an ihm jedoch „für sehr gering“. Als es um die globale Erwärmung und ihre Folgen für Deutschland ging, sagte der AfD-Bundestagsabgeordnete, dass es für ihn „ein ganz normaler Sommer“ sei. „Ja, es gab Trockenperioden, es gab auch lange Regenperioden“, so Chrupalla. Damit jedoch schätzt Chrupalla die Situation gleich in mehrfacher Hinsicht falsch ein.
AfD-Bundessprecher Chrupalla liegt schlichtweg falsch – die von ihm betonten „langen Regenperioden“ gab es nicht
Denn bereits der Juni war in Deutschland mit einer mittleren Temperatur von 19,5 Grad Celsius laut ARD-Faktencheck der zweitwärmste seiner Art seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen 1881. Und auch der Juli lag laut Deutschem Wetterdienst (DWD) mit seinem Temperaturmittel von 19,7 Grad ganze 2,8 Grad über der Referenzperiode der Jahre 1961–1990 und 1,4 Grad über dem Mittel der Jahre 1991–2020. Aber auch die laut RKI 14.000 Hitzetoten (Stand 23. August) in Deutschland und allein 9600 in der Woche vom 22. bis 28. Juni sind ein deutliches Signal. Europaweit seien es bis zu 32.000 Hitzetote gewesen, wie die Beobachtungsplattform EuroMomo am Samstag (22. August) schätzte.
Aber auch das EU-Klimabeobachtungsprogramm Copernicus teilte jüngst (10. August) mit, im Juni und Juli sei es in Westeuropa noch in keinem Jahr seit Messbeginn annähernd so heiß gewesen wie 2026. Mit 21,62 Grad überstieg das westeuropäische Temperaturmittel den Referenzwert der Jahre 1991 bis 2020 um 2,79 Grad. Und auch „lange Regenperioden“, die der AfD-Bundessprecher im Sommerinterview den Auswirkungen des Klimawandels entgegenhielt, hat es den DWD-Meteorologen zufolge nicht gegeben. Sie wiederum warnten in einer zuletzt (7. August) veröffentlichten Mitteilung vor „starker Bodentrockenheit“, da die Niederschlagsmengen bereits seit März „in fast ganz Deutschland unterdurchschnittlich“ seien.
Demzufolge zeigte der Vergleich zum vieljährigen Mittel 1991 bis 2020, dass in jenen Monaten deutlich weniger Niederschlag als üblich fiel: In Süddeutschland sei es „gebietsweise nicht einmal die Hälfte des vieljährigen Mittels“ gewesen. Und gerade die Bodentrockenheit ist eine enorme Triebkraft bei Hitzewellen, wie Klimaforscher Dr. Peter Pfleiderer von der Uni Leipzig gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) sagte. Er wies auf die Extremtemperaturen in Nordamerika 2021 hin, die nahezu 50 Grad erreichten. Die Wechselwirkung zwischen trockenen Böden und Hitze habe sich auch im europäischen Sommer 2026 gezeigt, erklärt Dominik Schuhmacher von der ETH Zürich: „Wenn die Luft immer heißer wird, trocknet sie den Boden aus. Und dann wird es noch heißer und die Böden werden noch trockener. Eben das habe „den Weg für diese extreme Hitzewelle Ende Juni geebnet“.
Chrupalla hebt Kosten der Klimawandel-Gegenmaßnahmen hervor – was aber kosten Extremwetter-Ereignisse?
Ausgehend von Modellsimulationen kamen Klimaforscherinnen und -forscher der Uni Leipzig jüngst zu dem Schluss, dass sogenannte Jahrhundertsommer künftig „beispiellos ausfallen“ dürften, sagte Pfleiderer dem MDR weiter. Eine ähnliche Tendenz zeichnen auch die Meere: Die Temperaturen des Pazifiks – erhitzt auch durch das Wetterphänomen El Niño – aber auch des Mittelmeers lagen in diesem Sommer überdurchschnittlich hoch. Vor Mallorca wurde laut spanischem Wetterdienst Aemet zu Monatsbeginn (6. August) eine neue Rekordtemperatur von 33,02 Grad gemessen. Aber auch in vielen anderen Mittelmeer-Gefilden ist die Erwärmung spürbar. Laut Spektrum der Wissenschaft liegen sie an fast allen europäischen Küsten deutlich über dem Mittel der Jahre 1990 bis 2020. Besonders stark fällt die Abweichung zum Temperaturmittel jenes Zeitraums aber rund um Italien, die Balearen, die französische Südküste und das südliche Mittelmeer aus.
Chrupalla dagegen stellte im ARD-Sommerinterview infrage, inwiefern sich Gegenmaßnahmen wie CO2-Abgaben ökonomisch rentieren. Diese nämlich würden Steuerzahlerinnen und Steuerzahler „viel Geld kosten“. Außer Acht lässt der AfD-Bundessprecher dabei aber, welchen Schaden immer häufiger auftretende Klimawandel-Folgeerscheinungen anrichten. Denn darunter sind beileibe nicht durch langanhaltende Dürren, die Landwirten das Leben schwer machen, sondern auch Extremwetter-Szenarien wie Unwetter mit sintflutartigen Regenfällen und Überschwemmungen.
Und diese verursachen hierzulande weitaus größeren Schaden als in vielen anderen Industrienationen, wie eine Studie von Geowissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern für den Münchner Rückversicherer Munich Re Ende des Vorjahres (8. November 2025) bilanzierte. Laut der Studie, über die der Bayerische Rundfunk berichtete, führten Unwetter und Überschwemmungen in Deutschland seit dem Jahr 1980 zu einer Gesamtschadensumme von 182 Milliarden Euro. (ARD-Bericht aus Berlin, Copernicus, Deutscher Wetterdienst, Mitteldeutscher Rundfunk, Spektrum der Wissenschaft, Aemet, Bayerischer Rundfunk)