„Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck“
SZ: Herr Weidmann, haben Sie die Schlacht um die Unabhängigkeit der Commerzbank verloren?
Jens Weidmann: Wir haben uns alle gemeinschaftlich für eine starke und eigenständige Commerzbank eingesetzt und in den letzten Jahren bewiesen, dass wir so Werte schaffen können, für Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter. Das Ergebnis des Übernahmeangebots ist nun anders ausgefallen, als wir es uns erhofft haben. Wir haben jetzt einen großen Aktionär, der auf der nächsten Hauptversammlung vermutlich die Mehrheit stellen wird. Damit werden wir im Sinne des Unternehmens und seiner Stakeholder umgehen.
Würden Sie mit dem Wissen von heute etwas anders machen?
Als Unicredit eingestiegen ist, im September 2024, kostete die Aktie ungefähr 13 Euro, jetzt ungefähr 39 Euro. Das ist das Dreifache. Insofern ist es müßig zu diskutieren, was bei einem anderen Verhalten passiert wäre. Denn aus Aktionärssicht kann man sagen: Wir haben in der ganzen Zeit das Wertschöpfungspotenzial der Commerzbank gezeigt. Und lange gab es gar kein konkretes Angebot der Unicredit. Als es dann im Frühjahr vorlag, lag es unter dem Kurs unserer Aktie. Das heißt: Wären wir auf das Angebot eingegangen, hätten wir unseren Aktionären empfehlen müssen, unter Wert zu verkaufen.
Es gab Kritik, Sie seien zu leise gewesen im Kampf um die Unabhängigkeit der Commerzbank.
Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck. Es geht um das Unternehmensinteresse. Ich glaube nicht, dass Lautstärke per se oder ein paar Interviews mehr die Entwicklung wirklich positiv beeinflusst hätten.
Oder hat die Commerzbank vielmehr zu aggressiv auf Orcels Avancen reagiert und ihn dadurch verärgert?
Die Bank hat stets im Interesse ihrer Stakeholder agiert und ihre Position klar vertreten. Gemessen an dem, was wir von Andrea Orcel gehört haben, kann man die Kommunikation der Commerzbank aus meiner Sicht sicher nicht als aggressiv bezeichnen. In unserer begründeten Stellungnahme haben wir sachlich erklärt, dass das Angebot nicht attraktiv ist, und unseren Aktionären empfohlen, es nicht anzunehmen. Im Übrigen: Es ist kurios, dass die einen sagen, man hätte früher und netter reden müssen, während die anderen fordern, man hätte viel härter und aggressiver auftreten müssen. Aber das ist wohl so eine Situation, in der im Nachhinein der ein oder andere aus der Distanz besser zu wissen glaubt, was man hätte tun oder lassen sollen.
Können Sie garantieren, dass der Betriebsrat auch unter Unicredit konstruktiv mitmacht?
Der Betriebsrat hört nicht auf den Aufsichtsratsvorsitzenden, sondern vertritt die Belegschaft. Das ist seine Rolle. Die hat er engagiert wahrgenommen und wird das auch in Zukunft tun. Hier in der Commerzbank hat sich aber auch gezeigt, dass das Management, wenn es die nötige Sensibilität aufbringt und Vertrauen entsteht, mit dem Betriebsrat an einem Strang ziehen kann. Wenn Mitarbeiter echte Wertschätzung spüren und ihre Leistungen honoriert werden, kann das zu Bestleistungen motivieren.
Haben Sie Andrea Orcel seit Beginn der Übernahme persönlich getroffen?
Nein. Frau Orlopp hat sich als Vorstandschefin mehrfach mit ihm getroffen. Aber jetzt gibt es sicherlich auch Punkte, die ich mit ihm diskutieren muss.
Welche Punkte sind das?
Das betrifft zuallererst Fragen der Governance: Unicredit hat jetzt knapp die Hälfte der Commerzbank erworben, und wir sollten ein gemeinsames Interesse daran haben, dass es dieser Bank gut geht.
Es haben jedenfalls genügend Aktionäre verkauft.
Von den gut 73 Prozent der Aktien, die hätten angedient werden können, wurden knapp 18 Prozent angedient. Institutionelle und private Investoren taten dies nur zu weniger als drei Prozent; der Rest waren mit Unicredit verbundene Banken. So konnte Unicredit mit einem finanziell unattraktiven Angebot eine Mehrheit erreichen, ohne eine angemessene Kontrollprämie zu bezahlen. Das wirft Fragen zum Übernahmerecht in Deutschland auf, das sich der Gesetzgeber vielleicht anschauen sollte. In anderen Ländern ist es restriktiver, etwa in den USA und Großbritannien. Wir aber sind nicht der Gesetzgeber und können nun entweder die Vergangenheit aufarbeiten oder die Zukunft der Bank gestalten. Mein Ziel ist Letzteres.
Hätten Sie sich von Berlin mehr Schützenhilfe gewünscht?
Der Ausgangspunkt war der missglückte Verkauf der Commerzbank-Anteile durch die damalige Bundesregierung. Wenn der Bund diesen Anfangspunkt nicht gesetzt hätte, wäre die Geschichte vermutlich anders verlaufen. Dann aber hat der Bund mehrfach gesagt, dass er die Übernahme in dieser Form ablehnt. Das war eine wichtige Unterstützung für unsere Haltung.
Sollte der Bund mittelfristig Aktionär bleiben?
Ich bin grundsätzlich überzeugt, dass der Staat nicht der bessere Unternehmer ist. Die Beteiligung war Teil einer Rettungsmaßnahme, deshalb sollte sich der Bund perspektivisch zurückziehen. In der aktuellen Phase macht es aber Sinn, dass der Bund weiter Aktionär bleibt, um die Interessen des Standorts Deutschland aktiv zu vertreten.
Sie hatten die Sorge geäußert, dass eine Übernahme die Kreditvergabe an den Mittelstand gefährdet. Muss man jetzt darum bangen?
Die Kreditvergabe ist wichtig für die deutsche Wirtschaft, aber eben auch Teil eines tragfähigen Geschäftsmodells der Bank. Jeder Aktionär sollte daher ein Interesse daran haben, dass wir dieses Geschäftsmodell stärken und nicht schwächen.
Andrea Orcel hat zuletzt viele Verhandlungspartner genannt, aber das Commerzbank-Management dabei ignoriert. Er scheint nicht ernsthaft mit Ihnen reden zu wollen. Was bedeutet das?
Es finden durchaus Gespräche mit dem Management auf verschiedenen Ebenen statt: Das sind technische Gespräche darüber, was nach den Genehmigungen passiert, sowie Gespräche zum rechtlichen Rahmen, und die Tür für strategische Gespräche ist aus unserer Sicht geöffnet. Nach dieser langen, aus meiner Sicht nicht immer konstruktiven Phase braucht es aber Zeit, bis Vertrauen entsteht und grundlegende Fragen sinnvoll diskutiert werden können.
Ist das Vertrauen nachhaltig zerrüttet?
Wir sind alle Menschen. Natürlich beeinflusst uns die Vergangenheit und wie miteinander umgegangen wurde. Deshalb habe ich vor Kurzem gesagt: Wir sollten uns an einen Tisch setzen, professionell und verantwortungsvoll, und versuchen, die Vergangenheit auszublenden – im Interesse der Aktionäre, Mitarbeiter und Kunden. Zu sehr zurückzublicken, ist sicher nicht hilfreich. Um es noch mal zu unterstreichen: Der sprichwörtliche Blick zurück im Zorn ist sicher nicht hilfreich.
Aber dennoch: Wo liegt überhaupt Ihr Hebel gegenüber Unicredit?
Es liegt im Interesse der Unicredit-Aktionäre, nun mit dieser Transaktion Wert zu schaffen. Das gelingt nur, wenn Synergien in einem angemessenen Zeitraum gehoben, das Geschäftsmodell sinnvoll aufgestellt und die Expertise und die Kundenbeziehungen der Mitarbeiter genutzt werden. Als Unicredit-Aktionär würde ich mich fragen, warum ich eine Bank kaufe, wenn ich ihr Potenzial nicht ausschöpfe. Zumal man auch nicht nur an die technische, sondern auch an die kulturelle Integration denken sollte.
Unicredit könnte die Synergien aber auch heben, ohne mit Ihnen zu reden. Die Italiener könnten den Aufsichtsrat – und dieser den Vorstand – über eine außerordentliche Hauptversammlung austauschen und durchregieren.
Mein Punkt ist, dass Unicredit ein genuines Interesse daran haben sollte, dass es der Commerzbank als einem ihrer wichtigsten Assets gut geht. Unser Angebot ist, einen gemeinsamen Plan für die Zukunft zu entwickeln.
Haben Sie inzwischen ein Gefühl, was Andrea Orcel vorhat?
Die Gespräche sind erst am Anfang. Und das Narrativ der Unicredit hat sich über die Zeit immer wieder verändert. Deshalb ist es wichtig, sich durch Gespräche besser zu verstehen und nicht bei öffentlichen Ankündigungen stehen zu bleiben.
Gibt es für Sie rote Linien – etwa beim Auslandsnetzwerk der Commerzbank oder beim Standort Frankfurt? Würden Sie im Zweifel zurücktreten, wenn er das Netzwerk oder den Standort einklappen wollte?
Das Aktienrecht und der Auftrag unserer Aktionäre ist klar: Wir sind in der Ausübung unserer Funktion unabhängig. Wir können von einem einzelnen Aktionär, so groß er auch ist, keine Weisungen entgegennehmen. Wir versuchen zu verstehen, was Unicredit vorhat, und zu erklären, wie unser Geschäft aufgestellt ist und was unseren Kunden wichtig ist. Das Auslandsnetzwerk ist ein Punkt von vielen. Um nach dem Plan der Unicredit zusätzlich 1,3 Milliarden Euro Kosten innerhalb von 12 Monaten herauszunehmen, müsste man im Übrigen auch im Inland massiv reduzieren.
Wenn Orcel fordern würde, Vorstandschefin Bettina Orlopp aus dem Amt zu werfen, und Sie so Ihren Job retten könnten, was würden Sie tun?
Das wird nicht passieren, und hier geht es auch nicht um den eigenen Vorteil. Diesem Vorstand um Bettina Orlopp verdanken wir den unternehmerischen Erfolg der Bank, eine äußerst motivierte Belegschaft und eine hohe Kundenzufriedenheit. Die Commerzbank war ökonomisch nie erfolgreicher als gegenwärtig. Im Juli erst wurde sie zur bedeutendsten deutschen Mittelstandsbank gewählt. Der Vorstand hat die volle Unterstützung des Aufsichtsrats.
Ihr Mandat läuft nur noch bis Mai 2027. Stehen Sie für eine zweite Amtszeit zur Verfügung, auch wenn Unicredit die Kontrolle hat?
Mich treibt die Zukunft der Commerzbank um, nicht meine persönliche Zukunft.
Könnte Andrea Orcel darauf abzielen, Bilanzwerte abzuschreiben, Rückstellungen zu verbuchen und anschließend günstig Aktien nachzukaufen?
Jeder Vorstand ist verpflichtet, dem Unternehmensinteresse und damit auch den mehr als 50 Prozent anderen Aktionären neben der Unicredit zu dienen. Er darf keine Entscheidungen treffen, die einseitig zulasten dieser Aktionäre gehen. Ein Austausch des Managements ändert daran nichts.
Spürten Sie Druck von der EZB-Bankenaufsicht, dass man die Übernahme aus politischen Gründen rasch durchziehen sollte?
Nein, und das wäre auch nicht gut. Die Aufgabe der Aufsicht ist, zu prüfen, ob ein Institut solide aufgestellt ist. Industriepolitik zu betreiben oder ein Katalysator für eine europäische Bankenkonsolidierung zu sein, ist aus meiner Sicht nicht ihre Aufgabe.
Es heißt oft, wir bräuchten große europäische Finanzinstitute, um gegen China und die USA zu bestehen …
Diese Argumentation ist mir zu einfach. China und die USA haben große Banken, also brauchen wir in Europa große Banken? Es müssen zuerst gute, solide und wettbewerbsfähige Banken sein. In der Finanzkrise haben wir noch über „too big to fail“ und die damit verbundenen Probleme diskutiert. Die empirische Evidenz zu Effizienz- und Ertragsgewinnen von Fusionen und Übernahmen ist ohnehin gemischt – einig ist sich die Literatur nur in einem Punkt: Feindliche Übernahmen sind tendenziell noch weniger erfolgreich. Integration ist ungleich schwerer, wenn Management und Belegschaft nicht mitziehen, Schlüsselpersonal und Kunden abwandern.
Wer haftet eigentlich, wenn die Banken-Ehe scheitert – Deutschland oder Italien?
Das ist noch nicht ausbuchstabiert. Es gibt natürlich die Einlagensicherung und Abwicklungspläne. Am Ende können in einem Finanzkrisenszenario aber auch Staaten direkt gefordert sein, wie wir 2008 gesehen haben. Deshalb haben sowohl die deutsche als auch die italienische Regierung ein Interesse an der Stabilität der Bank. Wenn der Schwerpunkt der Bilanz in Deutschland liegt, liegen dort auch mehr Risiken. Der deutsche Staat sollte darauf achten, dass ein solches Institut entsprechend überwacht wird und dieser Aspekt in der Governance der Bank berücksichtigt ist.