Oleksi Jukow tot: Hunderte nehmen in Kiew Abschied vom «Sammler der Seelen»

Publiziert9. August 2026, 18:11

Donbass-Legende getötet«Da ist eine Seele»: Oleksi barg tote Soldaten – auch Russen

In der Ukraine gilt er als Legende: Oleksi Jukow (40) holte  gefallene Soldaten aus Minenfeldern und Panzerruinen, auch russische. Nun ist «Losha» bei jener Arbeit gestorben, der er sein Leben verschrieben hat.

Ann Guenter

Darum gehts

  • Oleksi Jukow barg seit Jahren gefallene Soldaten aus Frontgebieten – Ukrainer ebenso wie Russen. Damit machte er sich nicht nur Freunde.
  • 20 Minuten hatte Jukow 2023 im Donbass begleitet: «Solange der Körper nicht gefunden und bestattet ist, bleibt die Seele bei ihm», war er überzeugt.
  • Jetzt starb Jukow bei einer Bergung in der Region Donezk durch eine Mine.
  • In Kiew nahmen Hunderte Menschen Abschied.

Es war im März 2023, irgendwo zwischen Isjum und Charkiw. Bei gefühlten minus 15 Grad barg Oleksi Jukow gemeinsam mit zwei Kollegen mehrere gefallene Soldaten. Ihre sterblichen Überreste waren am Boden zu einem Gemenge aus Knochen und Stoff gefroren.

Jukow, den Freunde beim Kosenamen «Losha» nannten, arbeitete bedächtig und präzise. Er markierte die Fundstellen und löste die Überreste vorsichtig mit einem Pickel aus dem Eis, säuberte sie mit kleinen Besen und Bürsten. Das dauerte Stunden. Im Hintergrund war stets dumpf der Krieg zu hören. Jukow schien ihn ebenso wenig wahrzunehmen wie die Kälte.

«Für mich sind die Toten keine Leichen. Da ist eine Seele. Und solange der Körper nicht gefunden und bestattet ist, bleibt sie bei ihm», war er überzeugt. Deshalb wurde Jukow auch der «Sammler der Seelen» genannt.

Als ob ihn die Toten riefen

Der 40-Jährige besass eine ganz eigene Aura. Es schien, als fände er Tote selbst an den abgelegensten Orten – als würden sie nach ihm rufen. Dabei barg er nicht nur ukrainische, sondern auch getötete russische Soldaten.

«Die Toten verdienen eine letzte Ehre, egal, woher sie sind. Und auch in Russland brauchen Menschen Gewissheit», sagte er damals zu 20 Minuten. Und er liess sich davon nie beirren: «Wenn sie sagen: ‹Lasst die russischen Toten verrotten›, bin ich nicht einverstanden. So kämpfen wir um jede Seele.» Die russischen Toten sollten später gegen die sterblichen Überreste ukrainischer Gefallener ausgetauscht werden.

Zurück bis auf den Zweiten Weltkrieg

Jukow hatte mehr als zwei Jahrzehnte lang nach Kriegstoten gesucht. Aufgewachsen in Slowjansk, suchte er schon als Jugendlicher nach Überresten sowjetischer und deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Knochen als Boten der Geschichte des Donbass faszinierten ihn. Die Bergung von Toten wurde zu seiner Lebensaufgabe.

In den kurzen Friedenszeiten arbeitete Jukow als Kampfsporttrainer. Seit 2014 suchte er mit Freiwilligen seiner Organisation Platsdarm (»Brückenkopf») nach Toten in Feldern, Wäldern, ausgebrannten Panzern und Ruinen – häufig unter direktem Beschuss und in vermintem Gelände.

Grosser Respekt vor den Toten: Oleksi Jukow bei der Arbeit.20 Minuten/ Ann Guenter

Bei einer Bergung getötet

Diese Woche starb Jukow, als er im Bezirk Lyman in der Region Donezk auf eine Mine trat. Er war mit seiner Gruppe an der Front unterwegs, um die Körper gefallener Soldaten zu bergen.

Hunderte Menschen nahmen am Samstag in Kiew Abschied. Der orthodoxe Metropolit Epiphanius leitete die Trauerfeier in der Wolodimir-Kathedrale. Anschliessend wurde Jukow zum Unabhängigkeitsplatz gebracht. Die Menschen gingen auf die Knie, als sein Sarg vorbeigetragen wurde.

«Er ehrte die Toten und heilte die Lebenden»

Jukow wusste, wie gefährlich seine Arbeit war. Bereits 2022 wurde er bei einer Minenexplosion schwer an den Beinen verletzt und verlor ein Auge. Noch im vergangenen Monat postete er: «Fernverlegte Minen, Beschuss, Drohnen – alles ist gegen dich. Aber du gehst und tust alles dafür, dass jede Seele nach Hause zurückkehrt.»

Seine Frau versprach bei der Trauerfeier, sein Werk fortzusetzen. «Seine Arbeit war schwierig und furchterregend», sagte sie neben Jukows offenem Sarg. «Aber ich verspreche dir, dass wir sie weiterführen werden, weil die Toten es verdienen – und weil du es für alles verdienst, was du getan hast.»

Diana, Jukows Adoptivtochter, sagte: «Er ehrte die Toten und heilte die Lebenden.» Er habe den Angehörigen nicht nur Hoffnung gegeben: «Er gab ihnen sich selbst zurück.»

Ann Guenter

Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.

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