Dänische Regisseurin gewinnt Goldenen Löwen: Eine Bilanz der Filmfestspiele von Venedig

Ob er denkt, er sei an einem Völkermord beteiligt, fragt der Regisseur. Sein Gesprächspartner im Film sagt Ja. In Yuval Abrahams und Rachel Szors Dokumentarfilm „Naza“ berichten 24 israelische Militärs und Geheimdienstler über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Gaza-Krieg, nachts auf einem Hochhausdach von Tel Aviv, mit verfremdeten Profilen und verfremdeten Stimmen.

„Lavender“ heißt Abrahams Recherchen zufolge die Technik zur Ortung von Hamas-Mitgliedern mittels Datenauswertung, einschließlich Telefonüberwachung. Wenn zum Beispiel die Worte „Papa“ und „zuhause“ fallen, wird die Wohnung markiert und bombardiert. Egal, wie viele Familienmitglieder sich gerade dort aufhalten.

Der Filmtitel greift das hebräische Kürzel für Kollateralschäden auf, die Anzahl getöteter Zivilisten. Einer der Militärs spricht von Luftschlägen mit 200 bis 500 Naza. Es sei wie ein Videospiel. In den ersten Kriegswochen wurden 37.000 Ziele markiert. Laut Völkerrecht gilt das unverhältnismäßige Töten von Zivilisten als Kriegsverbrechen. Der Hamas-Terroranschlag vom 7. Oktober wird mehrfach im Film erwähnt.

Die israelischen Regisseure gewannen 2025 einen Oscar für die Doku „No Other Land“ über die Zerstörung palästinensischer Dörfer im Westjordanland. Auch bei der Berlinale wurde der aktivistische, aber nicht antisemitische Film ausgezeichnet – die Parolen mehrerer Gewinner bei der Bären-Gala lösten jedoch eine erbitterte Antisemitismusdebatte aus.

September 10, 2026, Venice, ITALY: Israeli directors Yuval Abraham R and Rachel Szor arrive for the premiere of Naza during the 83rd Venice Film Festival in Venice, Italy, 10 September 2026. The movie is presented in official competition Venezia 83 at the festival running from 02 to 12 September 2026. ANSA/ETTORE FERRARI Venice ITALY PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAa110 20260910_zaf_a110_034 Copyright: xEttorexFerrarix

Die israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor bei der Vorstellung ihres Dokumentarfilms „Naza“ auf dem Filmfestival in Venedig.

© imago/ZUMA Press/Ettore Ferrari

Würde sich das in Venedig wiederholen? Italien ist nicht Deutschland mit seiner Holocaust-Verantwortung, „Naza“ nicht „No Other Land“. Mit seinem Fokus auf die Mechanismen des Kriegs und nicht auf die Moral ist es der deutlich bessere Film. Die Kamera scannt die Häuserfassaden von Tel Aviv, hinter den Fenstern sieht man die Bewohner in ihrem Alltag. Auch ein Kontrollblick, aber ein ungefährlicher.

Debatte, Skandal? Die Resonanz in Venedig fiel überaus positiv aus. Mit 24 1/2 Minuten Applaus im Palazzo del Cinema hält „Naza“ den Allzeitrekord für Festival-Applauslängen, die Jury unter Leitung der US-Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal vergab ihren Spezialpreis dafür.

Kritik kommt aus Israel selbst. Ex-Premier Naftali Bennett schrieb auf X von einer „abscheulichen Ritualmordlegende“, ein Militärsprecher monierte, die Identität der Whistleblower könne nicht verifiziert werden. Quellenschutz ist bei solchen Investigativrecherchen allerdings die Regel. Auch sagte der Sprecher, Soldaten niedriger Dienstgrade hätten nicht genug Wissen über Militärstrategien, und KI entscheide nicht über Angriffe. Was in „Naza“ gar nicht behauptet wird.

Wie 2025 die wegen ihrer emotionalen Erpressung fragwürdige Dokufiction „Die Stimme von Hind Rajab“ über den Tod eines fünfjährigen Mädchens in Gaza lief auch „Naza“ im Löwen-Wettbewerb. Was der Jury erneut ein Dilemma aufnötigte. Wie sollte sie der Wucht von „Naza“ Rechnung tragen und zugleich die besten unter den 20 nominierten Spielfilmen würdigen?

Jury-Präsidentin Gyllenhaal, die angesichts von nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb von einem grundlegenden systemischen Problem sprach, entschied sich offenbar, die Frauen-Karte zu spielen. Zwar bestätigte das antiquierte Frauenbild in etlichen Venedig-Beiträgen ihre Diagnose, dennoch ist die Wahl des Goldenen Löwen befremdlich. Anders denn als Trotzreaktion ist der Hauptpreis für das Nachkriegsdrama „Unkown Woman“ der dänischen Filmemacherin May el-Thouky, die einzige Solo-Regie einer Frau im Wettbewerb, kaum zu erklären.

Im Zentrum der abgezirkelt inszenierten, düster-fatalistischen Story steht eine Dienstmagd in Kopenhagen (Mathilde Arcel als Beste Darstellerin), die sich mit einem Nazi einließ und nach 1945 andere Frauen denunziert, um ungeschoren davonzukommen. Frauen, besagt dieser Film, haben nur einen Ausweg: Sie müssen perfide sein, um ihre Haut zu retten.

Auffallend viele Spielfilme fragten nach der Moral, porträtieren Täter. Der verschlagenste, virtuoseste: John Malkovich wünscht man für seinen herrlich bösen CIA-Veteranen in Martin McDonaghs schwarzer Komödie „Wild Horse Nine“ neben dem Darstellerpreis in Venedig noch viele weitere Auszeichnungen.

Meistens handelt es sich allerdings um Täter, die zugleich Opfer sind – ein Zeichen unserer Zeit? Zum Beispiel in „Dau“, der dritten Film-Auskopplung des gigantischen Multimediaprojekts von Ilya Khrzhanovsky über den Physik-Nobelpreisträger Lev Landau in der Stalin-Ära, mit Stardirigent Teodor Currentzis in der Titelrolle. Bis heute schweigt er zu Putins Ukrainekrieg, er arbeitet weiter in Russland. Anders als der lange wegen totalitären Führungsstils und Kreml-Nähe kritisierte russische Regisseur: Aus Protest gegen die Ukraine-Invasion legte Khrzhanovsky seine Staatsbürgerschaft ab, er lebt im Exil in Berlin.

Filmfestival Venedig, Szene aus ,Dau‘ von Ilya Khrzhanovsky

Radmila Shchyogoleva und Teodor Currentzis in „Dau“ von Ilya Khrzhanovsky

© Phenomen Berlin/Filmfestival Venedig

In seinem monumentalen, mal sadistischen, mal überbordend fantastischen Dreistunden-Werk (Regie-Preis) thematisiert er die Freiheit der Wissenschaft und wie sie kompromittiert wird. Gewalt und Folter nötigen Dau, an der Atombombe mitzuarbeiten.

Warum hast du getötet, fragt der Psychiater (Geoffrey Rush) den unter PTBS leidenden Vietnamkriegsveteranen Allen Nelson (Rodney Hicks) im US-Film „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ Er fragt immer wieder, bis der Familienvater zusammenbricht: „Weil ich es wollte“.

Filme über den Vietnamkrieg gibt es zuhauf, über die Afroamerikaner bei den Marines bislang nicht. Meist waren es einfache Leute, selbst Opfer von Rassismus. Umso komplizierter die Erkenntnis des eigenen Rassismus und des unverhältnismäßigen Tötens von Zivilisten. Vietnam, Gaza, die Logik des Kriegs, der Selbstverteidigung, der Mitverantwortung – die Bilder gleichen sich.

Filmfestival Venedig, Jack Huston und Sofia Boutella in Paul Schraders ,The Basics of Philosophy‘ 

Jack Huston und Sofia Boutella in Paul Schraders „The Basics of Philosophy“. 

© Blue Morning Pictures/Filmfestival Venedig

Weitere Lehrstücke: In Marco Bechis‘ „Ritorno a Buenes Aires“ sagt ein ehemaliges Folteropfer (Adriano Giannini) vor Gericht gegen die Schergen von Argentiniens Militärdiktatur aus. Er half, andere zu töten, um zu überleben. Und in Paul Schraders Moritat „The Basics of Philosophy“ wird ein Philosophieprofessor (Jack Huston) von seiner pädophilen Vergangenheit heimgesucht – ein weiteres Werk des US-Altmeisters, der die Folgen verdrängter Homosexualität und die Frage des freien Willens erörtert.

Lieber schaut man Penélope Cruz dabei zu, wie sie wunderbar mürrisch auf ihre 17-jährige Ehe zurückblickt. In Florian Zellers Psychothriller „The Bunker“ legt die spanische Diva eine mit feiner Skepsis grundierte Souveränität an den Tag, ihre Aura zieht einen erneut in Bann. Cruz und ihr Ehemann Javier Bardem verkörpern ein wohlhabendes Paar – sie Lektorin, er Stararchitekt –, das sich bedroht sieht, als der sozial prekäre Nachbar eine Fensteröffnung in die Gartenmauer schlägt. Und da ist der Auftrag eines Tech-Milliardärs an den Architekten, ihm wegen der globalen Bedrohungen einen Bunker zu entwerfen. Längst hat das Paar sich selbst eingebunkert, in erlesenen Interieurs und seinem mit Liberalität übertünchten Klassismus.

Filmfestival Venedig, Szene aus Lee Chang-dongs koreanischem Wettbewerbsfilm ,Possible Love‘ 

Ungleiche Freunde: ein Ehepaar mit Existenznot, ein reiches Paar. Sul Kyung-gu, Jeon Do-yeon, Cho Yeo-jeong und Zo In-sung (v.l.) in Lee Chang-dongs koreanischem Wettbewerbsfilm „Possible Love“ .

© Filmfestival Venedig

Die soziale Kluft wird immer größer. Wie Bong Joon-ho in seiner oscarprämierten Satire „Parasite“ hat auch sein koreanischer Landsmann Lee Chang-dong ein Kapitalismus-kritisches Gesellschaftstableau mit einem ärmeren und einem reicheren Paar entworfen. Stiller, aber nicht weniger eindringlich. Das Personal von „Possible Love“: Ho-seok, der beim Streik gegen die Entlassungen in seiner Fabrik von der Polizei krankenhausreif geprügelt wurde, seine Arbeit verlor, schweigt und trinkt. Mi-ok, seine berufstätige Frau, die die Kleinfamilie tapfer zusammenhält. Die Dokumentaristin Ye-Chi, die einen Film über die Arbeiterklasse drehen will, und ihr superreicher Ehemann, der sein Geld mit Hedgefonds verdient und die Projekte seiner Frau finanziert. Ye-Ji stammt aus einfachen Verhältnissen, die Frauen freunden sich an.

Auf atemberaubend subtile Weise entwirft „Possible Love“ Szenen, die von Demütigung erzählen, von Sozialneid, Begehren, Solidarität, Verrat und der schuldhaften Verstrickung der Reichen. Und von der Würde derer, deren Existenznot von Hedgefonds-Betreibern nur als Kollateralschaden wahrgenommen wird.

Moral zu zeigen als Filmemacher, kann meisterlich sein. Gyllenhaal und ihrem Team war das leider nur den Großen Preis der Jury wert.