Neuer Bundestrainer vorgestellt: "Dann bin ich weg": Jürgen Klopps irritierendes Medien-Verständnis

Bundestrainer Jürgen Klopp bei seiner offiziellen Vorstellung

Kommentar

Neuer Bundestrainer vorgestellt "Dann bin ich weg": Jürgen Klopps irritierendes Medien-Verständnis

Stand: 24.07.2026 • 19:30 Uhr

Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp hat eine deutliche Warnung an Journalisten ausgesprochen. Überhaupt zeigte er ein irritierendes Verständnis von der Rolle der Medien, meint SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller.

Von Johannes Seemüller

Es war eine bemerkenswerte erste "Rede zur deutschen Fußball-Nation" des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp. Neben seinen fundierten Aussagen über das Sportliche, seiner fulminanten Rede-Gewalt und seinen Ambitionen, jeden Stein in dem teils verkrusteten DFB-System umzudrehen, hat mich allerdings eine Sache irritiert. Sein Denken über die Rolle der Medien.

Da teilte Klopp direkt zu Beginn seiner Ausführungen den Medienvertretern süffisant mit, dass er während und nach seiner Auszeit als Vereinstrainer die Journalisten und Interviews nicht wirklich vermisst habe. Direkt danach aber versuchte der rhetorisch gewandte Fußballlehrer den Schulterschluss mit der Presse. Schließlich wolle man den Weg zurück zu einer strahlenden Fußball-Nation doch gemeinsam gehen. Denn, so der Tenor, sitzen wir nicht alle in einem Boot? Bei dieser gemeinsamen Bootsfahrt möchte der 59-Jährige, so scheint es, von einer weitgehend harmonischen und zugewandten Berichterstattung begleitet werden. So weit, so gut nachvollziehbar. Klopps anschließende Ansagen an die Medienvertreter offenbaren in meinen Ohren allerdings ein leicht irritierendes Verständnis von der Rolle einer unabhängigen Presse.

Jürgen Klopp: "Ich mache das nicht gegen euch, sondern für euch"

"Ich lade euch ein, ich habe Bock. Das, was ich gemeinsam mit meinem Trainerteam mache, mache ich nicht für mich. Ich mache das nicht gegen euch, sondern für euch", betonte der ehemalige Erfolgstrainer von Mainz, Dortmund und Liverpool. Mit diesen Sätzen inszeniert Klopp die Aufgabe des Bundestrainers als einen selbstlosen Dienst an der Öffentlichkeit. Und dieser Dienst fordert nach seiner Auffassung offenbar die Loyalität und die geduldige Zurückhaltung der Medien ein.

Er wünsche sich, sagt Klopp, von den Journalisten Sachlichkeit und den Einsatz des Verstandes. Natürlich wisse er, dass Kritik an seiner Arbeit oder bei Niederlagen zum Geschäft dazugehörten. Umso mehr irritieren Klopps feine, unterschwellige Drohungen. "Wenn ihr morgen sagt, der ist scheiße, bin ich weg. Wenn der DFB sagt, so machen wir nicht weiter, bin ich weg", hebt der Schwabe verbal den Zeigefinger.

Hinter dieser Fluchtdrohung scheint ein bestimmtes Denken zu liegen. Wer jede Form von scharfer Kritik mit dem sofortigen Rückzug verknüpft, entzieht sich schnell dem Prinzip der öffentlichen Debatte. Die Verknüpfung dieser Drohung mit dem Schutz der Privatsphäre ("Wenn ihr euch danebenbenehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg") ist zwar emotional nachvollziehbar, sie dient aber auch als vorbeugender Schutz gegenüber unliebsamen Fragen. Zugespitzt heißt das: Wer zu hart kritisiert und wer Grenzen, die ich bestimme, überschreitet, der ist für das Scheitern des gesamten Projekts mitverantwortlich. Dann sind im Zweifelsfall die Medien die Bösen.

Flankiert wird diese Haltung durch eine strukturelle Veränderung. Klopps langjähriger Medienberater Marc Kosicke wird in den offiziellen DFB-Stab integriert. Klopp setzt also eine private PR-Instanz über die etablierte, verbandseigene Medienabteilung. Damit kreiert er womöglich eine professionelle Filterblase. Ziel scheint die Kontrolle über das Narrativ rund um die Nationalmannschaft zu sein. Weg von einer zu kritischen Begleitung, hin zu einer gesteuerten Imagepflege für Jürgen und seine Jungs.

Erstaunlich auch Klopps Verweis auf die jüngere Vergangenheit: "Ich mache den Job, obwohl ich mitbekommen habe, wie ihr mit Julian umgegangen seid, wie ihr mit Tuchel umgeht. Es geht nur um die Sache." Doch, was ist "die Sache"? Kann man "die Sache" von der Person des verantwortlichen Bundestrainers trennen?

Diese "Sache" scheint eine möglichst bedingungslose Unterstützung durch die Medien einzufordern. Sie lässt folglich wenig Raum für jene Mechanismen, denen sich Klopps Vorgänger, Julian Nagelsmann, oder Englands Nationalcoach Thomas Tuchel stellen mussten bzw. müssen. Unabhängiger Sportjournalismus zeichnet sich aber auch durch kritische Distanz und Analyse aus, nicht durch das gefällige Mitklatschen aus dem medialen Fanblock heraus.

In einem freien Land wie Deutschland gehört es zur Kernaufgabe von Journalisten, selbst die populärsten Figuren des öffentlichen Lebens kritisch zu hinterfragen. Auch dem großen Hoffnungsträger Jürgen Klopp sollte klar sein: Respekt erzwingt man nicht durch die Androhung von Liebesentzug oder Jobflucht ohne Abfindung. Man verdient ihn sich im offenen, manchmal auch schmerzhaften Dialog.