„Skål“: In Schweden tobt ein Lager-Wahlkampf – die Konservativen setzen jetzt auf Alkohol

Stand: 12.09.2026, 08:28 Uhr

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Die Schweden-Wahl könnte ein Patt zwischen „rechts“ und „links“ ergeben. Es geht um viel. Und im Wahlkampf plötzlich ums Bier. Eine Analyse.

Schweden wird am Sonntag eine Richtungswahl erleben. Zuvor aber war Sommer in Europas hohem Norden. Mit eher ungewohnten Freuden. Jahrzehntelang benötigten Gastronomien eine eigene Küche mit warmen Mahlzeiten, um Alkohol ausschenken zu dürfen. Seit 1. Juni ist das Geschichte. In Schwedens südlichster Großstadt Malmö etwa sprießen nun Schanigärten und neue Bars, zum Beispiel am einstmals ruhigen Karlskronaplan. Er habe keine solche Energie erlebt, „seit der Bedford Avenue in Williamsburg, Brookyln, in den späten 90ern“, jubilierte der offenbar weit gereiste Kolumnist des Veranstaltungsblattes Nöjesguiden. Dieser Geist scheint auf den Wahlkampf überzuschwappen. Jedenfalls auf einer Seite.

Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson gestikuliert (li.), Christdemokraten-Chefin Ebba Busch trinkt ein Flaschenbier (Montage).

Dann „skål!“ – Die Konservativen von Ministerpräsident Ulf Kristersson setzen auf eine lockerere Alkoholpolitik. Ebba Busch von den Christdemokraten trank zum Wahlkampfauftakt sogar ein Bier ihres Namens. © Fabian Sommer/picture alliance/dpa/Anders Wiklund/TT/Imago

Es herrscht Lockerungslust. Damit unterscheidet sich Schweden von Deutschland. Bei der Rente beharken sich die Bundesparteien seit Jahren. Aber beim Thema Genuss gibt es Pläne für Einschränkungen. Tatsächlich könnte die Alkoholsteuer steigen, auch die Zuckersteuer ist auf dem Weg – selbst CSU-Minister Alois Rainer will im Interview mit unserer Redaktion am grundsätzlichen Plan nicht rütteln. Der Suchtbeauftragte Hendrick Streeck forderte im Münchner Merkur von Ippen.Media. schon vor Wochen eine höhere Tabaksteuer. Schwedens konservativ-rechtes Lager entdeckt derweil das Suchtmittel Alkohol als Hebel in Sachen Wählerfang.

„Richtiges“ Bier ab 18: Schweden vor Richtungswahl – die Konservativen entdecken den Alkohol

Das könnte man auch als eine Art Übersprungshandlung sehen. Bei der Wahl 2022 waren die scharf rechten Schwedendemokraten zur stärksten Kraft aufgestiegen. Damals war Kriminalität angesichts von Gang-Kriegen in schwedischen Vorstädten ein entscheidendes Thema. Die kleine doppelte Überraschung: 2026 sieht das etwas anders aus. Ganz vorne in der Wähleraufmerksamkeit liegt nach wie vor Gesundheit. Aber Bildung hat „Recht und Ordnung“ von Platz zwei verdrängt, wie eine Umfragereihe des Instituts Verian für den Rundfunksender SVT zeigt. Das Thema Einwanderung ist von sechs auf sieben gefallen, Integration sogar auf Rang 10. Die Schwedendemokraten liegen indes immer noch auf Platz zwei der Wahlumfragen.

Bei der Wahl am Sonntag (13. September) zeichnet sich auf den ersten Blick ein Kampf der Lager ab: Auf der einen Seite die Schwedendemokraten und die von ihnen tolerierte Regierung um den konservativen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson. Auf der anderen die Mitte-Links-Parteien: die Sozialdemokraten, die Grünen, die bäuerlich-grüne Zentrumspartei und die Linke. Allerdings gibt es – wie in Deutschland – Vorbehalte gegen Koalitionen mit der Linken. Deshalb könnte das Rennen knapp werden. „Links“ liegt aktuell laut Verian rund zehn Prozentpunkte in Führung. Davon macht aber die Linke gut acht Prozentpunkte aus. Und der Vorsprung schrumpfte zuletzt. Ob dabei Alkohol eine Rolle spielt?

Die plötzliche Bedeutung des Themas im Wahlkampf sticht jedenfalls ins Auge. Die Erleichterungen für die Gastronomie hatte die aktuelle Regierung auf die Schiene gesetzt. Kristerssons Partei dringt auf mehr. Seine „Moderaten“ schlagen etwa vor, dass junge Menschen künftig ab 18 Jahren im staatlichen Alkoholladen Systembolaget Getränke mit bis zu 22 Prozent Alkoholanteil kaufen können. Systembolaget hat das Monopol auf alkoholische Getränke über 3,5 Prozent – und ist bisher erst ab 21 Jahren zugänglich. Die Schwedendemokraten wollen den Laden auch sonntags offenlassen. Und gekühlte Getränke verkaufen lassen. Einige Parteien wollen Wähler sogar mit Bier am Wahlkampfstand locken.

Die wohl auch von ihrem Flirt mit den Schwedendemokraten in den Umfragen schwer gebeutelten Liberalen servierten in der Uni-Stadt Uppsala „zwei Sorten lokalen Biers“, wie eine Wahlkämpferin SVT schilderte. Die Koalitionspartner der Christdemokraten boten etwa in Uppsala und Malmö Drinks an – hinter der vorgeschriebenen Absperrung. Das ermöglicht das neue Alkoholgesetz. Parteichefin Ebba Busch genehmigte sich beim Wahlkampfauftakt demonstrativ ein „Busch“-Bier. Das „linke“ Lager wirbt indes, ganz nüchtern, weiterhin für harte Regeln, wie die Webseite beernews.se aufschlüsselt. Allerdings setzte sich auch der sozialdemokratische Ex-Premier Stefan Löfvén für einen Wahlkampftermin in ein Malmöer Pub. Und vor ein (mutmaßlich) kühles Bier, wie Fotoaufnahmen zeigen.

Der Eingang eines Systembolaget-Lades – samt Öffnungszeitenschild – in Arninge bei Stockholm.

In Schweden kennen alle das Logo – und die Öffnungszeiten: Systembolaget in Arninge, südlich von Stockholm. © Systembolaget/fkn

In Schweden – das Anfang des 20. Jahrhunderts mit Alkoholrationierung ein ernstes Gesundheits- und Wirtschaftsproblem eindämmte – sorgen gerade die hochprozentigen Reformpläne für scharfe Kritik. Es sei „Wählerverdummung“, mit Alkohol an den Wahlkampfstand zu locken, sagte Emil Juslin, Chef der alkoholkritischen Gesellschaft Movendi dem Magazin Accent. Seine Kollegin Kristina Sperkova rügte im Malmöer Lokalblatt Sydsvenskan zudem, die Politiker verstünden nicht die Rolle der Regeln im Systembolaget für die „Volksgesundheit“. Die Liberalen sehen das anders: Man solle Alkoholpolitik nicht zuerst als Frage der Gesundheit verstehen, sondern aus einer Wirtschafts- und „Gesellschaftsbau“-Perspektive, erklärte der Abgeordnete Joar Forssell beernews. Als eine Art lukratives Teambuilding fürs Land also.

Wütende Kommentare von links: „Die Alkoholrechte scheißt auf den Urlaub der Kinder“

Aus deutscher Sicht wirken diese Debatten weit entfernt. Ob sie den Wahlausgang am Ende beeinflussen, wird wahrscheinlich nicht demoskopisch untersucht werden. Klar ist aber, dass das Wahlergebnis Weichen stellen wird: Die Schwedendemokraten etwa wollen sich diesmal nicht mit einer Duldung begnügen, sondern Ministerposten erhalten.

Unterdessen erlebt das Land Effekte, die in Deutschlands Großstädten bereits bestens bekannt sind. Am Karlskronaplan in Malmö etwa wird jetzt bis in die Abendstunden geplaudert und gefeiert. Zum Ärger der Anwohner. „Es ist schlechte Stimmung im Viertel. Die Leute sind sauer“, sagte eine Nachbarin Sydsvenskan. Einige seien bereits weggezogen.

Vielleicht verbirgt sich hinter dem Wahlkampfthema auch eine Art Kulturkampf. Das linke Portal arbetet.se ging heftig mit den Kampagnen ins Gericht: „Die Alkoholrechte scheißt auf den Urlaub der Kinder“, titelte Leitartiklerin Hanna Östeby – schließlich könnten sich viele Schweden nicht einmal eine Ferienreise leisten, da sei die Verfügbarkeit gekühlter alkoholischer Getränke ein nachgeordnetes Problem. Wobei es sich durchaus argumentieren ließe, dass beide Fragen nicht direkt verknüpft sind. Am Wahlabend könnte jedenfalls zunächst einmal noch mehr Bier fließen. Jedenfalls bei den Anhängern eines der beiden Lager. (Quellen: Nöjesguiden, SVT, verksamt.se, Accentmagazin, beernews.se, Sydsvenskan)