Turnen bis zur Urne? Fitnessgeräte auf einem Friedhof in Wien erregen die Gemüter
Darüber spricht Wien: Klimmzüge auf dem Friedhof – «pietätlos» oder «fit für das Grab»?
Neu aufgestellte Fitnessgeräte auf einem Friedhof in Wien sorgen für Empörung. Obschon die österreichische Hauptstadt sonst einen eher lockeren Umgang mit dem Tod pflegt.
Wolfgang Rössler19.07.2026, 05.30 Uhr
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Auf dem Meidlinger Friedhof können Gesundheitsbewusste neu Fitnessübungen machen.
HeinzLW / Wikimedia; CC BY-SA 3.0
In keiner anderen Hauptstadt pflegt man einen so neckischen Umgang mit dem Tod wie in Wien. Was – so lautet die gängige Theorie – damit zu tun hat, dass die Menschen im 19. Jahrhundert aufgrund der damals lausigen medizinischen Versorgung früher starben als anderswo. Gevatter Tod klopfte regelmässig an, aber die Menschen nahmen ihm etwas von seinem Schrecken: «Quiqui» heisst er im Volksmund, ausgesprochen «Gwigwi». Das ist auch der Name des Maskottchens des städtischen Bestattungsinstituts, ein Sensenmann aus Plüsch, der 29 Euro kostet. Als der Quiqui vor ein paar Jahren auf den Markt kam, bog sich halb Wien vor Lachen. Ebenso über T-Shirts mit der Aufschrift: «Ich turne bis zur Urne.»
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Das Maskottchen «Quiqui» des städtischen Bestattungsinstituts gibt es für 29 Euro.
PD
Nun aber hat es das Unternehmen offenbar überzogen. Denn die Bestattung Wien ist auch für den Friedhof im Bezirk Meidling zuständig. Und dort lautet nun die Devise: «Ich turne bei der Urne.» Mit dem Sanktus der linksliberalen Stadtregierung hat man dort Fitnessgeräte aufgestellt. Für die Angehörigen. Aber auch für andere, die in der Gegend sind. «Pietätlos» sei das, zürnt die rechte Opposition. Ganz von der Hand zu weisen ist die Kritik in der Tat nicht: Wer im stillen Gedenken an einen lieben Verstorbenen innehalten möchte, kann sich durch das Ächzen und Stöhnen gesundheitsbewusster Friedhofsbesucher zweifellos gestört fühlen. Opas und Omas letzte Ruhestätte sollte kein Fitnesscenter sein.
Ganz so ist es aber auch nicht. Denn der weitläufige Friedhof hat schon jetzt parkähnlichen Charakter, viele Menschen machen dort gerne einen Spaziergang oder setzen sich mit einem Buch unter einen Baum. Und das sieht man bei der Bestattung Wien gern: Der Friedhof sollte in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Abschottung zu einer Art Begegnungszone werden. Nicht nur zwischen Lebenden und Toten, sondern auch zwischen Angehörigen, die sich nicht kennen, die miteinander aber ihre Gedanken teilen möchten. Demnächst soll es neben den Fitnessgeräten «Plauderbankerln» geben. Im Übrigen seien die Fitnessgeräte – die sich vor allem an ältere Semester richten – mit gutem Grund dort angebracht, wo sich niemand gestört fühlen würde.
«Ich weiss nicht so recht, was ich davon halten soll», sagt die Meidlinger Dolmetscherin Gabriele. «Aber im Zweifel bin ich dafür, das Leben zu feiern – selbst auf dem Friedhof.» Auch der Liedermacher Alexander Miksch, ein musikalisches Aushängeschild Meidlings, ist eher amüsiert. «Ich mag das Absurde», sagt er. Obwohl er nur einen Katzensprung von dem Friedhof entfernt wohnt, käme er allerdings nie auf die Idee, dort Klimmzüge zu machen. Nicht aus Rücksicht auf die Toten. Sondern weil ihm die Gesundheitsbewegung auf die Nerven geht, gerade auch bei älteren Leuten. Miksch spottet in bester Wiener Tradition: «Immerhin werden die Leute in Meidling besonders fit sein, wenn sie irgendwann selbst ins Grab hüpfen.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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