„Das Gefährliche ist die Gewöhnung“: Trumps Krieg gegen die Presse und wie ein Korrespondent ihn erlebt

Stand: 23.09.2026, 07:11 Uhr

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US-Präsident Donald Trump nimmt an der Einweihung des neuen Hubschrauberlandeplatzes des Weißen Hauses teil.

US-Präsident Donald Trump nimmt an der Einweihung des neuen Hubschrauberlandeplatzes des Weißen Hauses teil. © afp

Seit 2011 berichtet Dirk Hautkapp aus Washington. Er erklärt, warum Trumps Angriffe auf die Presse weniger gefährlich sind als die Gewöhnung daran.

Washington DC – US-Präsident Donald Trump hat den Konflikt mit den Medien zu einem Instrument seiner Politik gemacht. Dirk Hautkapp, der als Korrespondent aus Washington berichtet, erlebt seit Jahren aus nächster Nähe, wie sich das politische Klima in den Vereinigten Staaten verändert. Im Interview spricht er über Angriffe auf die Pressefreiheit, Fehler amerikanischer Medien, den Vertrauensverlust in den Journalismus – und darüber, warum Trump weniger die Ursache der tiefen Spaltung Amerikas ist als ihr erfolgreichster politischer Ausdruck.

Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt: Dieses Land verändert sich grundlegend?

Dirk Hautkapp: Der Moment kam für mich nicht erst mit Trumps erster Vereidigung 2017. Er kam im Wahlkampf 2015/16, als schon bei seinen ersten Veranstaltungen die Journalisten plötzlich unfreiwillig Teil der Show wurden. Man saß weit von der Bühne entfernt hinten im abgesperrten Pressegehege, Trump zeigte inquisitorenhaft nach hinten, rief “Fake News” – und Tausende drehten sich um und buhten. Das Entscheidende war nicht die Beleidigung. Politiker schimpfen seit Erfindung der Druckerpresse über Journalisten. Neu war die beginnende Ritualisierung: Der Journalist wurde zum politischen Requisit, zum gemeinsamen Feindbild, an dem sich seine Maga-Bewegung ihrer Zusammengehörigkeit versicherte. Heute ist daraus fast eine Infrastruktur geworden. Zugang, Akkreditierung, Klagen, Behörden, Sendelizenzen – all das kann Teil des Konflikts werden. Und die Veränderung reicht tiefer als Trump: Das Medienvertrauen war bereits lange erodiert. 2025 sagten nur noch 28 Prozent der Amerikaner, sie vertrauten den klassischen Medien; Anfang der siebziger Jahre waren es um die 70 Prozent. Trump hat diesen Boden nicht geschaffen. Aber er hat sehr genau verstanden, was darauf wächst. Niemand bewirtschaftet das Ressentiment gegen die “Lügenpresse” so konsequent wie er.

Sie schreiben, Trumps jüngste Attacke gegen NBC-Moderatorin Kristen Welker habe eine „neue Qualität“. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen der oft rabiaten Medienkritik eines Präsidenten und einem tatsächlichen Angriff auf die Pressefreiheit?

Die Grenze ist für mich ziemlich einfach: Kritik endet dort, wo Staatsmacht beginnt. Wenn ein Präsident sagt, eine herausragende und weithin anerkannte TV-Moderatorin sei unfair oder inkompetent, ist das grob, vielleicht ungehörig, gewiss falsch und dumm – aber vollständig vom First Amendment gedeckt. Wenn derselbe Präsident ankündigt, Kristen Welker wegen einer journalistischen Aussage bei der Medienaufsichtsbehörde FCC zur „Bestrafung“ melden zu wollen, und die Medienaufsicht gleichzeitig außerplanmäßig Sendelizenzen überprüft, sind wir in einer anderen Kategorie. Trump tat genau das Ende August. Der Mutterkonzern von NBC argumentiert inzwischen vor Gericht, die FCC werde zur Disziplinierung kritischer Stimmen benutzt. Noch anschaulicher und drastischer: Am 18. September hat Trump angekündigt, CNN, MS NOW (frühe MSNBC) und Politico aus dem Weißen Haus zu verbannen. Das ist keine schlechte Laune über eine Schlagzeile mehr. Da berührt politische Vergeltung die institutionellen Bedingungen, unter denen Journalismus überhaupt stattfinden kann. Prognose: Trumps “Hausverbot” wird juristisch nicht lange Bestand haben.

Donald Trump hat verstanden, dass der permanente Konflikt mit den Medien selbst eine Form politischer Kommunikation ist. Haben die amerikanischen Medien zu lange geglaubt, Trump mit klassischen journalistischen Regeln behandeln zu können?

Eindeutig: Ja – wobei der Fehler in gewisser Weise verständlich war. Journalismus lebt ja von Regeln: Man lässt jemanden ausreden, berichtet eine Behauptung und prüft sie anschließend, unterscheidet Nachricht und Kommentar, korrigiert selbsttätig Fehler. Trump hat früh begriffen, dass diese Regeln asymmetrisch ausgenutzt werden können. Eine spektakuläre Behauptung braucht zehn Sekunden; ihre Widerlegung zehn Minuten. Bis der Faktencheck erscheint, ist der Satz im Internetzeitalter längst millionenfach unterwegs. Dazu kommt: In der ersten Amtszeit haben viele Sender komplette Trump-Auftritte live übertragen, weil ein US-Präsident nun einmal per se Nachrichtenwert besitzt und Trump für Quote bürgte. Damit bekam aber auch jede unbelegte Behauptung kostenlosen Sauerstoff. Erst danach kam die Gegenbewegung: Einordnen in Echtzeit, frühzeitiges Abschalten, Fact-Checking. Auch das hatte einen Preis, weil Trump anschließend sagen konnte: Seht her, diese Leute berichten nicht über mich, sie zensieren mich, lassen mich weg, sie kämpfen gegen mich. Die Lehre lautet deshalb nicht: Trump weniger kritisch behandeln. Sondern viel strenger zwischen Nachrichtenwert, Substanz und Lautstärke unterscheiden. Nicht jeder Satz dieses Präsidenten, der 24/7 lügt wie gedruckt, verdient automatisch ein Megafon. Im Gegenteil.

Trump spricht von „Fake News“, Journalisten sehen sich als Kontrolleure der Macht. Gleichzeitig ist das Vertrauen vieler Amerikaner in traditionelle Medien erschüttert. Wie viel davon ist das Werk Trumps – und wie viel haben die Medien selbst dazu beigetragen?

Wer Trump allein verantwortlich macht, macht es sich etwas zu bequem. Das Vertrauen begann Jahrzehnte vor ihm zu sinken. Gallup lag Anfang der siebziger Jahre bei rund 70 Prozent Medienvertrauen, 2025 bei 28 Prozent; unter Republikanern waren es zuletzt gerade noch acht Prozent. Diese Entfremdung hat sehr viele Väter: politische Polarisierung, der Aufstieg der (un)sozialen Medien, Geschäftsmodelle, die Empörung und Hass belohnen – aber eben auch journalistische Fehler. Teile des amerikanischen Medienbetriebs haben zu lange aus Manhattan und Washington DC auf ein Land geschaut, dessen soziale Wirklichkeit sie nur noch aus Datensätzen kannten. Manche Redaktionen verwechselten moralische Gewissheit mit journalistischer Neugier. Trump hat diese Schwächen nicht erfunden. Seine politische Leistung bestand darin, aus Misstrauen Identität zu machen: Wer mir glaubt, darf „denen“ nicht glauben. Seitdem konkurrieren Medien nicht nur um Fakten, sondern um epistemologische Hoheit: Wer entscheidet überhaupt noch, was wahr ist? Gibt es wirklich „alternative Fakten”, wie Trumps einstige mediale Zugehfrau Kellyanne Conway sagen würde? Das ist für Journalismus eine viel ernstere Krise als ein schlechter Popularitätswert.

Sie beschreiben den „chilling effect“: Redaktionen könnten schon mögliche politische oder wirtschaftliche Konsequenzen bedenken, bevor sie eine Geschichte veröffentlichen. Haben Sie diesen Moment der Selbstzensur oder zumindest der größeren Vorsicht in Washington bereits konkret erlebt?

Persönlich nicht. Aber: Selbstzensur ist ein großes Wort. Ich würde eher von einem zusätzlichen kleinen Redakteur im Hinterkopf sprechen, den es vor zehn, 15 Jahren so nicht gab, wie einem US-Kollegen vertraulich bescheinigen. Nicht: „Darf ich das schreiben?“ Sondern: Ist alles wasserdicht? Haben wir für diesen Satz zwei Quellen statt einer? Ist das Zitat vollständig im Kontext? Könnte aus einer lässigen Formulierung plötzlich eine juristische Auseinandersetzung werden? Das ist zunächst sogar gesund – Präzision hat noch keinem Journalismus geschadet. Problematisch wird es, wenn die zweite Frage lautet: Was bedeutet diese Geschichte für unseren Eigentümer, eine anstehende Fusion, eine Lizenz oder unseren Zugang? Genau dort beginnt der „chilling effect“. Niemand muss morgens anrufen und sagen: „Schreibt das nicht.“ Es genügt, wenn alle wissen, welche Knöpfe der Staat theoretisch drücken kann. Disney führt gerade vor Gericht an, dass die außerplanmäßige Überprüfung seiner ABC-Lizenzen genau diesen Druck erzeugt. Die eleganteste Zensur ist bekanntlich die, bei der am Ende niemand mehr anrufen muss.

Zur Person

Dirk Hautkapp, Jahrgang 1963, ist Korrespondent der FUNKE Zentralredaktion in Washington. Aufgewachsen in Witten und Essen, studierte er in Münster und Bochum. Seine journalistische Laufbahn begann er 1985 bei der NRZ, wo er unter anderem über Sport, Kommunalpolitik sowie Bundes- und Europapolitik berichtete. Später wechselte er als Reporter ins Berliner Parlamentsbüro der damaligen WAZ-Mediengruppe. Seit 2011 berichtet Hautkapp als US-Korrespondent aus Washington über amerikanische Politik und internationale Entwicklungen. Hautkapp ist verheiratet und hat eine Tochter.

Die großen amerikanischen Medien sind nicht nur journalistische Institutionen, sondern Teil mächtiger Konzerne. Was geschieht mit journalistischer Unabhängigkeit, wenn Vorstände gleichzeitig über Milliardeninvestitionen, Fusionen, Sendelizenzen und den Zugang zur Regierung nachdenken müssen?

Dann sitzt im Newsroom plötzlich ein unsichtbarer Gast mit am Tisch: die Konzernbilanz. CBS kann journalistisch vollkommen unabhängig arbeiten – aber die Muttergesellschaft weiß gleichzeitig, dass Milliardenfusionen staatliche Genehmigungen benötigen. Paramount zahlte 2025 16 Millionen Dollar, um Trumps Klage wegen eines unter dem Strich lässlichen Fehlers in einem „60 Minutes“-Interviews mit Kamala Harris beizulegen; kurz darauf genehmigte die FCC die milliardenschwere Skydance-Fusion. Kritiker stellten einen Zusammenhang her, Paramount bestritt einen solchen Deal. Genau diese Konstellation ist das Problem: Schon der Anschein, dass journalistische Entscheidungen und regulatorische Interessen miteinander verrechnet werden könnten, beschädigt Glaubwürdigkeit. Der klassische Zeitungsverleger besaß eine Zeitung. Heute besitzt ein Konzern Sender, Studios, Streamingdienste, Sportrechte und Milliardenprojekte. Pressefreiheit hängt deshalb nicht mehr nur davon ab, ob ein Chefredakteur Rückgrat besitzt. Sondern zunehmend davon, wie teuer dieses Rückgrat für den Mutterkonzern werden könnte.

Wie verändert sich Ihre eigene Arbeit als deutscher Korrespondent in einem Washington, in dem Journalisten zunehmend nicht nur Beobachter, sondern selbst Akteure und Ziele politischer Auseinandersetzungen werden?

Die meisten europäischen Korrespondenten leben bislang in einer gewissen Komfortzone. Für das Weiße Haus sind wir in der Regel irrelevant. Das ist manchmal kränkend fürs Ego und wunderbar für die Arbeit. Trump wacht morgens nicht auf und fragt: Was schreiben heute die FUNKE-Zeitungen über mich? Die spektakulären Ausnahmen bestätigen die Regel: seine Milliardenklage gegen die BBC oder der Fall des ZDF-Routiniers Elmar Theveßen. Bei Theveßen war es allerdings der furchtbar peinliche Trump-Vertraute Richard Grenell, der ihn „linksradikal“ nannte und den Entzug seines Visums verlangte – nicht Trump selbst. Die BBC wiederum kämpft gegen Trumps Zehn-Milliarden-Dollar-Klage wegen eines problematischen Schnitts seiner Rede vom 6. Januar 2021. Für mich bedeutet das: Man wird nicht zum Aktivisten, nur weil der Präsident Journalisten zum Gegenstand seiner Politik macht. Man beobachtet weiterhin. Aber man muss inzwischen zusätzlich beobachten, was mit dem Beobachter geschieht. Das ist eine neue Ebene dieses Jobs. Da A und O bleibt der journalistisch fundierte Konter gegen einen Präsidenten, der strukturell unlauter ist.

Gibt es Situationen, in denen Sie heute einen Satz anders schreiben, eine Quelle stärker absichern oder eine Formulierung genauer abwägen als noch vor zehn Jahren – nicht aus Angst, sondern weil das politische Klima aggressiver geworden ist?

Jein. Ich gehen nicht ängstlicher, aber vielleicht chirurgischer vor; jedenfalls bemühe ich mich. Vor zehn Jahren konnte man bei einer offensichtlich absurden politischen Behauptung vielleicht schreiben: „Trump behauptete ohne Beleg …“ Heute frage ich noch einmal: Ist „ohne Beleg“ wirklich exakt? Gibt es irgendeinen Splitter, auf den sich das Weiße Haus berufen könnte? Welche Formulierung hält nicht nur dem Leser stand, sondern einem Anwalt mit sechs Wochen Zeit? Das politische Klima hat aus Präzision eine Form der Selbstverteidigung gemacht. Gleichzeitig muss man aufpassen, nicht in eine zweite Falle zu geraten: vor lauter Absicherung blutleer zu schreiben - oder gar nicht. Journalismus darf nicht so antiseptisch werden, dass ein Machtmissbrauch am Ende klingt wie die Bedienungsanleitung einer Waschmaschine. Wenn ein Präsident einer Moderatorin wegen einer vollkommen gewöhnlichen journalistischen Einschätzung „Bestrafung“ durch die Medienaufsicht androht, muss man das präzise beschreiben – aber man darf dem Leser auch erklären, warum dieser Vorgang ungewöhnlich bis unverschämt und verfassungswidrig ist. Präzision und Klartext sind keine Gegensätze.

Eine der schwierigsten Aufgaben des Journalismus besteht darin, Macht kritisch zu kontrollieren, ohne selbst politischer Akteur zu werden. Wie gelingt diese Balance bei einem Präsidenten wie Donald Trump, der Medien geradezu zwingt, sich zu ihm zu positionieren?

Indem man sich nicht von Trump die Rolle zuteilen lässt. Er bietet Journalisten permanent zwei Kostüme an: Fan oder Feind. Beide sollte man im Garderobenschrank hängen lassen. Meine Aufgabe ist nicht, Donald Trump zu mögen oder zu bekämpfen. Meine Aufgabe ist herauszufinden, was er tut, warum er es tut, wer davon profitiert, wer den Preis dafür zahlt – und ob das, was er darüber sagt, stimmt. Gerade bei Trump ist diese Selbstdisziplin schwierig, weil Provokation und Lüge Teil seiner Kommunikationsstrategie ist. Wer auf jeden Tabubruch mit maximaler Empörung reagiert, spielt möglicherweise exakt die Rolle, die ihm zugedacht wurde. Umgekehrt ist demonstrative Neutralität keine Tugend, wenn die Fakten eindeutig sind. Wenn zwei plus zwei vier ergibt, muss ich nicht aus Ausgewogenheit jemanden suchen, der fünf sagt. Die Balance entsteht nicht dadurch, dass man immer in der Mitte steht. Sie entsteht dadurch, dass man immer mit demselben Maßstab misst – auch dann, wenn einem das Ergebnis politisch nicht gefällt.

Viele Europäer betrachten Trump als Ausnahmeerscheinung. Wenn man länger in den USA lebt: Ist Trump tatsächlich die Ursache dieser tiefen Polarisierung – oder eher ihr erfolgreichster politischer Ausdruck?

Eher Letzteres. Trump hat Amerika nicht gespalten wie Moses das Rote Meer. Die tektonischen Platten waren lange vorher in Bewegung: Vietnam, Watergate, der Aufstieg konservativer Talk-Radios, Newt Gingrich, Fox News, der Irakkrieg, die Finanzkrise, Barack Obama, soziale Medien, kulturelle und demografische Veränderungen. Schon lange vor Trump lebten Republikaner und Demokraten zunehmend nicht nur in verschiedenen politischen Lagern, sondern in verschiedenen medialen Wirklichkeiten. Trump hatte allerdings ein außerordentliches Gespür dafür, diese vorhandenen Bruchlinien zu bündeln und brutal auszunutzen: Migration, Statusverlust, kulturelle Kränkung, Misstrauen gegen Eliten, Washington und Medien. Deshalb führt auch die europäische Vorstellung in die Irre, nach Trump werde Amerika einfach wieder „normal“. Selbst wenn Trump morgen politisch verschwände, verschwänden die Millionen Amerikaner nicht, die in ihm einen Ausdruck ihres Misstrauens sehen. Die interessante Frage lautet also weniger: Was hat Trump mit Amerika gemacht? Sondern: Was war in Amerika bereits vorhanden, dass Trump möglich wurde?

Was verstehen Europäer an Donald Trump und seinen Anhängern bis heute nicht? Gibt es etwas, das man erst begreift, wenn man außerhalb Washingtons mit Menschen spricht, die ihn wählen und klassischen Medien kaum noch vertrauen?

Dass viele von ihnen morgens nicht aufstehen und denken: Heute möchte ich die Demokratie zerstören. Man trifft außerhalb Washingtons Menschen, die Trump wählen, obwohl sie manche seiner Ausfälle peinlich finden. Sie tun es, weil sie andere Dinge höher gewichten: Immigration, Preise, Abtreibung, Waffenrechte, Religion, die Besetzung von Gerichten – oder schlicht das Gefühl, dass Leute in Washington, New York und an Universitäten seit Jahren über sie reden, aber selten mit ihnen. Wer diese Menschen nur als manipulierte Opfer oder Fanatiker beschreibt, versteht weder Trump noch Amerika. Das bedeutet nicht, ihre Behauptungen ungeprüft zu übernehmen. Im Gegenteil. Aber journalistische Neugier beginnt genau dort, wo moralische Gewissheit bequem würde. Einer der größten Fehler im Washingtoner Medienbetrieb war zeitweise, über einen Trump-Wähler in Ohio lieber mit drei Politikwissenschaftlern in Washington zu sprechen, als nach Ohio zu fahren. Wer Amerika verstehen will, muss irgendwann die Interstate nehmen.

Sie erleben amerikanischen Journalismus aus unmittelbarer Nähe. Was können deutsche Redaktionen von amerikanischen Medien lernen – bei Recherche, Haltung gegenüber Macht und der Bereitschaft zur Selbstkritik? Und vor welchen Entwicklungen sollten wir uns in Deutschland hüten?

Lernen können wir die aggressive Recherchekultur. Amerikanische Spitzenredaktionen investieren teilweise Monate in Geschichten, beschäftigen Datenjournalisten, Anwälte und Fact-Checker und veröffentlichen gegen massiven Druck der Regierung trotzdem. Die Bereitschaft, Regierungen auf Herausgabe von Dokumente zu verklagen wie bei den Epstein-Akten, Quellen zu schützen und Macht grundsätzlich für rechenschaftspflichtig zu halten, ist beeindruckend. Ebenso die Fehlerkultur: Große US-Medien korrigieren sichtbar – manchmal schmerzhaft sichtbar. Hüten sollten wir uns dagegen vor zweierlei: der Tribalisierung des Publikums. In Amerika wird Journalismus zunehmend auch als Identitätsprodukt verkauft: Sag mir, welchen Sender du einschaltest, und ich kann mit einiger Wahrscheinlichkeit erraten, wie du wählst. Gallups 28 Prozent Gesamtvertrauen und nur acht Prozent unter Republikanern zeigen, wohin das führen kann. Wenn deutsche Medien daraus etwas lernen sollten, dann vielleicht dies: Haltung gegenüber Macht ist unverzichtbar. Haltung gegenüber dem Publikum ist gefährlich. Wer Leser belehren möchte, verliert irgendwann das Recht, sich über ihr Misstrauen zu wundern. Zweites Übel: Eine nervtötende Pest des US-Journalismus ist allmählich nach Europa überschwappende Selfie-Journalismus: Nicht mehr die New York Times, CNN oder NBC sollen glänzen als Marke, als Institution, sondern der Reporter, die Reporterin selbst. Jeder Satz wird zur persönlichen Markenpflege auf Instagram und Co., jede Analyse zur Ego-Show, jedes Ereignis zur Kulisse fürs das Feilen am eigenen Profil. Wenn der Berichterstatter, die Berichterstatterin wichtiger wird als die Nachricht, frisst Eitelkeit irgendwann Glaubwürdigkeit – und Journalismus wird schäbiges Influencer-Gewerbe.

Wenn Sie zehn Jahre vorausblicken: Was wird rückblickend entscheidender gewesen sein – Donald Trumps Angriffe auf einzelne Journalisten und Medien oder die schleichende Gewöhnung einer Gesellschaft daran, dass solche Angriffe zum politischen Alltag gehören?

Ich denke, die Gewöhnung. Einzelne Attacken produzieren Schlagzeilen, institutionelle Gewöhnung produziert Geschichte. Bei Trumps erster Amtszeit löste der Satz „enemy of the people“ noch internationale Debatten aus. Heute erleben wir Auseinandersetzungen über Akkreditierungen, Milliardenklagen, Sendelizenzen und konkrete Ausschlüsse von Medien. Am 18. September 2026 kündigt ein amerikanischer Präsident öffentlich an, CNN, MS NOW und Politico aus dem Weißen Haus zu verbannen – und ein Teil der Öffentlichkeit registriert es als eine weitere Nachricht im Tagesstrom. Genau das ist der Punkt. Demokratien sterben selten daran, dass morgens jemand ein Schild „Pressefreiheit abgeschafft“ an die Tür hängt. Normen erodieren millimeterweise. Das Außergewöhnliche wird umstritten, dann üblich und irgendwann langweilig. Für Journalisten ist deshalb vielleicht die wichtigste Aufgabe nicht, bei jeder Attacke lauter zu schreien. Sondern darauf zu bestehen, dass wir uns nicht daran gewöhnen.