Das Horrorhaus von Soest: Frau soll „wie eine Sklavin gehalten“ worden sein
Stand: 30.07.2026, 21:35 Uhr
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Über Monate soll eine Frau in einem Soester Wohnhaus misshandelt worden sein. Die Ermittlungen offenbaren einen Fall, der selbst erfahrene Kriminalisten erschüttert.
Soest – Ein Kriminalfall aus Soest macht gestandene Ermittler fassungslos. Vier Männer müssen sich bald für das verantworten, was ihnen vorgeworfen wird. Eine Rekonstruktion des Falles und ein Besuch in der Straße, in der die Anwohner schockiert darüber sind, dass sie von dem, was hinter den Mauern des unscheinbaren Wohnhauses passiert sein soll, nichts mitbekommen haben.
Ein Notruf bringt alles ins Rollen
Mit einem Notruf bringt ein Soester die Ermittlungen ins Rollen – und rettet einer Anfang 30-jährigen Frau womöglich das Leben. Es ist der 3. November 2025, in Soest gibt es nur ein Thema: die Allerheiligenkirmes, die zwei Tage später starten wird. Der Anwohner des Steinkuhlenwegs muss am späten Abend noch einmal an seine Garage, die hinter der Häuserreihe steht. Die Gärten und Terrassen sind dort vor neugierigen Blicken geschützt. Als der Mann zurück zum Haus geht, wird er stutzig. Er fragt sich, warum die Nachbarn um diese späte Zeit noch an der Veranda werkeln. Er schaut nach und zuckt zusammen: Auf der Terrasse hängt eine halbnackte Frau. Ihre Hände sind mit Handschellen gefesselt und über ihrem Kopf an einem Balken befestigt. Ihre Zehenspitzen können gerade so den Boden berühren.

Zuerst hofft die Polizei, dass der Anwohner, der da gerade den Notruf gewählt hat, auf die geschmacklosen Reste einer Halloween-Feier gestoßen ist. Das in Deutschland immer beliebter werdende Gruselfest liegt erst drei Nächte zurück. Doch wenige Minuten später ist klar, dass dieser Fall aus dem Soester Süden kein Spaß ist. Der Horror ist real.
Sie war stark unterkühlt
Als ihre Rettung kommt, ist die Frau nicht mehr bei klarem Bewusstsein. Sie trägt lediglich ein dünnes Sweatshirt, ist stark unterkühlt. Offenbar hängt sie dort schon seit Stunden. Nur ein paar Meter weiter, im Wohnzimmer hinter der Terrasse, sitzt der Herr des Hauses. Im Arm hält er ein Baby. Ein Film läuft. Seine Partnerin schläft im Obergeschoss mit den beiden älteren Kindern.
Rettungskräfte bringen die misshandelte Frau von der Terrasse ins Klinikum im Soester Westen. Feuerwehrleute befreien ihre Handgelenke von den stählernen Fesseln. Zunächst befürchten Mediziner und Polizisten, dass sie die Nacht nicht überleben wird. Doch sie schafft es. Über Monate liegt sie im Krankenhaus. Noch schwerer als die körperlichen Wunden wiegen die seelischen Verletzungen, die ihr angetan wurden. Das Ausmaß ihrer Torturen können die Ermittler in diesem Moment in der Notaufnahme des Klinikums noch nicht erahnen.
Vier Männer sind angeklagt
Während die Frau in Sicherheit gebracht wird, laufen die Ermittlungen an. Schnell wird klar: In dem Haus müssen entsetzliche Dinge geschehen sein. Bei der Aufklärung helfen den Ermittlern nicht nur die Aussagen des Opfers, sondern auch Videos, die während der Taten aufgenommen wurden. Angeklagt sind vier Männer aus Soest, geboren in den Jahren 1997, 2001, 2009 und 2010, zwei also noch minderjährig.
Sie alle sollen sich zwischen Juli und November 2025 in unterschiedlicher Weise an den Misshandlungen der Frau beteiligt haben. Zu den Tatvorwürfen zählen Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Nötigung und Cannabishandel. Die beiden Ältesten von ihnen sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass noch mehr Menschen „mitgemacht“ haben sollen, die aber nicht gefasst werden konnten.

Nicht angeklagt ist die Partnerin des Hauptbeschuldigten, die zusammen mit ihm und den Kindern in dem Haus gelebt hat. Die Beihilfe-Vorwürfe gegen sie ließen sich nicht stark genug erhärten. Sie soll jedoch das Bindeglied zu der Frau gewesen sein, die Anfang November von der Terrasse gerettet wurde.
Eine Form des Stockholmsyndroms
Das Opfer, das der Soester Obdachlosenszene zugeordnet wird, bezeichnete die Partnerin als Freundin, in deren Zuhause sie Essen und ein Dach über dem Kopf bekam. Die Abhängigkeit der Frau sei nach Einschätzung der Ermittler so groß geworden, dass ihr Verhalten mit einer Form des Stockholmsyndroms beschrieben wird. Dabei bauen Opfer von Missbrauch eine positive emotionale Bindung zu ihren Peinigern auf. Die Frau soll befürchtet haben, den nahenden Winter nicht allein zu überleben.

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten sollen der Hausherr und die weiteren Männer die Anfang 30-Jährige misshandelt haben. Schilderungen der Details sind schwer zu ertragen. „Die Frau wurde gehalten wie eine Sklavin im Keller“, heißt es gegenüber unserer Redaktion. „Mit ihr wurde alles gemacht, was man sich vorstellen kann – und noch viel mehr, bis zur dauerhaften Entstellung.“ Obwohl es Momente gab, in denen sie nicht angekettet war und das Haus verlassen durfte, kam sie wieder zurück – die Abhängigkeit war zu stark.
Mit ihr wurde alles gemacht, was man sich vorstellen kann – und noch viel mehr.
Schockierte Nachbarn
In den Tagen, Wochen und Monaten der Ermittlungen folgten Festnahmen, Fahndungen und Haftbefehle. Der Hauptbeschuldigte musste zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Nachbarn berichten gegenüber unserer Redaktion, dass er danach durch ein Fenster in das versiegelte Haus geklettert sein soll – was er danach dort tat, ist unklar. Wenige Wochen später sei er wieder festgenommen worden. Kurz nach dem 3. November 2025 holten Polizei und Jugendamt die Kinder – sie sollen nun in einer anderen Familie leben.
Am Steinkuhlenweg weiß jeder, dass in dem Reihenhaus am Stadtrand etwas Schlimmes passiert sein soll. Viele nennen es „das Horrorhaus“. Eine von ihnen ist Mirjam Becker: „Es hat mich geschockt, dass wir als Nachbarn nicht mitbekommen haben, was da abgeht.“ Sie sei an jenem Abend von Zugriff und Rettung durch die flackernden Blaulichter aufgeweckt worden. „Am nächsten Tag habe ich dann gehört, was passiert ist.“ Die polizeibekannte Familie sei erst im Sommer 2025 in das Haus gezogen – „ohne Möbel“, sagt sie. Becker und den anderen Nachbarn kam die Familie „dubios“ vor.

Sie beobachteten, wie Drogen und Geldscheine in einem Auto vor dem Haus die Besitzer wechselten. Sie berichten von Partys, die bis 4 Uhr in der Nacht gingen, von „komischen Gestalten, die ein und aus gingen“, von Autoraserei im Wohngebiet. Manche Anwohner mieden bewusst den Kontakt. Mirjam Becker sagt: „Wir wussten nicht, wer zur Familie gehört und wer nicht. Ich habe mich hier plötzlich unsicher gefühlt.“ Sie hat das Haus von innen gesehen, nachdem die Familie es verlassen hat. Vor dem Einzug der Familie sei alles frisch renoviert gewesen. „Nun musste die Vermieterin dort wieder alles neu machen – es war schmierig, vieles war kaputtgeschlagen.“ Das Haus soll verkauft werden, heißt es.
Mittlerweile ist Ruhe eingekehrt
Mittlerweile ist Ruhe in das Wohngebiet eingekehrt. Kinder haben die Straße mit Kreide verziert. Mirjam Becker erzählt von dem guten Zusammenhalt in der Nachbarschaft, von dem ruhigen Miteinander.

Am 12. Oktober soll vor dem Landgericht Arnsberg der Prozess gegen die vier Männer beginnen. 14 Verhandlungstage wurden angesetzt – bis kurz vor Weihnachten. Mirjam Becker bedauert, dass das Leid der Frau nicht früher aufgefallen ist: „Sonst hätten wir ihr eher helfen können.“ In Ermittlerkreisen ist man überzeugt davon, wie wichtig der Notruf des Nachbarn war: „Sie hätte die Nacht sonst wohl nicht überlebt.“