Das neue „Grüffelo“-Buch ist ein Wunderwerk – mit einem großen Makel
Stand: 10.09.2026, 14:27 Uhr
„Grüffelo-Oma“, der dritte Teil von Julia Donaldsons legendärer Geschichte, ist rasant und liebenswert. Schade nur, dass es nicht ganz an das Original heranreicht.
Es überrascht kaum, dass Julia Donaldson sich mit Fortsetzungen zu „Der Grüffelo“ (1999), dem Bilderbuch, das sie vor 27 Jahren berühmt machte und 17 Millionen Mal verkauft wurde, so zurückgehalten hat. Der melodische Reimtext von „Der Grüffelo“ und die Illustrationen von Axel Scheffler sind heute so vertraut wie jede Zusammenarbeit zwischen Roald Dahl und Quentin Blake. Doch der Erfolg des Buches beruhte vor allem auf seiner ungewöhnlich raffinierten Handlung: Eine winzige Maus überlistet eine Reihe hungriger Räuber mit Geschichten über ein erfundenes Monster, das schließlich Gestalt annimmt.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel von Emily Bearn entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk.
Es dauerte weitere fünf Jahre, bis Donaldson den ersten Nachfolger der Geschichte vorlegte, „Das Grüffelokind“, in dem der Grüffelo seine Tochter vor dem wilden kleinen Geschöpf warnt, das angeblich den Wald in Angst und Schrecken versetzt: „Die große böse Maus ist furchtbar stark, / und ihr Schwanz ist schuppig und furchtbar lang.“ Am Ende der Geschichte hat die Maus die Titelfigur mit ihrem riesigen Schatten in die Flucht geschlagen. Wenn „Der Grüffelo“ eine perfekt konstruierte komische Falle war, dann war „Das Grüffelokind“ deren einfallsreiche – wenn auch weniger befriedigende – Umkehrung.

Nun, mehr als 20 Jahre später, erscheint der dritte Teil. „Grüffelo-Oma“ beginnt mit Donaldsons vertraut gesponnener Spannung: „Da sagte der Grüffelo eines Tags: / ‚Die Grüffelo-Oma kommt heut’ zu uns, Schatz.‘ / ‚Erzähl mir von ihr, Papa, bitte tu! / Wird sie so sein wie ich und du?‘“ Kurz gesagt: nein. Die Grüffelo-Oma hat „einen RIESIGEN Appetit“, und zur Vorbereitung auf ihre Ankunft ziehen der Grüffelo und seine Tochter auf die Jagd. Schließlich fangen sie die Maus, die sie bereits zweimal ausgetrickst hat, und bringen sie nach Hause, um sie in ihren Auflauf zu geben.
Eine Maus, die um ihr Leben erzählt
Doch die Maus verzögert ihr grausiges Schicksal, indem sie dem Grüffelo und seiner Tochter Geschichten erzählt und dabei die Pointe zurückhält. „‚Wie geht es weiter?‘ ‚Oh, der nächste Teil ist der beste, / doch ihr seid müde. Morgen erzähl ich euch den Rest.‘“ Während ihre Entführer schlafen, macht sich die Maus ans Werk und knabbert die Stäbe ihres Käfigs durch. Wird es ihr gelingen, ihre Geschichten lange genug zu spinnen, um zu entkommen, bevor sie von der Grüffelo-Oma verschlungen wird?
Donaldsons flinke, beinahe hypnotische Reimpaare und Schefflers überschäumende Illustrationen lassen keinen Zweifel daran, warum sie eines unserer wirkungsvollsten Erzähler-Teams sind. Nach fast 30 Jahren wirken sie immer noch wunderbar frisch. Besonders die Illustrationen entdecken immer wieder neue komische Möglichkeiten in des Grüffelos zotteligem Körperbau und seinen hervorquellenden Augen; und der Wald ist nach wie vor dicht bevölkert, jedes Tier trägt Schefflers vertraute Mischung aus Bedrohlichkeit und Schalk.
Starke Fortsetzung ohne die Genialität des Originals
Wenn die Geschichte einen Makel hat, dann lediglich den, dass sie nicht ganz an das Original heranreicht. Der Kniff, dass die Maus ihr Schicksal hinauszögert, indem sie Geschichten erzählt, ist klug, ihre Lage ist spannend und ihre Flucht ist zufriedenstellend. Doch die Handlung erreicht nie ganz jene geniale Kreisstruktur, die „Der Grüffelo“ zu einer der meistverkauften Kindergeschichten aller Zeiten gemacht hat.