Datenanalyse zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD auf dem Land bei 50,4 % – Senioren bremsen Wahlsieg
Datenanalyse zur Landtagswahl
Stand: 07.09.2026 19:36 Uhr
Auf dem Land hätte die AfD die absolute Mehrheit erreicht. Vor allem bei Männern war die AfD erfolgreich. Hinter dem Wahlerfolg stecken laut einem Politikwissenschaftler auch autoritäre Einstellungen. Senioren bremsen die AfD hingegen. Eine Analyse mit Hintergründen und Grafiken.
von Tycho Schildbach, MDR Data
- Die AfD dominiert ländliche Regionen. Die Grünen verbessern sich in Städten.
- Seniorinnen und Senioren bremsen die AfD.
- Autoritäre politische Einstellungen beeinflussten die Wahl.
Ginge es nach den Wählerinnen und Wählern in ländlichen Regionen, würde die AfD mit 50,4 Prozent die absolute Mehrheit im Landtag von Sachsen-Anhalt erreichen. In Landgemeinden gewinnt die AfD zudem die meisten neuen Stimmen hinzu. Die Grünen werden in Magdeburg und Halle mit 18,4 Prozent zweitstärkste Kraft.
Auch beim Blick auf Alter, Geschlecht und Bildung offenbaren sich enorme Unterschiede im Wahlverhalten der Menschen.
Grüne gewinnen in Magdeburg und Halle
Je ländlicher eine Gemeinde ist, desto mehr Stimmen erhielt die AfD. Das zeigt eine Auswertung der fünf Gemeindetypen des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bei den Landtagswahlen 2024 in Sachsen und Thüringen zeigte sich bereits ein ähnliches Bild.
Es gibt aber einen großen Unterschied zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2021: Selbst in den beiden Großstädten laut BBSR-Definition, Magdeburg und Halle, holt die AfD mit 31,3 Prozent bei dieser Wahl die meisten Stimmen. 2021 lag sie in beiden Städten noch mit weitem Abstand hinter der CDU.
Unter den Parteien des letzten Landtags verbessern auch die Grünen ihr Wahlergebnis. Die ohnehin urbane Partei gewann vor allem in den Großstädten Stimmen hinzu (+6,1).
Die AfD gewinnt in allen Regionen deutlich hinzu, die Gewinne verteilen sich aber ungleich. Bei ihrem Kernklientel in den ländlichen Gemeinden steigt ihre Zustimmung sogar um 26,3 Prozentpunkte. In Magdeburg und Halle liegt der Gewinn bei 16,2 Prozentpunkten.
Dr. Gert Pickel von der Universität Leipzig erforscht das Wachstum der AfD. Er sieht im Wahlerfolg der AfD auf dem Land auch Versäumnisse der Konkurrenz: “Man hat Teile des ländlichen Raums an die dort sehr präsente AfD verloren, die sich dort den Status der "Kümmerer" erarbeiten konnte. Aber man hat auch versäumt, rechtzeitig eine sinnvolle und ausgewogene Debatte über die fehlende Anerkennung der Ostdeutschen nach dem Umbruch zu führen.”
Frauen wählen linker, aber erst seit Kurzem
Auch zwischen den Geschlechtern herrschen erkennbare Unterschiede – vor allem im Wahlergebnis der AfD. Das geht aus der Nachwahlbefragung von infratest-dimap hervor. Hätten nur Männer gewählt, käme die AfD auf einen Stimmenanteil von 50 Prozent – 11 Prozentpunkte mehr als bei Frauen. Damit wäre die Mehrheit der Sitze im Landtag sicher.
Die Männerdominanz ist nicht neu: Seit 2013, dem Gründungsjahr der AfD, machten bei jeder Bundestagswahl mehr Männer ihr Kreuz bei der AfD.
Die Nachwahlbefragung von infratest-dimap zeigt auch bei Sachfragen oft Geschlechterunterschiede: Männer nannten die Wirtschaft beispielsweise fast doppelt so häufig als wahlentscheidendes Thema.
Dass Frauen und Männer politische Fragen unterschiedlich beantworten, ist in der Wissenschaft gut dokumentiert. In Deutschland wählten Frauen bis in die 1970er Jahre konservativer als Männer, so eine Studie der Universität Köln. Denn Frauen vertraten meist traditionellere Werte und waren religiöser.
Die steigende Zahl von Frauen in schlecht bezahlten Jobs und die lauter werdende Forderung nach Geschlechtergleichberechtigung werden als Gründe für eine Trendwende vermutet. Seit der Bundestagswahl 2017 ist laut dem Studienautor Ansgar Hudde eine klare Verschiebung zu linkeren Wahlentscheidungen von Frauen erkennbar.
Senioren bremsen die AfD
Wer die AfD aber auf alte Männer reduziert, versteht diese Partei nicht. Denn gerade Seniorinnen und Senioren stehen einer absoluten Mehrheit der AfD in Sachsen-Anhalt im Weg. Bei der Wählerschaft ab 70 Jahren schneidet die AfD am schlechtesten ab und kommt auf 31 Prozent (siehe Grafik). Dagegen erreichen CDU (30 %) und SPD (13 %) in dieser Altersgruppe ihre besten Ergebnisse.
Die Bremseffekte der ältesten Altersgruppe für die AfD sind so deutlich spürbar, weil schlichtweg viele alte Menschen in Sachsen-Anhalt leben. Fast jede vierte deutsche Person ist mindestens 70 Jahre alt. Ausländer werden in der Statistik nicht berücksichtigt, weil sie nicht wahlberechtigt sind.
Dass die beiden traditionellen Volksparteien CDU und SPD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei den älteren Generationen verhältnismäßig gut abschneiden, passt zu Erkenntnissen der Wahlforschung. Denn in den älteren Generationen gibt es noch vergleichsweise viele Stammwählerinnen und -wähler.
Grundsätzlich zeigt der Trend seit den 1990er Jahren aber in die andere Richtung: Immer weniger Menschen bleiben einer Partei langfristig treu – ein Vorteil für die junge Partei AfD.
Die Parteibindung älterer Menschen an CDU und SPD ist wohl auch darin begründet, dass in ihren politisch prägenden Jahren oft nur drei Fraktionen im Bundestag saßen. Zwischen 1961 und 1983 schaffte es außer der CDU/CSU, der SPD und der FDP keine andere Partei über die Fünf-Prozent-Hürde. Den weit verbreiteten Glauben, Menschen wählten mit dem Alter konservativer, widerlegen Studien dagegen.
Die AfD ist auch aus einem zweiten Grund keine reine Altherrenpartei. “Gerade unter jungen Erwachsenen zeigt sich eine Spaltung: Junge Männer neigen überdurchschnittlich der AfD zu, junge Frauen überdurchschnittlich der Linken”, sagt Politikwissenschaftler Pickel.
Seine Forschungsergebnisse spiegeln sich auch in den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt wider: 51 Prozent der Männer unter 25 Jahren, aber nur 31 Prozent der Frauen unter 25 Jahren entschieden sich für die AfD. Bei der Linken erreichen die jungen Frauen mit 20 Prozent fast doppelt so viele Stimmen wie bei jungen Männern (11 %).
Und welche Rolle spielte Social Media bei jungen Wählern in Sachsen-Anhalt? Klar ist, dass die AfD auf TikTok und Instagram extrem erfolgreich ist. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund versammelt auf TikTok und Instagram etwa hundertmal so viele Follower wie sein CDU-Kontrahent Sven Schulze. 1,6 Millionen Menschen folgen Siegmund auf den beiden Plattformen. Schulze kommt gerade einmal auf 17.000 (Stand 7.9.26).
Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zur Bundestagswahl 2025 belegt die Übermacht der AfD auf TikTok, Instagram, YouTube und X. Die Algorithmen der Plattformen zeigten die AfD bei 21- bis 25-Jährigen mit Abstand am häufigsten und am schnellsten im Feed. Die TikTok-Videos der offiziellen Parteiprofile der AfD und auch der Linken waren im Vergleich zu den anderen Parteien messbar erfolgreicher.
Die AfD ist keine Partei der Armen
Je ärmer, desto mehr AfD-Stimmen? Diese Schlussfolgerung legt die Nachwahlbefragung nahe (siehe Grafik). Doch die Zuordnung zu “guter” und “schlechter” finanzieller Lage beruht auf Eigeneinschätzungen der Befragten und ist daher nicht objektiv. Studien zeigen dagegen keinen klaren Zusammenhang zwischen Wohlstand oder finanziellen Sorgen und AfD-Anhängerschaft.
Autoritäre politische Einstellungen nehmen zu
“Tatsächlich spielen für die Entscheidung für die AfD wirtschaftliche oder finanzielle Faktoren eine nachgeordnete bis keine Rolle”, sagt Gert Pickel. Wichtiger seien “das Gefühl einer fehlenden Anerkennung durch den Westen und eine daraus resultierende Ostidentität oder teilweise auch eine fragile Haltung zur Demokratie, indem man zwar eine Demokratie will, aber eben eine mit autokratischen Bestandteilen.”
Der Verfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem ein. Pickels Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine Zunahme autoritärer politischer Einstellungen zum Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt beigetragen haben könnten. Der Sachsen-Anhalt-Monitor vom Dezember 2025 kommt zum Schluss, dass fast sechs von zehn Menschen in Sachsen-Anhalt offen sind für Alternativen zur Demokratie.
34 Prozent der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt bevorzugen zum Beispiel ein Einparteiensystem. Weitere 19 Prozent tun dies teilweise. Unter den AfD-Anhängerinnen und -Anhängern wünschen sich sogar 66 Prozent ein Einparteiensystem. “Es mag sein, dass manchen nicht bewusst ist, dass sie mit diesem Statement einem zentralen Merkmal der liberalen Demokratie widersprechen, dennoch entfernen sie sich damit vom Grundverständnis einer solchen Demokratie”, schreiben die Studienautoren um Gert Pickel dazu.
Die Studie stellt außerdem fest, dass inzwischen jede dritte Person in Sachsen-Anhalt nach einer Revolution statt politischen Reformen strebt. Der Wunsch nach einer radikaleren Politik zeigt sich auch in der Nachwahlbefragung zur Landtagswahl. Unter den AfD-Wählenden fordern 83 Prozent einen grundlegenden Wandel und nicht etwa Korrekturen der Politik.
Anmerkung der Redaktion: Um die Kommentare zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu bündeln, bieten wir die Kommentarfunktion in diesem Artikel an: Vorläufiges Ergebnis der Landtagswahl: AfD stärkste Kraft - CDU stürzt ab
MDR (Tycho Schildbach)