Debatte nach Spahns Vaterschaft: So denken die Deutschen über Leihmutterschaft

Debatte nach Spahns Vaterschaft

Bevölkerung beim Verbot der Leihmutterschaft gespalten


Aktualisiert am 21.07.2026 - 13:09 UhrLesedauer: 4 Min.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats spricht nach der aktuellen Diskussion um Leihmutterschaft von einer "Doppelmoral der Gesellschaft". Umfragen zeigen die Komplexität des Themas.

Die Vaterschaft von Jens Spahn hat die Debatte um das Thema Leihmutterschaft neu entfacht. In einer Umfrage für die "Bild"-Zeitung erklärten 41 Prozent, dass sie es für falsch halten, dass Leihmutterschaften in Deutschland verboten sind. 39 Prozent halten das Verbot für richtig. Ein außergewöhnlich hoher Anteil von 20 Prozent machte keine Angabe oder gab an, keine Antwort zu wissen.

Eine Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Konkret verboten sind die Vermittlung einer Leihmutterschaft und die ärztliche Behandlung sowie das Einsetzen einer Eizelle und die gesamte ärztliche Begleitung des Prozesses. Allerdings machen sich sogenannte Wunscheltern, die eine Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, selbst nicht strafbar.

Aufgesplittert nach Parteien ergab sich folgendes Bild: Bei den Unions-Anhängern finden 47 Prozent das Verbot richtig. Bei den SPD-Wählern sind es 48 Prozent. Dagegen hielten 42 Prozent der AfD-Wähler, 47 Prozent der Wähler der Linkspartei sowie 49 Prozent der FDP-Wähler das Verbot für falsch. Bei den Grünen-Wählern hielten ausgeglichen 43 Prozent das Verbot für richtig – und 43 Prozent für falsch.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, fordert nun eine offene gesellschaftliche Debatte über die Leihmutterschaft. "Wenn man die Debatten nicht führt, wird das Problem latent immer bleiben", sagte der Rechtswissenschaftler im Deutschlandfunk. "Man sollte diese Debatte führen, und man muss halt dann überlegen, welche Güter sich da gegenüberstehen."

Das sei auf der einen Seite der unerfüllte Kinderwunsch von nicht nur homosexuellen männlichen Paaren, sondern auch von Frauen, die aus medizinischen Gründen selbst kein Kind austragen könnten. Sie könnten sich diesen Kinderwunsch nur mittels Leihmutter erfüllen. "Und das ist auch nichts, was ein Lifestyle-Problem wäre, sondern dieser unerfüllte Kinderwunsch ist für viele existenziell und kann das Lebensglück bedrohen", sagte Frister. Auf der anderen Seite müssten zum einen die potenziellen Leihmütter geschützt und zum anderen überlegt werden, was das für das Kindeswohl bedeute.

"Doppelmoral der Gesellschaft"

Die Diskussion nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) zeigt aus Sicht Fristers die Doppelmoral der Gesellschaft. Einerseits sei im Inland nicht nur die Leihmutterschaft verboten, sondern auch die Eizellspende. Andererseits werde sehr großzügig toleriert, insbesondere bei der Eizellspende, dass eben Frauen und Paare ins Ausland gehen, um auf diese Weise ihren Kinderwunsch zu erfüllen. "Und es ist ein bisschen so, dass die gesamte Gesellschaft da das Problem ins Ausland verlagert."

Ganz unabhängig vom sehr schwierigen Problem der Leihmutterschaft besteht im Bereich der Fortpflanzungsmedizin insgesamt nach den Worten des Ethikrat-Chefs ein deutlicher Modernisierungsstau. "Wir müssen, glaube ich, an das Problem der Eizellspende wirklich ran." Und eine Embryonenspende sei zwar theoretisch möglich, deren Rechtsfolgen seien aber völlig ungeregelt. "Es gibt also da eine Menge Modernisierungsbedarf", sagte Frister.

Prien schließt Kurskorrektur aus

Auch die politischen Parteien sind bei dem Thema uneins. Bundesfamilienministerin und CDU-Politikerin Karin Prien geht nicht davon aus, dass ihre Partei ihre ablehnende Haltung beim Thema Leihmutterschaft ändern wird. Auf die Frage, ob sich die Position der CDU in naher Zukunft liberalisieren könnte, verwies Prien im Gespräch mit dem Portal "Politico" auf den verschärften Parteitagsbeschluss vom Februar. Demnach sei nicht nur die gewerbliche, sondern auch die sogenannte altruistische Leihmutterschaft ohne Bezahlung mit dem Werteverständnis der CDU unvereinbar. Eine Kurskorrektur schloss Prien aus: "Das kann ich mir kaum vorstellen." Mehr zu den politischen Stimmen über die Leihmutterschaft lesen Sie hier.

Haßelmann für neue Debatte

Grünen-Fraktionschefin Haßelmann sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, "die aktuelle gesellschaftliche Debatte zeigt auch, dass es geboten ist, sich erneut inhaltlich mit den Ergebnissen der Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin zu befassen."

Die Kommission war in der vergangenen Legislaturperiode von der Ampelkoalition eingesetzt worden und hatte im April 2024 ihren Abschlussbericht vorgelegt. Sie empfahl, dass Schwangerschaftsabbrüche in der Frühphase der Schwangerschaft künftig nicht mehr grundsätzlich strafbar sein sollten. Leihmutterschaft könne der Gesetzgeber in bestimmten Fällen zulassen, "sofern insbesondere der Schutz der Leihmutter und das Kindeswohl hinreichend gewährleistet werden".

Allerdings wiesen die Mitglieder damals auch darauf hin, dass selbst die altruistische Leihmutterschaft das Risiko für Missbrauch berge. Sie sollte deshalb – wenn überhaupt – nur unter sehr engen Voraussetzungen ermöglicht werden, so die Kommission. Dazu zähle, wenn etwa ein nahes verwandtschaftliches oder freundschaftliches Verhältnis zwischen Wunscheltern und Leihmutter bestehe.

Auch in der Linksfraktion im Bundestag verweist man auf ein mögliches finanzielles Ungleichgewicht zwischen Leihmutter und den Paaren, die Eltern werden wollen. Die frauenpolitische Sprecherin Kathrin Gebel sieht auch altruistische Varianten kritisch: "Gesundheitliche Risiken, Abhängigkeiten und familiärer Druck" verschwänden nicht automatisch, nur weil offiziell kein Geld fließe, so Gebel.

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Laschet kritisiert Brosius-Gersdorf

Die Verfassungsrechtlerin und ehemalige Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf, plädierte hingegen für eine Legalisierung von Leihmutterschaften in Deutschland. Das geltende Verbot sei "dann paternalistisch und mit dem Menschenbild des Grundgesetzes nicht vereinbar, wenn Frauen sich freiwillig entscheiden, Leihmutter zu sein", sagte Brosius-Gersdorf der "Zeit". "Man darf Frauen und insofern auch Leihmütter nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen."

CDU-Politiker Armin Laschet kritisiert Brosius-Gersdorf daraufhin auf X. "Etwas plumperes, als diese Antwort von Frau Brosius-Gersdorf habe ich noch nicht gelesen. Ein Segen, dass sie nicht im höchsten deutschen Gericht sitzt, das über die Werteordnung der Verfassung wacht." Die Leihmutterschaft bezeichnet Laschet als "Miet-Mutterschaft".

Spahn und sein Mann hatten bekanntgegeben, dass sie Eltern geworden sind. Eine Leihmutter in den USA brachte ihren Sohn Georg zur Welt. Damit umgingen sie das in Deutschland geltende Verbot, das Spahn in der CDU mitgetragen hat.