Globaler Geburtensturz: Warum die Kinderzahlen nahezu überall sinken
In der Stadt Tijuana im Nordwesten Mexikos, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten, haben sich Fruchtbarkeitskliniken niedergelassen. Sie locken US-Amerikaner, die sich sehnlichst Kinder wünschen und sich die nötige Prozedur in den USA nicht leisten können. Shuttleservices bringen sie von den nahe gelegenen Flughäfen zu den Kliniken.
Während mexikanische Mediziner den nördlichen Nachbarn helfen, Kinder zur Welt zu bringen, bekommen Mexikaner selbst immer weniger Kinder. Die Geburtenrate in dem Land ist binnen 25 Jahren um die Hälfte gefallen. Im Jahr 2024 betrug sie gemäß der Regierungsstatistik nur noch 1,2 Kinder je Frau – das ist italienisches Niveau und weniger als die 1,6 Kinder je Frau in den USA. „Mir fehlen die Worte, um diese Entwicklung zu beschreiben“, sagt der Ökonom Jesús Fernández-Villaverde von der University of Pennsylvania in Philadelphia. In den vergangenen fünf Jahren fiel die Geburtenrate in Mexiko von 1,9 auf 1,2.
Mexiko ist mit dieser Entwicklung kein demographischer Ausreißer. Mexiko steht für eine neue Normalität. Die Geburtenraten sinken global in einem Tempo, das die offiziellen Bevölkerungsszenarien zur Makulatur werden lässt. Die Vorstellungen über eine bildhafte „Bevölkerungsexplosion“ und eine Überbevölkerung, die sich so tief in das Bewusstsein eingegraben haben, sind aus der Zeit gefallen, selbst in Afrika. Dort sind die Geburtenraten zwar immer noch hoch. Doch sie fallen schnell und sind in vielen urbanen Zentren unter die Quote von 2,1 Kindern je Frau gerutscht, die den Bestand der Bevölkerung erhält.
Erstmals in ihrer Geschichte unterschreitet die Menschheit in diesem Jahr vermutlich dieses Bestandserhaltungsniveau, rechnen die Ökonomen Fernández-Villaverde und Patrick Norrick vor. Weder Kriege noch Pandemien hatten bislang vermocht, den Anstieg der Weltbevölkerung zu bremsen. Jetzt aber sind Kräfte am Werk, die in fast allen Ländern die Geburtenraten in einer Geschwindigkeit schrumpfen lassen, mit der nur wenige Demographen gerechnet haben.
„Demographie ist der meist unterschätzte sozioökonomische Faktor“, sagt Dirk Schumacher, der Chefvolkswirt der staatlichen Förderbank KfW in Frankfurt. „Man merkt das Schrumpfen nicht sofort.“ Reiche Staaten im Westen erleben schon heute, wie die Demographie zuschlägt. In Deutschland sinkt das Arbeitskräftepotential um bis zu eine halbe Million Menschen im Jahr. Vor allem mittelständischen Unternehmern fehlt es an Nachfolgern. Mit dem Alter der Eigentümer sinken zudem Investitionsbereitschaft und Risikofreude.
Für viele kleine Firmen endet der demographische Wandel deshalb nicht mit einem Besitzerwechsel, sondern mit der Schließung. „In Großkonzernen stellt sich das Problem der Nachfolge nicht. Es ist die gigantische Masse der kleineren Unternehmen, für die die Schließung durch Überalterung die einzige Alternative ist“, sagt Schumacher.
Die Folgen für die Gesellschaft zeigen sich in vielen Dimensionen. „Die meisten Menschen stellen sich den Rückgang der Geburtenraten ungefähr so vor wie eine Diät: Die Menschheit sei ein bisschen zu dick geworden, verliere nun zehn Kilogramm und lebe danach gesünder weiter“, sagt Fernández-Villaverde. So sei es aber nicht. „Das ist so, als ob Sie jeden Tag Kalorien verlieren, bis Sie verhungern.“ Denn anders als Demographen erwartet hatten, gibt es wenige Hinweise, dass die Bevölkerung sich auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert. Der Makroökonom hält den Einbruch der Geburtenraten für eine der größten wirtschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. „Das ist nicht der Weg von acht Milliarden auf sechs Milliarden. Das ist der Weg von acht Milliarden auf null.“
Ein verrücktes Szenario für Bolivien
Wie mächtig kleine Unterschiede bei der Geburtenrate werden können, zeigt Fernández-Villaverde mit einem bewusst zugespitzten Rechenbeispiel: Bolivien könnte in 90 Jahren mehrheitlich deutschsprachig sein. Rund 150.000 Mennoniten sprechen dort Plattdeutsch und bekommen schätzungsweise sieben Kinder je Frau, der Rest der Bevölkerung nur etwa 1,5. Bleiben diese Unterschiede bestehen, wären die Mennoniten vom Jahr 2116 an in der Mehrheit. „Fertilität funktioniert wie ein Zinssatz“, sagt Fernández-Villaverde. Kleine Unterschiede potenzierten sich über Generationen.
Noch wächst die Weltbevölkerung weiter, weil Frauen aus geburtenstarken Jahrgängen das gebärfähige Alter erreichen und die Alten länger leben. Die Vereinten Nationen haben errechnet, dass die Weltbevölkerung ihren zahlenmäßigen Höhepunkt Mitte der 2080er-Jahre erreichen wird. Fernández-Villaverde geht davon aus, dass der Höhepunkt schon 30 Jahre früher kommen wird.
Nicht alle Demographen sehen die Entwicklung als dramatisch an. „Niedrige Geburtenraten sind schon lange von Menschen gewollt“, sagt Axel Börsch-Supan, der Direktor des Munich Research Institute for the Economics of Aging, das keinen deutschen Namen hat. Der Ökonom beschäftigt sich seit 40 Jahren mit den globalen Wirkungen des demographischen Wandels, besonders für die Sozialversicherungen. In wohlhabenden Ländern habe sich schon in der fortschreitenden Industrialisierung gezeigt, dass man weniger Kinder brauchte, weil deren Sterblichkeit abnahm, sagt Börsch-Supan. Der Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg kompensierte die Toten der Kriegszeit. Das überdeckte für eineinhalb Jahrzehnte den langfristigen Trend der sinkenden Kinderzahl, der danach fortgeschrieben wurde. Die Antibabypille sei nur ein unwesentlicher Einfluss gewesen.
„Durch die Alterung verändert die Gesellschaft sich relativ wenig“, sagt Börsch-Supan. Arbeitskräftemangel sei ohne ausgleichende Migration spürbar. „Ältere werden mehr und können auch mehr, sie sehen nicht mehr so alt wie Ältere früher aus.“ Nur die Politiker täten sich schwer, das Rentensystem an die steigende Lebenserwartung anzupassen.
Stirbt Thailand aus?
Die Zahlen, die Jesús Fernández-Villaverde ausgewertet hat, wirken dennoch wie ein Strukturbruch: Thailand kam zuletzt nur noch auf 0,76 Kinder je Frau. Bliebe das so, verlöre das Land binnen hundert Jahren rund 97 Prozent seiner Bevölkerung. Kolumbien liegt bei etwa einem Kind je Frau, Iran bei rund 1,35. In mehreren Schwellenländern sind die Geburtenraten inzwischen niedriger als in Deutschland, Frankreich oder den Vereinigten Staaten.
Die Entwicklung stellt eine klassische Erzählung auf den Kopf. Lange dachte man, dass reiche Gesellschaften und reiche Familien weniger Kinder haben, während arme Länder und arme Familien viele Kinder zur Welt bringen. Die neue Realität ist, dass der globale Rückgang der Geburtenraten sich vor allem auf Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen sowie auf ärmere und weniger gebildete Frauen konzentriert.
Die Konsequenz: Viele Länder werden alt, bevor sie reich geworden sind. Sie müssen dann alternde Gesellschaften finanzieren, ohne zuvor den Wohlstand, die leistungsfähigen Institutionen und die Steuerbasis Europas oder Japans aufgebaut zu haben.
In Frankreich könnte die Stimmung kippen
Das eigentlich gebeutelte Japan ist für Fernández-Villaverde fast der günstige Fall: reich, institutionell stabil und gesellschaftlich vergleichsweise homogen. Schon dort ist die Alterung schwer zu bewältigen. Länder wie Mexiko, Tunesien oder Thailand müssten dieselbe Anpassung mit einem Bruchteil des Pro-Kopf-Einkommens schaffen.
Frankreich dient ihm als Abschreckung. Dessen Staatsfinanzen seien mit einer alternden und höchst polarisierten Bevölkerung auf Dauer nicht tragfähig, sagt er: „Das Land wird explodieren, ob 2028, 2035 oder 2040.“ Fernández-Villaverde vergleicht die Lage mit einem Patienten, der zwei Packungen Zigaretten täglich raucht, übergewichtig ist, viel trinkt und keinen Sport treibt. „Bekommen Sie morgen einen Herzinfarkt? In einem Monat? In 20 Jahren? Das weiß kein Arzt. Aber jeder Arzt wird Ihnen sagen: So kann es nicht weitergehen.“

Die Folgen des Geburteneinbruchs seien längst sichtbar, sagt Fernández-Villaverde. Nur würden sie selten als demographische Konflikte bezeichnet. In Deutschland werde über Renten, Migration und Wohnungspolitik gestritten. In den Vereinigten Staaten verlaufe ein erheblicher Teil der Verteilungskonflikte zwischen älteren Besitzern von Aktien und Immobilien und jüngeren Menschen ohne vergleichbares Vermögen. Sinkende Bevölkerungszahlen ließen zugleich Metropolen und attraktive Zentren weiter wachsen, während kleinere Orte ausbluteten.
Weniger Menschen – ist das negativ?
Es ist nicht alles schlecht. Weniger Menschen bedeuten weniger Emissionen, weniger Verkehr und die Chance, Kinder in kleinen Klassen besser auszubilden. Das sind Argumente, die für spezielle Gruppen von Ökonomen seit Jahrzehnten relevant sind. Geprägt sind sie vom Bericht „Grenzen des Wachstums“, den ein Forscherteam im Jahr 1972 für den Club of Rome erstellte. Die Forscher machten zahlreiche Fehlprognosen zur Ressourcenknappheit und beschrieben das Bevölkerungswachstum als ein wesentliches Problem der zunehmenden Umweltverschmutzung auf der Welt.
„Es ist unabwendbar, dass sich auf einem endlichen Planeten die menschliche Bevölkerung, wie die Population aller Arten, irgendwann stabilisieren muss“, sagt Robert Costanza, ein Professor für Ökologische Ökonomik am University College London. Es sei für ein gutes Leben auf der Welt besser, wenn diese Population sich auf einem niedrigeren Level einpendle. So lasse sich zum Beispiel vermeiden, dass Menschen in überbevölkerten Regionen Naturkatastrophen nicht mehr ausweichen könnten. Stabilisiere die Bevölkerung sich rechtzeitig, werde dies mit einem höheren Wohlstandsniveau für den Einzelnen verbunden sein. Wie es zu dieser Stabilisierung kommen kann, ist aber unklar.
Wohin fließt das Kapital?
Man kann auch mit nüchtern-sachlichem Investorenblick auf die Entwicklung blicken: „Wir betrachten die demographische Entwicklung als eine der vier Megakräfte, die Wirtschaft und Kapitalmärkte strukturell verändern“, sagt Ann-Katrin Petersen, die Chefanlagestrategin für den deutschsprachigen Raum des größten Vermögensverwalters der Welt, Blackrock. Das globale Arbeitskräfteangebot wachse weiter, aber immer langsamer.
Nach Berechnungen von Blackrock dürfte die Erwerbsbevölkerung in den kommenden zwei Jahrzehnten nur noch um zehn Prozent zulegen, statt um 27 Prozent wie in den vergangenen 20 Jahren. In vielen großen Volkswirtschaften schrumpft sie bereits. Zudem könnte der Druck auf die Staatsfinanzen durch schrumpfende Einnahmen zunehmen. Kapital werde nicht automatisch in Länder mit wachsender Bevölkerung strömen, warnt Petersen. Ohne gute politische Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Produktivität seien Investoren nicht leicht anzuziehen.
„Es reicht nicht aus, dass die Bevölkerung wächst“, sagt die Anlagespezialistin. Auf die Weltwirtschaft werde die Demographie sich spürbar auswirken. „In den vergangenen zwei Jahrzehnten erklärten sich 0,3 Prozentpunkte des durchschnittlichen Wachstums von 1,7 Prozent durch Bevölkerungswachstum“, sagt Petersen. „Das verschwindet allmählich, und ohne höhere Produktivität gibt es eher ein gedämpftes Wachstum.“
In Philadelphia sieht Fernández-Villaverde viele der scheinbar getrennten politischen Auseinandersetzungen Europas als Variationen desselben Problems. „Wir reden nicht über Fertilität. Wir reden über ihre Folgen.“ Rentenpolitik, Einwanderung, Aktienvermögen, Wohnungsmieten: „Das ist Demographie unter einem anderen Namen“, sagt er.
Warum die Moderne kinderarm macht
Das große Rätsel lautet: Wie konnte das geschehen? Zwei populäre Erklärungen lauten, dass Männer weniger und weniger mobile Spermien produzieren und dass Smartphones persönliche Kontakte und das Dating killen. Gegen Spermienarmut als Grund für die sinkende Kinderzahl spricht, dass religiöse Familien genauso viele Kinder kriegen wie früher. Die Handythese greift vermutlich zu kurz. In Italien zum Beispiel betrug die Geburtenziffer im Jahr 1995 noch ganz ohne Handys 1,19. Im vergangenen Jahr betrug sie 1,14.
Eine größere Rolle könnte das Internet spielen oder attraktivere Rollenmodelle für Frauen in Gesellschaften mit geringer Gleichberechtigung. In Machogesellschaften könnte die Geburtenrate diejenige nordeuropäischer Länder mit mehr Gleichberechtigung bald unterschreiten.
Ökonomische Motive kennzeichnen die zweite Gruppe der Erklärungen: In vielen Ländern auf der Welt ist Wohnen so teuer wie nie. Das erschwert es jungen Menschen, zusammenzuziehen, zu heiraten oder dauerhafte Partnerschaften einzugehen – und drückt so die Geburtenrate. Mehr Wucht hat wohl ein etwas komplizierteres Argument. Kindererziehung ist äußerst zeitaufwendig. Wächst eine Volkswirtschaft und steigen die Löhne, verteuert die Zeit der Eltern sich. Das schafft einen starken Anreiz, weniger Kinder zu bekommen und mehr zu arbeiten. Überdies könnten Eltern versucht sein, die Investitionen in Bildung auf wenige statt auf viele Kinder zu richten, um deren Chancen auf ein Leben in Wohlstand zu erhöhen.
Fernández-Villaverdes radikalste Erklärung lautet deshalb: Nicht einzelne Kosten machen moderne Gesellschaften kinderarm. Es ist die Moderne selbst: Ausbildung beanspruche die fruchtbarsten Jahre, Unterbrechungen für die Kindererziehung schadeten den Berufskarrieren, Arbeitsmärkte rissen Familien auseinander. Was Gesellschaften produktiver gemacht hat, macht Familiengründung schwieriger.
Plädoyer für einen kinderfreundlichen Feminismus
Zurück ins 19. Jahrhundert will der Ökonom trotzdem nicht. Er plädiert dafür, die Moderne familienfreundlicher zu organisieren: mehr Homeoffice, flexiblere Karrieren, kleinere Städte, dichtere soziale Netze, verlässlichere Betreuung. Sein Bild dafür: „Vom vierten in den dritten Gang schalten“ – nicht den Motor abwürgen.
Fernández-Villaverde setzt vor allem auf bezahlbaren, familienfreundlichen Wohnraum und flexible Elternzeiten. Hochhäuser seien für Familien unpraktisch; besser seien Viertel mit Höfen und Gärten, in denen Kinder selbständig spielen könnten. Stadtplanung müsse sich weniger an Architekten und stärker daran orientieren, „wie wirkliche Menschen leben wollen“. Ebenso wichtig sei, dass Elternzeit der Karriere nicht schade. Deutschlands niedrige Geburtenrate sei kein Beweis gegen solche Hilfen: „Ohne sie lägen wir vielleicht bei 1,2 statt 1,4.“
Der Ökonom plädiert für eine Art kinderfreundlichen Feminismus: Frauen sollen auf Karriere und wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht verzichten müssen, nur weil sie Kinder bekommen. Statt die Emanzipation zurückzudrehen, müsse die moderne Arbeitswelt so organisiert werden, dass Mutterschaft weniger koste. Denn eines zeigen Umfragen durchgängig: Die Menschen wünschen sich mehr Kinder, als sie am Ende bekommen.