Unterhaltsvorschuss: Kürzungen bei Alleinerziehenden sind der falsche Weg

Der andere Blick
Es ist viel zu einfach, sich aus der Verantwortung zu stehlen: Die Kürzungen beim Unterhaltsvorschuss bestrafen die Falschen
Wenn ein Elternteil nicht für die gemeinsamen Kinder zahlt, springt der Staat ein. Doch statt die Schulden von den säumigen Unterhaltszahlern konsequent einzutreiben, will die deutsche Familienministerin Karin Prien jetzt die Zahlungen reduzieren.
13.07.2026, 17.23 Uhr
3 Leseminuten

Rund die Hälfe aller Alleinerziehenden bekommt keinen Unterhalt vom Vater für das gemeinsame Kind.
Unai Huizi / Imago
Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susann Kreutzmann, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.
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Elternteile, die sich vor Unterhaltszahlungen für ihre Kinder drücken, haben weiterhin gute Chancen davonzukommen. Denn der Staat ist ein schlechter Eintreiber von Schulden und hat auch wenig Ambitionen, daran etwas zu ändern. So kann man die Ankündigung der deutschen Familienministerin Karin Prien verstehen, den staatlichen Vorschuss für Trennungskinder zu kürzen.
Die Kosten für den sogenannten Unterhaltsvorschuss, also das vom Staat vorgestreckte Geld, haben sich in den vergangenen Jahren vervierfacht. Jetzt setzt die Ministerin den Rotstift an und trifft diejenigen, die ohnehin keine starke Lobby haben – die Alleinerziehenden.
Die Ministerin wählt den falschen Weg. Unterhaltsschuldner – in 90 Prozent sind es die Väter – können sich weiterhin aus der Verantwortung stehlen. Gespart wird dagegen bei den Leidtragenden. Dabei handelt es sich nicht um ein Randphänomen: Die Hälfte aller Alleinerziehenden bekommt in Deutschland keinen Cent vom Ex-Partner.
Wenn das so ist, springt der Staat mit dem Unterhaltsvorschuss ein. Das Geld, so die Idee, holt er sich später zurück. Bis jetzt wird bis zum 18. Lebensjahr des Kindes der staatliche Vorschuss gezahlt. Die Christlichdemokratin Prien will die Grenze jetzt auf 16 Jahre kürzen.
Falsches Signal des Rechtsstaates
Auf mehr als vier Milliarden Euro ist der Schuldenberg durch nicht zurückgezahlte Unterhaltsleistungen inzwischen angewachsen. Zwar sind nicht alle Eltern finanziell in der Lage, für ihre Kinder zu zahlen. Allerdings geht die Bundesregierung davon aus, dass rund die Hälfte der Elternteile dies könnte, nur eben nicht tut.
Konsequenterweise müssten jetzt Bund, Länder und Kommunen das Eintreiben der Schulden mit einem Massnahmenplan zur Priorität erklären. Doch das passiert nicht. Etwa 20 Prozent des vorgestreckten Geldes holt sich der Staat zurück. Jeder nicht bezahlte Strafzettel wird in Deutschland mit mehr Nachdruck eingetrieben.
Ganz davon abgesehen, was der weitverbreitete Unterhaltsbetrug moralisch über unsere Gesellschaft aussagt. Wenn sich aber verantwortungslose Elternteile in Sicherheit wiegen dürfen und stattdessen bei Alleinerziehenden gekürzt wird, widerspricht das den Prinzipien eines Rechtsstaates.
Der Unterhaltsvorschuss ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie Bürokratie und Kleinstaaterei Steuergeld versickern lassen. In manchen Bundesländern reicht schon der Wegzug in einen anderen Landkreis, um sich der lästigen Forderungen nach Rückzahlung zu entledigen. Wer in ein anderes Bundesland zieht, kann sich noch sicherer sein, dass der Gerichtsvollzieher nicht eines Tages vor der Tür steht. Denn viele Ämter tauschen die Daten nicht untereinander aus.
Verantwortungslosigkeit hat kaum Konsequenzen
Die Probleme beim Unterhaltsvorschuss sind schon lange bekannt. Der Staat leistet sich jedoch weiterhin ein gigantisches Vollzugsdefizit und verschwendet damit öffentliches Geld. Nicht nur Familien, sondern auch die Kommunen werden alleingelassen, denn sie sind für das Eintreiben der Schulden verantwortlich.
Oftmals müssen dort die ohnehin schon überforderten Jugendämter noch zusätzlich Detektivarbeit leisten, um den sich wegduckenden Elternteilen hinterherzufahnden. Das ist mühselig.
Zu den unbequemen Wahrheiten für Bundesfamilienministerin Prien gehört aber auch, dass gerade die Bundesländer und Landkreise, die verantwortungslose Elternteile nicht einfach davonkommen lassen wollen, mehr Geld eintreiben. Nur so bleiben Behörden glaubwürdig. Sie sollten unterstützt werden. Doch davon ist in dem Gesetzentwurf kaum die Rede.
Rhetorisch werden Alleinerziehende von der Politik als Helden des Alltags gefeiert. Gespart wird aber dort, wo der Widerstand am geringsten ist – bei ihnen und ihren Kindern. Alleinerziehende mühen sich in den meisten Fällen über die Massen ab und tragen gleichzeitig das grösste Armutsrisiko. Es stünde einer Familienministerin gut zu Gesicht, auch diesen Umstand zu würdigen.
Die geplanten Kürzungen beim Unterhaltsvorschuss sind ein Beispiel dafür, wie das Gerechtigkeitsempfinden der Gesellschaft weiter erodiert wird. Alleinerziehende sollen die Löcher stopfen, die der Staat selbst verschuldet hat. Verantwortungslosigkeit hat dagegen kaum Konsequenzen.
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