„Wenn wir überleben wollen...“: Warum Europa so stark auf Anti-Trump Mark Carney hofft

Der Anti-Trump weist den Weg – Warum Europa so große Hoffnung in Mark Carney setzt

Stand: 17.09.2026, 14:04 Uhr

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Donald Trump droht, Mark Carney erntet in Straßburg Jubel für Bescheidenheit. Abgeordnete erklären die besondere Rolle Kanadas. Eine Analyse.

Straßburg – Noch in der Nacht auf den großen Tag in Straßburg drohte Donald Trump von der anderen Seite des Atlantiks: Damit, den Handel mit der EU „einzustellen“, wenn es den Bund mit Kanada vertieft. Das dämpfte die Begeisterung allerdings nicht im Geringsten. Erst mit einer knappen Viertelstunde begann Mark Carneys Rede am Donnerstag im EU-Parlament. Zuvor gab es unzählige Hände zu schütteln – auch Selfie-Wünsche erfüllte Kanadas Premier. Am Vortag hatte Ursula von der Leyen eine geplante „assoziierte EU-Mitgliedschaft“ Kanadas angekündigt. Nun sprach Carney selbst – und erntete Standing Ovations und Jubel. Teils klangen seine Worte nach einem höflichen, aber bestimmten Konter in Richtung des US-Präsidenten.

Mark Carney am Donnerstag bei seiner Rede im EU-Parlament in Straßburg.

Mark Carney am Donnerstag bei seiner Rede im EU-Parlament in Straßburg. © Alexis Haulot/EP

Europa sorgt sich angesichts Russlands hybrider Angriffe gerade massiv um seine Sicherheit, das war in der Sitzungswoche auch am Programm des EU-Parlaments zu erkennen. Der finnische General a.D. Pekka Toveri sah den wichtigsten Schritt aber nicht etwa in Plänen für effizientere Rüstung, wie der konservative EU-Abgeordnete unserer Redaktion sagte – sondern in der neuen Verbindung zu Kanada. „Wir brauchen einander und ich finde es exzellent“, erklärte auch Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) im Video-Talk in Straßburg. Den Abgeordneten zufolge gibt es gute Gründe für die Begeisterung, über die bloße Erleichterung über eine symbolträchtigen Partnerschaft hinaus.

EU setzt auf Kanada: Gegen Putin, Trump und China bestehen – „Dann muss man sich entscheiden“

Carney selbst betonte am Donnerstag: „Wir sind keine Schönwetterverbündete“, es gehe nicht um Nullsummenspiel-Deals. „Wir sind der Meinung, dass Wohlstand mehr wird, wenn er geteilt wird.” Und es gehe um geteilte Werte, die man jeden Tag verteidigen müsse: Menschenwürde, individuelle Freiheiten und Demokratie. Großen Applaus erntete er für eine Einschränkung: „Ich schlage nicht vor, dass wir einen dritten Machtblock bilden, um zu einer dritten Großmacht zu werden, die sich von den anderen höchstens durch bessere Manieren unterscheidet.“ Womöglich hat an der Stelle auch Wladimir Putin die Ohren gespitzt: Carney dürfte die USA und China gemeint haben, nicht das Imperium des Kremlchefs.

Carney hatte ein ganzes Paket an konkreten Kooperationsvorschlägen mitgebracht. Kanada hat mit die größten Vorkommen an kritischen Rohstoffen, erinnerte er. Dazu LNG-Gas, Wasserstoff und große Fähigkeiten im Bereich KI oder Raumfahrt. Die EU bringe unter anderem die Fähigkeit, Normen zu setzen, die oft vom Rest der Welt übernommen werden. Die geteilten Werte und Ziele, zusammen mit der jeweiligen „hard power“ – also militärischen Macht – bedeuteten, dass man dazu beitragen könne, die „nächste gerechte, stabile und wohlstandsträchtige Weltordnung“ zu schaffen.

Solche Ideen der Zusammenarbeit seien existenziell wichtig, deutete Toveri im Interview kurz vor Carneys Besuch an. „Wir befinden uns in dieser Ära des Großmächte-Wettstreits“, sagte er, in der ökonomische und auch militärische Macht eingesetzt werde. „Wenn wir wirklich überleben wollen, ist es Zeit, sich zu entscheiden: Wollen wir die fette Sau sein, die die Russen, Amerikaner und Chinesen irgendwann schlachten und unter sich aufteilen? Oder werden wir als kräftiges Wildschwein auftreten?“ Um Letzteres zu erreichen, brauche man Freunde. „Wer könnte da besser passen als Kanada? Kanada hat riesige Mengen an Rohstoffen; Öl, Gas und weitere.“ Hinzu komme ein relevanter Markt.

Gerade jetzt sehe man ein Zeitfenster, in dem sich Nationen nach Partnern umsehen, erklärte Toveri. Europas Trumpf sei dabei die wirtschaftliche Stärke – und die Verlässlichkeit. Potenzielle Partner fragten sich, mit wem sie handeln sollten. „Mit Trump, dessen ‚Deal-Making‘ aus einem ‚Ich, ich, ich!“ besteht, mit den Chinesen, die günstige Kredite verteilen und dann versuchen, dich zu erpressen, Verwundbarkeiten zu schaffen, die sie gegen dich verwenden? Oder mit Russland, das seine Versprechen nicht hält und alles klaut, was nicht niet- und nagelfest ist?“ Europa könne da die überzeugende Alternative sein.

Partner mit Strahlkraft: „Mark Carney ist wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit“

Strack-Zimmermann verwies zudem auf die geografische Lage Kanadas. Das Land sei unter anderem deswegen so relevant, weil es an die Arktis grenzt. „Die Arktis verbindet uns, letztlich den europäischen Kontinent, bis Grönland.“ Schmelze das Eis, könnten russische und chinesische Schiffe ungehindert in den Nordatlantik gelangen. Tatsächlich hat die NATO, insbesondere Norwegen, die Lage in Arktisnähe bereits stark im Blick. „Deshalb hat Kanada eine riesengroße strategisch-wichtige Rolle“, betonte die Vorsitzende des Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung im EU-Parlament. Sie hatte sich vergangenes Jahr selbst ein Bild von der Lage auf Grönland gemacht und im Interview darüber berichtet.

Strack-Zimmermann lobte auch die Strahlkraft Carneys: „Mark Carney ist wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit. Man muss nämlich auch den Mut haben, diesen Herausforderungen und diesem Angriff der Vereinigten Staaten auf Kanada, der ja geradezu absurd ist, gegenzuhalten.“ Toveri betonte indes, die müsse und könne weitere Partner finden. Er erwähnte die Ukraine – und weiter entfernte Länder. „Auch Südkorea und Japan sind daran interessiert, enger mit uns zusammenzuarbeiten. Weil sie den Amerikanern nicht mehr trauen.“

Solche Effekte könnte Trump mit seiner Reaktion auf die angekündigte assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas noch verstärkt haben. „Wenn sie das tun und ich das auch nur im Geringsten als feindseligen Akt betrachte, werde ich sehr hohe Zölle verhängen oder den Handel mit Europa einstellen“, sagte er. Im Übrigen sei das Ansinnen „lächerlich“. Anfang September hatte er auf seiner Plattform „Truth Social“ sogar damit gedroht, den Handel mit allen Ländern einzustellen, mit denen die USA „ein Defizit“ haben. Die EU reagierte nun ganz im Sinne von Carneys Worten auf Trumps Wüten. Die Zusammenarbeit richte sich „nicht gegen irgendjemanden“, hieß es aus Brüssel. (Quellen: Gespräche mit Pekka Toveri und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Rede Carney, dpa, eigene Recherchen/Aus Straßburg berichtet Florian Naumann)