Der Deutsche Buchpreis geht an Shida Bazyar – Wo man heimisch ist

Stand: 05.10.2026, 19:40 Uhr

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Preisträgerin Shida Bazyar.

Preisträgerin Shida Bazyar. © Hannes P. Albert/dpa

Zum Glück gewinnt Shida Bazyars Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis.

Es ist gut und logisch, dass Shida Bazyar am Montagabend im Frankfurter Römer den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Es ist auch nicht sehr überraschend, obwohl die Jury unter dem Vorsitz der Literaturkritikerin Cornelia Geißler die schönste und klügste Shortlist weit und breit herausgearbeitet hat. „Die Lücken“ aber war auf dieser schönen und klugen Liste der am weitesten ausholende und am tiefsten dringende Roman. Alle sollten ihn lesen, ja.

Es sagt sich rasch, dass Bazyar, 1988 in Hermeskeil als Tochter iranischer Eltern geboren, der jüdischen Geschichte an ihrem Geburtsort nachgegangen ist. Nun heißt der Ort Heimesbach, gesprochen wird hier fast wie in Edgar Reitz’ „Heimat“ und erzählt wird in zeitlich und personell kühnen Sprüngen aus 100 Jahren Geschichte. Es braucht eine Weile, sich zurechtzufinden. Der Wechsel der Generationen, aber auch die Länge eines einzelnen Lebens wird greifbar. Mittendrin liegt der Holocaust, den die Nachgeborenen in Heimesbach gar nicht so sehr auf das Städtchen beziehen. Die meisten wussten nicht, dass es hier jüdische Familien gab. Alle sind tot oder konnten fliehen.

Bazyar wählt eine ungewöhnliche Erzählerin, eine junge Tote, die ein paar Jahre hier gewohnt hat als Kind einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran. Als Geist hat sie eine gute Übersicht. Als temporäre Heimesbacherin kann sie die Verbindung von der Geschichte ins Heute herstellen. Im Heute leben auch Menschen in Heimesbach, deren Urgroßeltern noch woanders wohnten. Die Geschichte hört einfach nicht auf. „Die Lücken“, so die Jury, erzähle fast 100 Jahre „ambivalenten deutschen Lebens. Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. Es sind Nachbarn, die Entscheidungen treffen, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen“.

Bazyar bedankte sich sehr. Sie sagte aber auch, es falle ihr nicht leicht, Freude zu fühlen. Es erscheine ihr nicht richtig. Die Wertschätzung, die ihrer Arbeit entgegengebracht werde, wolle sie an die weitergeben, die aus Hermeskeil vertrieben worden seien. Sie erinnerte an den Überlebenden Heinz Kahn, der später im Ort geehrt worden sei. Auf die Frage, was ihm das bedeute, habe er gesagt: „Gar nichts. Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg auch eine Menge Ehrungen bekommen, und er ist trotzdem vergast worden.“ Würde er das immer noch sagen?, fragte Bazyar. „Ich fürchte ja. Keine Minderheit in Deutschland, die keinen Grund zur Sorge hat.“

Ihrem im Publikum eine Träne vergießenden Mann rief sie zu: „Danke, dass du mich aushältst.“ Ihrem Verlag Kiepenheuer & Witsch rief sie zu: Hier habe man zu ihr gesagt, man wolle ihr eine literarische Heimat bieten. Es sei das einzige Mal in ihrem Leben gewesen, dass der Begriff Sinn gemacht habe. Ihren Eltern und Geschwistern rief sie zu: „Ich bin bei den warmherzigsten Menschen aufgewachsen in kalter Zeit.“ Man verstand unterdessen wieder, was mit der so häufig kritisierten Wendung gemeint ist, Applaus habe nicht enden wollen.

Gewürdigt wurde im Römer auch, dass das die letzte Buchmesse für den scheidenden Direktor Juergen Boos sein wird (21 Jahre im Amt). Und dass das die erste Buchmesse für den neuen Vorsteher des Börsenvereins ist, Sebastian Guggolz. Bücher nannte er „die Begleitschiffe unserer Gegenwart“, während er noch nicht wusste, dass „Die Lücken“ gewonnen hatte, wahrhaft ein Begleitschiff für die Gegenwart.