Der Mann, der Deutschlands Geheimnisse kannte – und nun des Landesverrats verdächtig ist

August Hanning: Der Geheimnishüter, der selbst zum Verdachtsfall wurde

Er führte den BND, beriet Regierungen und kannte die sensibelsten Geheimnisse des Landes. Nun sitzt August Hanning wegen schwerer Spionagevorwürfe in Untersuchungshaft.

07.10.2026, 14.00 Uhr

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Der Ex-BND-Chef August Hanning wurde am Dienstag unter anderem wegen Spionageverdacht festgenommen.

Der Ex-BND-Chef August Hanning wurde am Dienstag unter anderem wegen Spionageverdacht festgenommen.

Michael Kappeler / EPA

Maskierte Polizisten führten August Hanning am Dienstagmorgen aus seinem Haus aus rotem Backstein im nordrhein-westfälischen Nordwalde ab. Hier wuchs der Sohn eines Ziegeleibesitzers auf, hierhin kehrte er als bestens vernetzter Geheimdienstmann nach einer steilen Karriere im deutschen Sicherheitsapparat zurück. Er galt als einer der mächtigsten Männer in der Sicherheitspolitik und war langjähriger Präsident des Bundesnachrichtendienstes.

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Jetzt drohen jenem Mann, der einmal als «Faustpfand» bei einem Gefangenenaustausch zwischen Israel und dem Hizbullah fungierte, viele Jahre Gefängnis. Am Mittwoch kam er in Untersuchungshaft.

Die Behörden ermitteln gegen ihn wegen Verdachts der landesverräterischen Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrats und Spionage für eine fremde Macht.

2000 Dokumente zugespielt

Laut Informationen des deutschen Nachrichtenmagazins «Spiegel» prüfen die Ermittler dabei auch Verbindungen zum Geheimdienst Aserbaidschans. Die Bundesanwaltschaft selbst nennt das Land nicht. Nach ihrer Darstellung soll Hanning geheime Informationen für eine Analyse verwendet haben, die für einen Mitarbeiter eines fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparats bestimmt war. Daneben soll er über Jahre in engem Austausch mit einem Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes gestanden haben.

Zudem soll Hanning über Jahre hinweg mit Informationen aus dem Innersten des BND versorgt worden sein. Sein früherer Büroleiter Manfred D. soll ihm zwischen 2010 und Juni 2022 gegen Bezahlung annähernd 2000 Dokumente zugespielt haben. Auch D. wurde am Dienstag festgenommen.

Die Vorwürfe treffen damit einen Mann an der empfindlichsten Stelle: seiner eigenen Biografie. Hanning machte Karriere mit Geheimnissen – zunächst damit, sie zu schützen, später damit, sie zu beschaffen und für die deutsche Regierung nutzbar zu machen. Dieser Weg war nicht vorgezeichnet: Nach seinem abgeschlossenen Jurastudium schlug Hanning zunächst die Laufbahn eines unauffälligen Verwaltungsbeamten ein. Erst im deutschen Innenministerium, dann im Kanzleramt, als Helmut Schmidt die Geschicke der Bundesrepublik lenkte.

Erste Erfahrungen in der DDR

1986 wurde Hanning Geheimschutzbeauftragter der Ständigen Vertretung in Ostberlin, einer Art westdeutscher Botschaft in der DDR, die aus politischen Gründen offiziell nicht Botschaft heissen durfte, weil die Bundesrepublik die DDR nicht anerkannte. Unter anderem war Hanning damals für den Freikauf politischer Häftlinge zuständig. Die Jahre dort hätten ihn geprägt, sagte er später einmal. Er erzählte von westdeutschen Männern, die sich von Agentinnen verführen liessen und später erpresst wurden. Besonders die Härte, mit der das DDR-System gegen seine Bürger vorgegangen sei, habe ihn schockiert.

Etwa, dass Menschen, die ausgereist waren, selbst zum Tod der Eltern nicht wieder einreisen durften. Ihn habe «die ganze menschliche Tragik der Teilung» berührt. In den vier Jahren in Ostberlin lernte Hanning jene Dinge kennen, die seine Karriere später prägen sollten: Schutz von Geheimnissen, Observation, den Umgang mit Menschen, deren Schicksal von vertraulichen Informationen abhing.

Nach der deutschen Wiedervereinigung kehrte Hanning ins Kanzleramt zurück und rückte rasch ins Zentrum der deutschen Geheimdienstpolitik. Unter dem christlichdemokratischen Kanzler Helmut Kohl stieg er 1996 zum Koordinator der Nachrichtendienste auf – und wurde zwei Jahre später, trotz Regierungswechsels, von SPD-Kanzler Gerhard Schröder zum Präsidenten des BND gemacht. Hanning genoss den Ruf eines Profis, der sein Schicksal nicht an Parteizugehörigkeiten knüpfte, sondern als loyaler, aber eigenständig denkender Mann galt.

Der desolate Nachrichtendienst

Er übernahm mit dem BND eine desolate Institution, die nach Ende des Kalten Kriegs von Einsparungen und Orientierungslosigkeit geprägt war. Damals noch in Pullach bei München stationiert, herrschten im Nachrichtendienst Kleinkriege um Geld und Macht. Etwa zwischen BND-Präsident Konrad Porzner und leitenden Mitarbeitern wie Volker Foertsch, der fälschlicherweise beschuldigt wurde, ein Spion im Dienste Russlands zu sein.

Hanning legte zunächst seinen Fokus darauf, den Dienst aus der Abschottung zu lösen und stärker zum «Dienstleister der Bundesregierung» zu machen. So trieb er den Umzug nach Berlin voran. Beschwerden seiner Mitarbeiter, dass dann ständig Anrufe aus der Regierung mit Bitten um Einschätzungen geopolitischer Lageentwicklungen kommen würden, soll er entgegnet haben: «Genau das will ich.»

Ein Mitarbeiter des deutschen Kanzleramts sagte später über die neue Qualität der Berichte aus dem BND: Zwischen früher und jetzt lägen «Welten» – sie seien aktueller, problemorientierter und brauchbarer geworden.

Besonders dringlich war aus Hannings Sicht die technische Aufklärung. Vor allem das aufkommende Internet-Zeitalter habe der BND lange verschlafen. Aus diesem Grund setzte er stark auf die Zusammenarbeit mit der amerikanischen NSA. Die Amerikaner seien der Elefant, Deutschland das Pony, beschrieb er das Kräfteverhältnis. Ohne Unterstützung aus den USA, argumentierte Hanning, hätte der BND seine Aufgaben nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kaum erfüllen können.

Schäubles mächtiger Mann

Der Staatsekretär im Innenministerium August Hanning, Zweiter von rechts vorne, begrüsst am 30. Sept. 2008 in Ägypten freigelassenen Geiseln.

Der Staatsekretär im Innenministerium August Hanning, Zweiter von rechts vorne, begrüsst am 30. Sept. 2008 in Ägypten freigelassenen Geiseln.

AP / Michael Sohn

Zugleich drängte er darauf, die traditionelle Abschottung zwischen BND, Verfassungsschutz und Polizei zu überwinden. Erkenntnisse über Terrornetzwerke, Waffen-, Geld- und Drogenhandelsrouten wurden stärker geteilt. Diese Entwicklung mündete 2004 auch in die Gründung des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums in Berlin, an dem der BND beteiligt war.

Ein Jahr später, Angela Merkel wurde deutsche Kanzlerin, wechselte Hanning ins Innenministerium und hinterliess einen Geheimdienst, der besser organisiert und vernetzt war als zu Beginn seiner Amtszeit. Als Staatssekretär Wolfgang Schäubles oblagen ihm die Themengebiete innere Sicherheit, Bundespolizei, Migration und Flüchtlingsfragen und vor allem die Terrorismusbekämpfung.

Angesichts der islamistischen Anschläge in Europa und den USA trieb Hanning weitreichende Überwachungs- und Polizeibefugnisse voran. Im Internet auftauchende Leaks aus Sicherheitsbehörden kritisierte er als «Kultur der Durchstecherei».

Aufstieg in der Privatwirtschaft

2009 ging Hanning als Beamter in den Ruhestand. Als Privatmann blieb er jedoch bestens vernetzt und gründete eine eigene Beraterfirma. Er machte das zu Geld, was er in seinen drei Jahrzehnten im Staatsdienst aufgebaut hatte: internationale Kontakte, sein Wissen über Sicherheitsapparate und seinen Zugang zu politischen Entscheidungsträgern.

Hannings Beratertätigkeit war international angelegt, konzentrierte sich aber besonders auf Russland, den postsowjetischen Raum, China und den Nahen Osten. Auch zu Aserbaidschan unterhielt er Verbindungen – unter anderem als Vorstand des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums.

Hanning arbeitete für die britische Beratungsfirma G3 zunächst als Senior Advisor, später als Verantwortlicher für Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken. Ab 2018 stand er zudem an der Spitze der Schweizer Pluteos AG, die unter anderem geopolitische Lagebilder und Cybersicherheits-Dienstleistungen anbot.

Immer wieder meldete er sich zu sicherheitspolitischen Entwicklungen in Deutschland zu Wort, kritisierte etwa 2015 Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Zudem forderte er angesichts der geopolitischen Entwicklungen weitere Befugnisse für den BND. Der Nachrichtendienst sei ein «Vegetarier unter den Geheimdiensten».

Seine Beratertätigkeit brachte ihm wiederholt den Vorwurf ein, seine früheren politischen Kontakte für private Geschäftsinteressen zu nutzen.

Bankenkollaps und Pfändung

Auch gab es immer wieder Debatten darüber, inwieweit ein ehemaliger Spitzenbeamter als privater Unternehmer im selben Feld Informationen zwischen staatlichen Geheimnissen und geschäftlichen Ambitionen trennen könne. Einen tiefen Knick bekam Hannings Karriere, als die lettische «PNB Banka», deren Aufsichtsrat er war, 2019 kollabierte. Gemeinsam mit weiteren Verantwortlichen wurde er auf 32 Millionen Euro Schadenersatz verklagt, Teile seines Vermögens wurden gepfändet.

Es wird spekuliert, dass diese finanziellen Probleme der Grund für Hannings mutmassliche kriminelle Aktivitäten sein könnten.

Drei Jahre später versuchte die Hamburger Unternehmerin Christina Block, ihre Kinder im Zuge eines Sorgerechtsstreits aus Dänemark gewaltsam nach Deutschland zurückzuholen. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt Hanning, als Verantwortlicher einer Sicherheitsfirma an diesem gescheiterten Versuch beteiligt gewesen zu sein.

Im September vergangenen Jahres durchsuchten die Ermittler seine Wohn- und Geschäftsräume – und fanden interne Unterlagen des BND. Dokumente aus einer Zeit, als Hanning längst nicht mehr dort arbeitete.

Die Spur führte zu seinem früheren Büroleiter Manfred D., der Hanning seit 2010 mit den BND-Dokumenten versorgt haben soll.

Hanning, dessen Beruf es jahrzehntelang war, Geheimnisse zu schützen und der später selbst die deutsche ‹Kultur der Durchstecherei› beklagte, steht nun im Verdacht, vertrauliche Informationen für eigene Zwecke genutzt zu haben.

Am Mittwoch setzte ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs den Haftbefehl gegen den 80-Jährigen in Vollzug. Hanning sitzt damit in Untersuchungshaft.

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