Der Fall Pike und Amerikas Todesstrafe: „Das kann doch nicht so schwer sein“
Es wirkt geradezu absurd: Derzeit kämpfen Ärzte und Pflegekräfte um das Leben von Christa Pike. Die Frau, die einem Urteil des US‑Bundesstaates Tennessee zufolge sterben sollte.
Die heute 50-Jährige war 1996 für den Mord an einer jungen Frau zum Tode verurteilt worden. Nach 30 Jahren Haft wurden ihr am Mittwoch zwei Dosen des eigentlich tödlichen Medikaments Pentobarbital injiziert. Was folgte, muss eine Qual für Pike gewesen sein, tödlich war es nicht.
Nach Angaben ihrer Anwälte liegt sie inzwischen bewusstlos, intubiert und künstlich beatmet in einem Krankenhaus in Nashville. Dort wird versucht, den Giftstoff aus ihrem Körper zu bekommen, ihr Leben vorerst zu retten. Nur, um sie zu einem späteren Zeitpunkt hinzurichten?

© REUTERS/DENNY SIMMONS / THE TENNESSEAN
Der dramatische Fall Pike hat erneut eine Debatte um die Todesstrafe in den USA ausgelöst. „Es ist längst an der Zeit, dass Tennessee und die USA davon absehen, Menschen unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit hinzurichten, und diese grausame Strafe in die Geschichtsbücher verbannen“, erklärte Justin Mazzola von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International USA.
Die demokratische Senatorin Tennessees, Heidi Campbell, schrieb bei Facebook: „Ich habe mich schon immer gegen die Todesstrafe ausgesprochen. Sie ist unumkehrbar, wird ungleich angewandt und hat die Menschen in Tennessee nie sicherer gemacht.“ Gouverneur Bill Lee, ein Republikaner, hat eine Untersuchung angekündigt und weitere Hinrichtungen vorerst ausgesetzt.
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Die Todesstrafe gehört zu den USA seit ihrer Gründung. Heute ist sie in mehr als zwei Dutzend der 50 Bundesstaaten zugelassen, allerdings wird sie in mehreren Bundesstaaten de facto nicht mehr vollstreckt. Die Todesstrafe existiert außerdem beim Militär und auf Bundesebene.
Seit 1976 wurden offiziellen Angaben zufolge 1683 Menschen hingerichtet – alleine 600 davon in Texas. Rund 2000 Menschen sehen derzeit der Vollstreckung ihres Todesurteils entgegen.
40
Prozent aller zum Tode Verurteilter sind Schwarze.
Nach dem Höchststand von 98 Hinrichtungen im Jahr 1999 war die Zahl jahrzehntelang rückläufig. 2021 wurden nur elf Menschen hingerichtet. Seitdem steigt sie wieder: 2025 waren es 47 – so viele wie seit mehr als 15 Jahren nicht. Der Anstieg ging allerdings vor allem auf Florida zurück, wo allein 19 Menschen hingerichtet wurden.
Frauen in der Todeszelle sind dabei die absolute Ausnahme. Seit 1976 wurden nur 18 Frauen hingerichtet. Christa Pike sollte in Tennessee die erste Frau seit 200 Jahren sein, die exekutiert wird.
Proportional besonders betroffen von der Todesstrafe sind hingegen schwarze Männer. Während der Anteil Schwarzer an der US-Gesamtbevölkerung nur 12 Prozent beträgt, sind 40 Prozent aller zum Tode Verurteilten schwarz. Das geht aus Analysen des Death Penalty Information Centers (DPIC) hervor.
„Die Todesstrafe ist in jeder Phase des Verfahrens von rassistischen Verzerrungen geprägt, und die Auswirkungen dieser Verzerrungen summieren sich“, sagt etwa der Ex-Direktor des DPIC, Robert Dunham.
Einer dieser schwarzen Männer, die hingerichtet werden sollten, ist Tony Carruthers. Er war 1996 wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt worden.
Am 21. Mai sollte er ebenfalls in Tennessee mit der Giftspritze hingerichtet werden. Doch als man nach mehr als einer Stunde nicht in der Lage war, zwei geeignete Venen zur Injektion zu finden, wurde die Hinrichtung abgebrochen, Carruthers kam zurück in seine Zelle.
Hätten die Beteiligten bei Christa Pike also gewarnt sein müssen durch jenen Vorfall wenige Monate zuvor? Nach Angaben ihrer Anwälte gab es auch bei Pike Probleme mit den Venen im Arm. Anders als bei Carruthers wurde der Vorgang aber nicht abgebrochen.

© dpa/George Walker Iv
Ein Großteil des Gifts soll sich dann offenbar im Gewebe verteilt haben, nicht im Blutkreislauf. Immer wieder habe Pike während der Prozedur gesagt, dass sie Schmerzen habe, heißt es. Sie habe geweint und gebeten, an einer anderen Stelle zu injizieren.
Nach Angaben der Anwälte hatte Pike bei der Einlieferung ins Krankenhaus stark geschwollene Arme, Verbrennungen durch eine chemische Reaktion des Gifts und mindestens sieben Einstichwunden.
Dennoch sagte Tennessees Gouverneur Bill Lee am Donnerstag: „Es gab keinen Anlass zu glauben, dass die Hinrichtung bei Pike nicht funktioniere.“
Justin Mazzola von Amnesty International sagt, der Fall Pike zeige, „dass die Todesstrafe die grausamste, unmenschlichste und erniedrigendste Strafe überhaupt ist“.
Regionale Apotheken mischen das Gift an
Pike ist der achte bekannte Fall seit 1976, in dem eine Hinrichtung per Giftspritze scheiterte. Die sieben vorherigen Hinrichtungsversuche waren allerdings bereits vor der Verabreichung der tödlichen Medikamente abgebrochen worden. Pike ist damit der erste bekannte Mensch, der die tatsächliche Verabreichung tödlicher Injektionsmedikamente überlebt hat.
Die tödliche Injektion gilt unter Befürwortern der Todesstrafe als vergleichsweise humane Hinrichtungsmethode. Doch gerade die Beschaffung und Qualität der Medikamente ist seit Jahren umstritten.
Tennessee war erst 2024 auf das Gift Pentobarbital umgestiegen. Dabei haben die Anwälte von Pike einer Recherche der Nachrichtenagentur Reuters zufolge schon vor der geplanten Hinrichtung vor dem Giftstoff gewarnt.
52
Prozent der US-Amerikaner sind für die Todesstrafe.
Denn fast alle Hersteller lehnen die Verwendung für Hinrichtungen ab, die EU hat den Export extrem begrenzt. Daher weichen viele Bundesstaaten auf regionale Apotheken aus, die das Gift anmischen – dabei aber weniger streng kontrolliert werden als Pharmakonzerne.
Neben der Giftspritze gibt es in den USA aber auch noch andere Hinrichtungsmethoden, wie die Stickstoffhypoxie, die 2024 erstmals in Alabama durchgeführt wurde. Dabei bekommt die Person eine Maske aufgesetzt, durch die Stickstoff zugeführt wird. Dadurch wird der Sauerstoff verdrängt und es kommt zum Tod. Als weitere Methoden sind in manchen Bundesstaaten außerdem der elektrische Stuhl, ein Erschießungskommando, Giftgas oder sogar Erhängen zugelassen.
Ob der Fall Christa Pike grundsätzlich etwas an der Todesstrafe in den USA ändert, ist offen. Die gesellschaftliche Unterstützung dafür ist jedenfalls seit Jahrzehnten rückläufig: 2025 sprachen sich in einer Gallup-Umfrage noch 52 Prozent für die Todesstrafe aus – der niedrigste Wert seit 1972.
Eine politische Bewegung zur bundesweiten Abschaffung ist derzeit aber nicht in Sicht. Denn Präsident Donald Trump gilt als Unterstützer. Sein Vorgänger Joe Biden hatte zahlreiche Todesurteile auf Bundesebene in Haftstrafen umgewandelt und ein Moratorium für neue Urteile erlassen. Trump hat das wieder aufgehoben.
Angesprochen auf den Fall Pike und die gescheiterte Hinrichtung sagte er am Donnerstag lediglich: „Das kann doch nicht so schwer sein.“