Streit um das Rautenstrauch-Joest-Museum: Replik auf Martin Zillinger

An dieser Stelle hat Martin Zillinger am 12. August 2026 auf fast einer ganzen Zeitungsseite die Position und bisherige Arbeit von Nanette Snoep, der Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln, verteidigt. In seinem Artikel mit dem Titel „Falsche Freunde der Wissenschaft“ kritisiert er die vom Kölner Stadtrat verweigerte Vertragsverlängerung. Der Artikel macht die Debatte um Snoeps Wirken in einigen Punkten transparenter als bisher. Doch vieles darin ist einseitig oder überzogen und fordert Widerspruch und Richtigstellungen heraus. Ich trage meine Einwände ohne Umschweife vor, getreu der Devise, dass Kritik das eigentliche Movens von Wissenschaft sein sollte, auch wenn sie es faktisch oft nicht ist.

Zillinger schert die Kritiker der Arbeit Snoeps über einen Kamm. In der Ethnologie läuft das unter „Othering“. Mit der Diagnose, dass die Mitglieder der Kölner Museumsgesellschaft eher ein traditionelles als ein radikal erneuertes Museum wünschen, dürfte Zillinger richtigliegen. Aber schon das gilt sicher nicht für jeden Einzelnen. Die Behauptung eines bürgerlichen „Ressentiments gegen Offenheit und Vielfalt“ und dann sogar die Gleichsetzung mit AfD-nahen kulturpolitischen Positionen ist völlig überzogen und bleibt unbelegt. Sicher, manche der eher älteren Mitglieder wollen schöne oder rätselhafte Objekte in eher touristischer Betrachtung sehen. Die meisten Vereinsmitglieder sind aber, ganz anders als AfD-Anhänger, durchaus offen für kulturelle Vielfalt auch im eigenen Land. Der Begriff der „Bürgerlichkeit“ oder der „bürgerlichen Mitte“ hielte, gemessen an soziologischen Befunden zur Vielfalt sozialer Milieus, die gerade in und zu Köln soziologisch gut erforscht sind, kaum stand. Er ist mittlerweile ähnlich unscharf geworden wie „links“ oder „woke“.

Übertriebene Fokussierung auf Restitution

Bemerkenswert ist, dass Zillinger an Snoeps Arbeit und Ansatz rein gar nichts kritisiert. Auch eine Verteidigung könnte ja differenzieren. Die schon vor ihrer Kölner Zeit geäußerte Kritik an ihrer Arbeit, etwa an den Museen in Leipzig und Dresden, wird nicht erwähnt. Hier hätten wenige Sätze zur Kritik etwa an der Textlastigkeit und übertriebenen Politisierung der Ausstellungen gereicht. Das Verdikt des Kommentars der F.A.Z. zu Snoeps Verabschiedung, ihr Ansatz bestehe im „Belehren durch Entleeren“, wird von Zillinger erwähnt, aber nicht ernsthaft aufgenommen. So polemisch die Formulierung ist, sie bringt auf den Punkt, was viele Kritiker an der Ära Snoep im Rautenstrauch-Joest-Museum befremdet hat: eine übertriebene Fokussierung auf Restitution.

2016 beschäftigte sich eine Tagung im Rautenstrauch-Joest-Museum mit dem Erbe von Julius Lips.
2016 beschäftigte sich eine Tagung im Rautenstrauch-Joest-Museum mit dem Erbe von Julius Lips.Rautenstrauch-Joest-Museum

Worin die vom Autor gelobte Kontinuität am Museum zwischen Julius Lips, dem Direktor von 1928 bis 1933, der im Exil 1937 das Buch „The Savage Hits Back, or the White Man Through Native Eyes“ veröffentlichte, und Nanette Snoep jenseits der antikolonialistischen Ausrichtung bestehen soll, bleibt offen. Auch Kritik an Lips, wie sie im Zuge der historischen Selbstvergewisserung der Ethnologie längst geäußert wurde, bleibt außen vor. Die angeführte „Anthropologie der Kritik“ dürfte eigentlich „Anthropologie als Kritik“ meinen. Der Begriff der „inversen Ethnologie“ legt Lesern ein zu enges Verständnis nahe, etwa dass jetzt Fremde „uns“ sehen, statt wie bislang „wir“ „sie“.

Laut Zillinger „beanspruchen“ Kuratoren, „den ihren kulturellen Kontexten entrissenen Objekten Bedeutung abzuringen“. Diese Formulierung ist rhetorisch brillant, aber platt polemisch. Das sind immerhin Fachleute, die sich intensiv und mit ethnologischer Expertise mit den Objekten befasst haben. Zillinger lobt die Einbeziehung von Vertretern der Herkunfts- und Diasporagemeinschaften durch Snoep. Er sagt nicht, dass es sich dabei eher um Vertreter der Elite als um Ethnologen handelte. Es trifft auch nicht zu, dass diese Gemeinschaften erst unter Snoep an der Vorbereitung von Ausstellungen partizipierten, wie ich aus eigenen Besuchen früherer Ausstellungen weiß.

Ein romantisierender Slogan

Auch in vielen Details ist die Argumentation tendenziös. Die Behauptung, die 2012 neu gestaltete, später prämierte Dauerausstellung sei „auf die idealtypische, weiße Museumsbesucherin jenseits der 50 zugeschnitten“ gewesen, übergeht, dass gerade die Abkehr von regionaler Ordnung zugunsten universalmenschlicher Themen das Neue und Preiswürdige an diesem Konzept war. Die gefeierte Begegnung von Bürgern der migrantisch geprägten „Schääl Sick“ (des „anderen“, rechtsrheinischen Köln) mit jenen aus Sülz und Marienburg im Museum unter Snoep wirkt arg idealisierend. Der Autor führt die 4500 Besucher beim „Kölntag“ als Erfolg an. Tatsächlich verdankte sich dieser Besucherstrom an einem einzigen Tag der „Amazônia“-Fotoausstellung von Sebastião Salgado, nicht etwa der Dauerausstellung oder einer eigenen Sonderausstellung des Museums.

Nanette Snoep ist seit 2019 Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums der Stadt Köln. Ihren zum Jahresende 2026 auslaufenden Vertrag verlängerte die Stadt nicht.
Nanette Snoep ist seit 2019 Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums der Stadt Köln. Ihren zum Jahresende 2026 auslaufenden Vertrag verlängerte die Stadt nicht.Picture Alliance

Der vom Autor gelobte Slogan „Die Zukunft ist indigen“ ist romantisierend: so als könnten lokale Lösungen die planetaren Multikrisen im Alleingang beheben. Ob sich der Vorgänger Snoeps als Museumsdirektor, Klaus Schneider, tatsächlich „immer wieder“ kritisch geäußert hat, sei dahingestellt – warum ein Vorgänger seine Nachfolgerin nicht kritisieren dürfte, erschließt sich ohnehin nicht. Und der oft erhobene Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit gegenüber Snoep wird vor allem mit Autoritätsargumenten gekontert – die Schlagwörter sind das Musée de l’Homme und das Museum am Quai Branly in Paris, garniert mit dem Bezug auf eine Einlassung von Jeanne Favret-Saada, einer berühmten französischen Ethnologin, deren jüngstes Buch hier von Joseph Hanimann vorgestellt wurde.

Nanette Snoep bleibt sich treu: Ihre letzte Kölner Ausstellung versammelt unter dem Titel „return“ künstlerische Positionen wie die Videoarbeit „Xochipitzahuatl-Nova“ von Federico Cuatlacuatl aus dem Jahr 2024.
Nanette Snoep bleibt sich treu: Ihre letzte Kölner Ausstellung versammelt unter dem Titel „return“ künstlerische Positionen wie die Videoarbeit „Xochipitzahuatl-Nova“ von Federico Cuatlacuatl aus dem Jahr 2024.David Morales

Insgesamt bleibt unklar, an wen sich der Artikel richtet – an Kulturpolitiker allgemein, an Kölner Verantwortliche oder an Ethnologen? Über die Motive und Affekte von Kölner Entscheidungsträgern spekuliert Zillinger ausgiebig, und er suggeriert im Schlusssatz sogar, die entscheidenden Kölner Kulturpolitiker wollten alle dasselbe. Hier wiederholt sich die durchgehende Essentialisierung: Die „bürgerlichen Kulturförderer“ erscheinen als „falsche Freunde der Wissenschaft“. Wichtig und ernst zu nehmen ist dagegen Zillingers Vorwurf, die Kölner Politik habe Snoep nach antisemitischen Anfeindungen nicht ausreichend geschützt; hierzu wäre eine Stellungnahme der Verantwortlichen wünschenswert.

Wo ich hier Einseitigkeit bemängele, sollten auch meine Einwände nicht einseitig sein. Nanette Snoep gebührt das Verdienst, die koloniale Seite der Ethnologie im Museum auf die Tagesordnung gesetzt zu haben – und zwar dauerhaft. Koloniale Geschichte, Provenienz und Restitution sind wichtige Themen, und es ist gut, dass die Ethnologie und ihre Museen das nicht mehr loswerden. Etwas ganz anderes ist es aber, die Ethnologie auf ihre Geschichte zu reduzieren, diese dann auch noch auf koloniale Verstrickung zu verengen und dabei simple Täter- und Opferschemata anzusetzen.

Die Stärke moderner Ethnologie ist es, grundlegende Fragen des Menschen anhand gegenwärtiger lokaler Lebensweisen zu verstehen. Der leider viel zu früh verstorbene norwegische Ethnologe Thomas Hylland Eriksen hat das in einem seiner Buchtitel wunderbar auf den Punkt gebracht: „Large Issues in Small Places“. Ein ethnologisches Museum sollte dazu anhand von Objekten informieren und Besucher zur Reflexion anregen, statt diese Objekte als Stichwortgeber für kritische Thesen und das Vorbeten moralischer Gewissheiten abzuwerten. Ethnologische Museen sollen aus ihren Objekten heraus erzählen, durch deren sorgfältige Kuratierung in Ausstellungen und durch Popularisierung fachethnologischer Inhalte glänzen. Das wäre mein Traum.

Christoph Antweiler ist Ethnologe und Seniorprofessor an der Universität Bonn.