Bulldozer für die WM 2030: Wie Marokkos König ganze Stadtviertel verändert

Der Marokkaner Bilal freut sich nach der WM schon auf die nächste in seiner Heimat. Dann beginnen Bulldozer, Häuser in seinem Quartier platt zu walzen

Das marokkanische Königshaus nutzt die nächste Weltmeisterschaft, um im Turbo Städte umzugestalten. Die Bewohner des Quartiers L’Océan in der Hauptstadt Rabat verlieren ihr Zuhause.

Erika Fago, Rabat19.07.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Marokkanische Fans in Rabat jubeln nach dem Sieg gegen die Niederlande an der diesjährigen Fussball-WM.

Marokkanische Fans in Rabat jubeln nach dem Sieg gegen die Niederlande an der diesjährigen Fussball-WM.

AP

Auf den ersten Blick scheint das Quartier L’Océan wie bombardiert. Dort, wo einst mehrstöckige Häuser standen, liegen heute Schutthaufen. Ein paar Palmen und Laternen ragen aus den Trümmern. Ein provisorischer Bauzaun mit der Aufschrift «Rabat, Stadt der Lichter» sperrt den Zugang ab.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

L’Océan liegt an der Atlantikküste in Marokkos Hauptstadt Rabat. Eines von vielen Quartieren, die Hotelanlagen und Stadien weichen müssen. Warum, darauf geben die Stände mit Plastiktrompeten in den Nationalfarben Rot und Grün, die Flachbildschirme in jedem Café, die Kinder in Fussballtrikots Hinweise: Es sind Überreste der enthusiastischen Stimmung während der letzten Wochen der Weltmeisterschaft. Die nächste, 2030, wird in Marokko, Spanien, Portugal und Südamerika stattfinden. Und die marokkanischen Behörden nutzen diese WM, um ihre Pläne voranzutreiben, ganze Städte umzugestalten. Allen voran Rabat, das Schaufenster des autoritären Königreichs.

Die vereinzelten Häuser im Art-déco-Stil im Viertel L’Océan erzählen, dass es während des französischen Protektorats entstand. Heute leben hier Fischer, Arbeiter, Künstler. Bilal, der seinen vollen Namen um seiner Sicherheit willen nicht in der Zeitung lesen möchte, schlägt vor, sich in einem Café zu treffen. Er will, dass die Nachbarn nichts mitbekommen. Bilal arbeitet als Kommunikationsmanager, ist in seinen Vierzigern und wie schon seine Mutter in L’Océan aufgewachsen. Er lebt mit seiner Familie in einem der ersten Häuser, die im Viertel gebaut wurden: 1946, so steht es in den Bauplänen. Nun sieht er aus seinem Fenster auf Schutthaufen.

Verbliebene Anwohner gehen durch Trümmer zu ihren Häusern

Die ersten Bulldozer seien während des Ramadans 2024 gekommen, erzählt er. Noch fünf Monate zuvor hatten sich die Menschen in Marokko über die Vergabe der Fussball-WM gefreut. Als die Bulldozer heranfuhren, sprach sich schnell herum: Die Behörden hätten diesen und jenen Nachbarn kontaktiert, würden hier und dort abreissen lassen. Die meisten ehemaligen Bewohner dieser Häuser möchten nicht mit Medien sprechen.

Was Bilal erzählt, deckt sich mit Berichten der Association Marocaine des Droits Humains (AMDH) und dem, was in der Rechtsklage einer marokkanisch-englischen Eigentümerin steht: Ein Beamter der Kommunalbehörde habe ihr einen Vertrag vorgelegt. Sie sollte die Wohnung an den Staat übertragen, für 13 000 Dirham pro Quadratmeter, umgerechnet 1120 Franken. Ein Gutachten schätzte den Wert ihrer Wohnung auf knapp das Doppelte. Sie lehnte ab. Die Behörden demolierten danach mehrere benachbarte Wohnungen im selben Gebäude.

Wer der Strandpromenade von Rabat entlangläuft, sieht zwischen den Schutthaufen noch einzelne Häuser hervorragen. Teilweise gibt es nur noch auf einer Etage Fenster und Wäsche, die am Balkon hängt. Um zur Wohnung zu gelangen, müssen die Bewohner durch den zertrümmerten Eingang gehen. Vertriebenen Mietern werde eine Wohnung in umliegenden Städten vermittelt, sagt Hakim Sikouk von der AMDH. Laut lokalen Medienberichten werden Anwohner inzwischen sogar enteignet.

Bilal spricht nicht viel über das, was es mit ihm selbst macht, vom eigenen Haus aus auf Schutthaufen zu schauen. Stattdessen erzählt er von seiner Tante, die jeden Morgen Tränen in den Augen habe. Die Angst, das eigene Haus zerstört zu sehen, hat die Stimmung unter den verbliebenen Nachbarn verändert. «Es ist nicht mehr das Viertel wie früher», sagt Bilal. Wenn seine Mutter nun auf den Markt gehe, sagten ihr die Menschen: «Das nächste Mal ist euer Haus dran.»

Diese Gerüchte, sagt Bilal, seien das Schlimmste: «Morgen wird hier abgerissen», heisst es dann. Oder: «Ich habe meine eigenen Quellen. Ich kenne jemanden, der mir gesagt hat, dass sie diese Strasse abreissen werden.»

Er nennt die Situation ein «Paradies der Fake News». Nur nach und nach erklären die Behörden den Bewohnern, was mit ihrem Viertel passiert. Im Frühjahr 2025 wurde ein grober Entwicklungsplan für Rabat veröffentlicht, der grossflächige Umbauten vorsieht. Offenbar soll eine neue, moderne Uferpromenade entstehen. Doch ausgearbeitete Pläne oder virtuelle Modelle – wie dies in anderen Ländern jeweils gemacht wird bei solchen Grossprojekten – fehlen.

Hakim Sikouk schätzt, dass der grösste Teil von L’Océan und damit etwa 20 000 Bewohner von den Räumungen betroffen sein werden. Dass nur schrittweise kommuniziert werde, sieht er als Strategie, um die Betroffenen zu vereinzeln und Proteste der Anwohner zu verhindern.

In der Stadt Casablanca wird für die WM 2030 das grösste Stadion der Welt gebaut.

In der Stadt Casablanca wird für die WM 2030 das grösste Stadion der Welt gebaut.

Visualisierung PD

Prestigeprojekte des Königs

Fünfmal hat sich Marokko für die Austragung der WM beworben, in eine Fussballakademie nahe Rabat investiert, europäische Spieler mit marokkanischen Eltern gezielt für die Nationalmannschaft angeworben. Bis zur WM soll sich die Zahl der Touristen, die am Flughafen in Rabat ankommen, verdoppeln – genauso wie das Bruttoinlandprodukt. Die Regierung investiert Milliarden in Strassen, Hotels, Bahnstrecken. In Casablanca wird das grösste Stadion der Welt gebaut, auch dafür muss ein Quartier weichen.

Die Behörden preisen das Vorgehen in L’Océan und drei umliegenden Vierteln als nötige Massnahme gegen unzumutbare Wohnverhältnisse und Bauschäden. Der König, der den Städteumbau seit Jahren vorantreibt, nutzt die Fussball-WM, um seine Pläne noch schneller umzusetzen.

König Mohammed VI. nutzt die WM, um seine Pläne voranzutreiben, die Hauptstadt umzubauen.

König Mohammed VI. nutzt die WM, um seine Pläne voranzutreiben, die Hauptstadt umzubauen.

Carlos R. Álvarez / Getty

«Rabat, Stadt der Lichter» heissen die Stadtentwicklungspläne, die ins Jahr 2014 zurückgehen. Schaut man sich in der Innenstadt um, findet man überall Hinweise darauf, wie das neue Rabat aussehen soll: Da ist die moderne Tram, da sind aber auch die gepflegten Grünflächen mit den Schildern, die verbieten, sie zu betreten. Da ist der Tour Mohammed VI., der phallisch anmutende höchste Turm Afrikas.

Während der Marokko-Spiele an der WM in den USA war in den Cafés auf der Avenue, die entlang des Quartiers L’Océan führt, schon am Mittag kein Stuhl mehr frei. Bei Minztee und Jus d’Avocat wurden Spielanalysen geschaut, die Stärken der Spieler diskutiert. Manche stellten sich vor, wie es dann wäre, in vier Jahren, wenn die Spieler nach dem Match durch die jubelnde Menge fahren würden! Doch abhängig davon, auf welcher Strassenseite das Café steht, wird es zur nächsten WM vermutlich abgerissen sein.

Im vergangenen Herbst gingen Tausende junge Menschen in Rabat und anderswo auf die Strasse, forderten etwa «Krankenhäuser statt Stadien!». Mehr als tausend Menschen wurden angeklagt, manche von ihnen zu 15 Jahren Haftstrafe verurteilt. Ein lokaler Journalist berichtet, von der Zivilpolizei aus L’Océan gedrängt worden zu sein.

In vier Jahren wird die marokkanische Mannschaft an der WM zu Hause spielen.

In vier Jahren wird die marokkanische Mannschaft an der WM zu Hause spielen.

Shaun Botterill / Getty

Und trotzdem scheinen sich in diesen Tagen nach der Niederlage der marokkanischen Mannschaft gegen Frankreich im Viertelfinal alle damit zu trösten, dass bald schon die WM als Heimspiel stattfindet. Sogar Bilal. Er gibt die Hoffnung nicht auf, bald Gewissheit zu bekommen: darüber, was mit L’Océan genau passiert, mit dem Haus, in dem er aufgewachsen ist. Die Gerüchte, es könnte abgerissen werden, will er ignorieren. Er glaube nichts mehr, solange er es nicht auf Papier lese.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Luxuriöse Hotels, moderne Züge, das grösste Fussballstadion der Welt: Fünf Jahre vor der WM 2030 herrscht im Gastgeberland Marokko ein Bauboom. Nicht alle profitieren davon.

Ein Friedhof voller Trümmer und Staub: Tausende von Menschen sind tot, die Hinterbliebenen warten zum Teil immer noch auf Hilfe. Ein Bericht.

Nach dem Tod von acht Frauen in einem Spital demonstrieren Jugendliche landesweit für bessere Bildung und ein zuverlässiges Gesundheitssystem. In einem Brief an den König fordern sie gar den Rücktritt der Regierung.