Der Messerstecher vom Ostkreuz – und sein großer Traum vom Serienmörder
Er wollte zum Serienmörder werden – doch Vincent M. scheiterte bei dem Versuch. Am Ende gibt es zwei Verletzte, eine Geisel und ein Gerichtsverfahren, in dem die Taten des hochintelligenten Mannes beleuchtet werden. Was machte ihn zum Monster? Das lesen Sie in unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“.
Vincent M. war sich sicher, er hätte einen Menschen umgebracht. Er war nach Berlin gefahren, hatte einem Mann mit voller Wucht ein Messer in den Rücken gerammt und so lange auf ihn eingeschlagen und getreten, bis das Opfer sich nicht mehr rührte. Dann war er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Dort bereitete er alles auf die Ankunft der Polizei vor, schrieb sogar kleine Notizen mit Hinweisen, wo die Beamten Beweise für seine Bluttat finden würden. Er legte Zeugnis ab – per Instagram-Post gestand er den Mord. Doch niemand rührte sich. Vincent wurde ungeduldig. Er schnappte sich ein Messer, verließ die Wohnung in Richtung Polizeiwache. Endlich sollte die Welt erfahren, warum er zum Mörder geworden war.
Der Messerstecher vom Ostkreuz: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Der Messerstecher vom Ostkreuz |
| Tatzeit | Nacht vom 27. auf den 28. Februar 2024 |
| Tatort | Simplonstraße nahe Ostkreuz |
| Status | aufgeklärt, Täter verurteilt |
| Besonderheit | Täter wollte sich stellen, nahm dann eine Frau als Geisel |
True Crime Berlin: Rätselhafter Messerangriff am Ostkreuz – Kripo ratlos
Die Geschichte von Vincent M. dreht sich um Narzissmus, Größenwahn, Kränkungen und fehlendes Selbstwertgefühl. Drogenkonsum gehört auch dazu, wurde schließlich zum Brandbeschleuniger. Für die Polizei in Berlin beginnt der Fall, als in der Nacht zum 28. Februar 2024 ein Notruf eingeht. In der Nähe des Bahnhofes Ostkreuz wurde gegen 2.20 Uhr in der Nacht ein 52 Jahre alter Mann von einem unbekannten Täter niedergestochen. Der Mann schwebt in Lebensgefahr, das Messer steckt tief in seinem Nacken. Die Klinge wurde mit so großer Wucht geführt, dass sie im Körper abgebrochen ist. Außerdem hat der Mann Verletzungen im Gesicht – von Tritten und Schlägen. Der Blutverlust ist kritisch. Mit einer Notoperation kann das Leben des Mannes gerettet werden.

Keine 24 Stunden zuvor: In der niedersächsischen Kleinstadt Sehnde bereitet sich der arbeitslose Elektrotechniker Vincent M. auf seinen Trip in die Hauptstadt vor. Er kommt nicht als Tourist, sondern will in Berlin einen Mord begehen; es soll der Auftakt zu einer Serie von Morden in ganz Deutschland sein. Die Welt soll erfahren, wer er ist – ihn endlich nicht mehr ignorieren. Vincent M. hat einen IQ von 115. Er will zum Superverbrecher werden. In der Küche greift er sich ein Messer. Dann geht er zu seinem Auto.
Zur Mittagszeit kommt Vincent in Berlin an, und vertreibt sich die Zeit zunächst mit Sightseeing. Erst einige Monate zuvor war seine Ex-Freundin nach Berlin gezogen. Auch sie soll wissen, wozu er fähig war. In der Nacht sieht er um 2.20 Uhr den 52-jährigen Ronaldo G. Er kennt ihn nicht. Von hinten ruft er ihm mit gezücktem Messer zu: „Ich bringe dich um!“ Sein Opfer hält das für einen schlechten Scherz, dreht sich weg. Dann sticht Vincent M. zu. Mit aller Kraft. Als Ronaldo zu Boden geht, tritt Vincent zu, immer wieder, bis dieser sich nicht mehr bewegt und der 25-jährige Messerstecher davon ausgeht, dass die Tat vollbracht sei. Er hat einen Menschen getötet. Von weitem hört er noch Sirenen, dann macht er sich auf die Heimreise.

In der Nähe des Ostkreuzes stach Vincent M. auf sein Opfer ein© picture alliance | Soeren Stache
Täter bereitet seine Festnahme minutiös vor – doch nichts geschieht
Die Polizei steht zunächst vor einem Rätsel. Das wird sich bald ändern. In seiner Heimat in Sehnde, einer 25.000-Einwohner-Stadt südöstlich von Hannover, bereitet Vincent M. die Wohnung auf die Ankunft der Ermittler vor. Er will, dass die Polizei kommt und ihn verhaftet. Für den Showdown in seiner Wohnung hat er ein ganz genaues Drehbuch im Kopf. Auf Klebezetteln, die er in der Wohnung verteilt, schreibt er Notizen für die Beamten. Auf ihnen steht, warum er auf den Mann in Berlin eingestochen hat und wo die Polizei dafür Beweise finden kann. Er legt sein Mobiltelefon auf den Tisch, daneben einen Zettel mit der Pin. Auf dem Handy befinden sich unzählige Videos. Viele, viele Stunden Material.
Die Geschichte ähnelt Motiven, die Horror-Filmen entsprungen sein könnten: „Saw“ (2004) oder „Sieben“ (1995) – die Polizei sollte sich mit seiner Gedankenwelt auseinandersetzen. Dafür hatte er sogar Rätsel und Puzzle vorbereitet. Sollten die Fahnder die verstreuten Teile zusammensetzen können, würde sich ihnen das Gesamtbild offenbaren. Zu diesem Zeitpunkt war Vincent M. davon überzeugt, er habe die Formel für die Entstehung der Welt entdeckt.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Vincent M.: So wuchs der Messerstecher vom Ostkreuz auf
Auf den ersten Blick deutet nichts im Leben von Vincent M. auf die Bluttat hin, auf die er zusteuerte. Der 25-Jährige wurde in Salzgitter geboren. Seine Familie mütterlicherseits stammt aus Italien, sein Vater ist Deutscher. Die Eltern führen eine Bäckerei in Sehnde, wo Vincent groß wird. Er spielt im Fußballverein, ist sportlich, intelligent, gut aussehend. Nach seinem Schulabschluss beginnt er eine Lehre als Elektriker, danach eine Ausbildung zum staatlich geprüften Elektrotechniker an einer Privatschule. Mit seiner großen Liebe zieht der Anfang Zwanzigjährige in eine gemeinsame Wohnung. Obwohl er als Elektrotechniker gut verdient, fühlt sich Vincent beruflich nicht ausgefüllt und zu Höherem berufen.
Er beginnt bei Lidl ein Ausbildungsprogramm zum Filialleiter. Auch damit ist er nicht zufrieden, versucht es bei Ikea. Doch die Tätigkeit sagt ihm nicht zu. Er fängt an, sich intensiv auf Leitungspositionen zu bewerben – ohne die nötigen Qualifikationen und die nötige Berufserfahrung. Statt Fußball spielt Vincent nun exzessiv Golf. Später rühmt er sich damit, dass Gerhard Schröder in seinem Golfclub spielt. Doch Anschluss an das Leben der Reichen und Schönen findet er nicht. Irgendetwas hält ihn zurück. Durch Drogenkonsum – große Mengen Kokain – erlebt Vincent M. manische Phasen und entwickelt Wahnvorstellungen.
Morddrohungen gegen die Familie der Ex-Freundin
Er ist sich sicher, Personen in der Politik und Wirtschaft wollen sich seiner Ideen bemächtigen. Er fühlt sich beobachtet und abgehört. Schließlich kündigt ihm sein Arbeitgeber. Das erste Mal ist er arbeitslos – um seinen Frust in den Griff zu bekommen, steigert er seinen Drogenkonsum. Auch die Beziehung mit seiner Partnerin gerät ins Strudeln. Vincent ist krankhaft eifersüchtig. Er unterstellt seiner Freundin Beziehungen zu anderen Männern, kontrolliert ihr Handy, wird aggressiv. Das lässt sich die große Liebe eine Zeit lang gefallen. Dann zerbricht die Beziehung.

Blick auf den Tatort: Dass Vincent M. ausgerechnet dort zustach, war Zufall.© picture alliance | Tim Brakemeier
Es ist April 2023 und Vincents inzwischen Ex-Freundin zieht nach Berlin. Der junge Mann will sie zurückgewinnen, er kontrolliert sein Auftreten, die beiden nähern sich langsam wieder an. Doch seinen Kontrollzwang hat Vincent nicht im Griff. Am 26. Februar 2024 eskaliert bei einer gemeinsamen Autofahrt der Streit. Sie soll zugeben, dass sie untreu ist. Aber das stimmt nicht. Er glaubt ihr nicht und wird so wütend, dass er auf das Lenkrad des Autos einschlägt. Er droht, jedes Mal, wenn sie wieder abstreitet, ihn betrogen zu haben, wird er einen Menschen umbringen. So lange, bis sie ihm die Wahrheit sagt. Sie solle gut auf ihre 16-jährige Schwester aufpassen, denn sonst würde er sie ermorden.
Vincent M. wollte Karriere als Serienmörder machen
Die Ex-Freundin geht zur Polizei. Die reagiert mit einer Gefährderansprache – eine Maßnahme, die eine Straftat verhindern soll, bevor sie verübt wird. Zwei Polizeibeamte erklären Vincent M., dass er sich seiner Ex-Freundin und deren Familie zwei Tage lang nicht nähern darf. Im Gespräch gelingt es dem Gefährder, ruhig und beherrscht zu wirken. Was die Beamten an der Haustür nicht bemerken: Hinter der Fassade brodelt es massiv. Vincent M. beschließt, ein Infernal zu setzen, an einer Gesellschaft, die sich gegen ihn verschworen zu haben scheint.

Fühlen, wie man mordet – dafür kam er aus der Provinz nach Berlin, um einem Fremden von hinten ein Messer in den Nacken zu stechen. Sein verworrener Plan: „Ich würde von Stadt zu Stadt ziehen und in einem Triumphzug einen Menschen nach dem anderen umbringen. Ohne dass die Polizei auch nur die geringste Chance haben würde, mich zu fassen.“ Das ist in Vincent M.s psychiatrischem Gutachten zu lesen, das später für die Gerichtsverhandlung erstellt wurde: „Ich stellte mir damals vor, dass ich in einer Art perverser Umkehr des mir vorenthaltenden Erfolges in Wirtschaft und Politik auch emotional einen gleichwertigen Ersatz finden würde. In der Karriere eines Serienmörders.“
Der 52-jährige Berliner Ronaldo G. schilderte später, wie er den brutalen Angriff erlebte. Er war auf dem Nachhauseweg. Auf halber Strecke zum Bahnhof Ostkreuz habe plötzlich jemand „Hey!“ gerufen. „Ich habe mich umgedreht und da war ein Herr. Er hatte ein Messer in der Hand.“ Der Mann habe vielleicht 15 Meter entfernt an einem Kiosk gestanden und rumgeschrien. Ronaldo G. verstand die Worte: „Ich töte dich!“ Ernst nahm er das nicht. „Ich habe gedacht, das ist ein Spinner, und bin weitergegangen. Das war vielleicht ein bisschen naiv.“ Er habe seinen Kopfhörer aufgesetzt, bevor er das Messer im Nacken spürte. Er sei zu Boden gestürzt und der Unbekannte habe gegen seinen Kopf getreten.
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Täter nahm Geisel, weil niemand sein Bekennervideo beachtete
Zurück in Sehnde wartet Vincent M. in seiner präparierten Wohnung auf die Polizei. Er hat seinen Plan geändert, will jetzt nicht mehr als Super-Serienmörder durch Deutschlands Städte tingeln. Er will gefasst werden. Mit seinem Handy nimmt er ein Video auf: „Ich war das mit dem Mann am Ostkreuz. Sollte die Polizei in fünf Minuten nicht kommen, gehe ich los und bringe deine ganze Familie um“, bedroht er seine Ex-Freundin, an die er das Video schickt. „Ich habe dabei nichts empfunden, als ob ich zu McDonald’s gehe und einen Cheeseburger kauf. 15 Jahre und Schutzverwahrung, Einzelhaft. Wenn ich raus bin, jage ich deine gesamte Familie!“ Sein Bekennervideo lädt er auf Instagram hoch, einen Link schickte er der Polizei in Berlin. Dann wartet er darauf, in seiner Wohnung festgenommen zu werden.
Vincent ist darauf gefasst, dass die Polizei seine Tür eintritt, aber nichts passiert. Er geht in die Küche und nimmt sich ein weiteres Messer. Weil sein Clip zu wenig Beachtung fand, geht er los zum Rathaus seiner Heimatgemeinde, fuchtelt mit dem Messer in der einen Hand und dem Handy in der anderen vor der Glastür der dortigen Polizeiwache herum. Es ist 12.40 Uhr, immer noch am 28. Februar 2024. Die Beamten verriegeln die Tür und beeilen sich, ihre Dienstwaffen zu holen. Sie hören noch, dass der Mann davon spricht, dass sie sein Video sehen sollten. Als sie endlich ihre Pistolen aus der Waffenkammer griffbereit haben, ist der Angreifer weg. Aus dem benachbarten Rathaus hören sie Schreie.

Blick in den Gerichtssaal: Am 1. August begann der Prozess gegen den „Messerstecher vom Ostkreuz“.© picture alliance | Jörg Carstensen
Der Messerstecher vom Ostkreuz: Polizeibeamte entwaffnen Geiselnehmer
Dort bereitet Bürgermeister Olaf Kruse (SPD) mit drei Angestellten der Verwaltung gerade kalte Platten für eine Veranstaltung vor, als Vincent M. mit gezückter 17-Zentimeter-Klinge das Foyer stürmt. „Schaut Euch mein Video an!“, ruft er immer wieder. Als Kruse zwar kurz mit ihm redet, ihn aber nicht ausreichend beachtet, „platzt Vincent M. der Kragen“, wird später in der Anklageschrift stehen. Er sei hier der Ansprechpartner, sagt der Bürgermeister noch – und Vincent entgegnet, dann könne er ja mal das Messer testen.
Einen kurzen Moment des Tumults, als ein Stehtisch in Richtung des Messerstechers gestoßen wird, nutzen die Anwesenden zur Flucht, aber eine 57-jährige Verwaltungsangestellte erreicht den Ausgang nicht rechtzeitig. Vincent setzt ihr die Klinge an den Hals, wird zum Geiselnehmer, als die ersten Polizisten das Rathausfoyer erreichen. Er gesteht in dieser Situation den vermeintlichen Mord in Berlin, fordert menschlich behandelt zu werden. Als ihm eine Polizeibeamtin das zusichert, lässt er sich entwaffnen und festnehmen. „Ich als Richter würde mich gar nicht wieder rauslassen aus dem Knast“, sagt er im Polizeiverhör.
Ich wusste, dass ich eine tickende Zeitbombe war.
Vincent M. im Gespräch mit einem Psychiater
Am 1. August 2024 beginnt der Prozess gegen Vincent M. vor dem Landgericht Berlin. Im Prozessverlauf gewinnt das Gericht nach und nach dann Einblick in die innere Welt von Vincent M. Es ist eine beklemmende Welt voller Einsamkeit, Angst, Drogen und Misstrauen. In einem Gespräch mit einem Psychiater sagt M.: „Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass ich eine tickende Zeitbombe war.“
Die Diagnose des psychiatrischen Sachverständigen ist eindeutig: Der Mann weise eine narzisstische Persönlichkeitsstörung auf. Zum Zeitpunkt der Taten kam noch eine Psychose hinzu, ausgelöst durch immensen Kokainkonsum. „Er hatte das Gefühl, einzigartige Fähigkeiten zu besitzen“, so der Gutachter. Er war der Überzeugung, dass sein Denken sich durch Drogen enorm beschleunigt, dass sein Gedächtnis phänomenale Leistungen zeigt und er von überragender Intelligenz sei. Trotz seiner wahnhaften Zustände sei Vincent M. aber noch in der Lage gewesen, sein Handeln zu steuern – und schuldfähig, urteilt das Gericht.
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Gutachter sieht bei Vincent M. Verfolgungswahn und Paranoia
Bei den Opfern seiner Taten, die als Zeugen im Prozess aussagen, entschuldigt sich Vincent M., bietet durch seinen Anwalt im Vorfeld des Prozesses Ronaldo G. 3000 Euro als Täter-Opfer-Ausgleich an. Dafür verkauft er seine Golfausrüstung und seine Sneaker. Das Opfer lehnt ab: „Ich sehe sein Bemühen, aber er soll lieber weiter in Haft bleiben.“ Ronaldo G. erholt sich körperlich, leidet nach der Tat aber unter Schwindelanfällen, Albträumen und Ängsten – kann nicht mehr arbeiten. Wie bei der als Geisel genommenen Rathausmitarbeiterin wirkt auch bei ihm das traumatische Erlebnis nach.
Am 10. September 2024 verurteilt das Gericht Vincent M. wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Geiselnahme in Tateinheit mit Körperverletzung und wegen Bedrohung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren. An Ronaldo G. soll er 15.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Zugunsten des Angeklagten wertet das Gericht insbesondere, dass er zum Zeitpunkt der Taten aufgrund seiner Psychose nur vermindert schuldfähig gewesen sei. Am Ende der Urteilsverkündung appelliert der Vorsitzende Richter an den Angeklagten, therapeutische Angebote zu nutzen: „Sie sind ein intelligenter Mensch, Sie haben gesehen, wohin das geführt hat.“ Vincent M. solle auch im eigenen Interesse versuchen, an sich zu arbeiten. Auch um das zu erreichen, was er sich selbst vom Leben erhoffe.