Wilkes Rezept gegen die Spaltung: Konfrontation

Der klare AfD-Erfolg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat eine Debatte über den Zustand der Gesellschaft entfacht. Mittendrin: eine Idee, die auf den ersten Blick widersprüchlich klingt. Brandenburgs Gesundheitsminister René Wilke setzt ausgerechnet auf eine Konfrontationstherapie gegen die Spaltung – also auf mehr Reibung statt weniger.

Der SPD-Politiker, der in Potsdam zugleich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zuständig ist, sagt, dass der viel beschworene Riss durch die Gesellschaft kein Naturgesetz sei. Er werde aktiv erzeugt – und lasse sich deshalb auch aktiv bekämpfen.

Das Wahlergebnis, das die Debatte auslöste

Am 6. September wählte Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die AfD kam auf 43,8 Prozent und hat somit ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt. Die CDU verlor fast 20 Prozentpunkte, die SPD legte leicht zu.

Für Wilke ist dieser Erfolg ein Warnsignal. Er sieht die Gefahr einer wachsenden Polarisierung, wenn politisch auf die Angst vor Migranten und auf Nähe zu Russland trotz des Ukraine-Kriegs gesetzt werde.

Am 6. September fuhr die AfD Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent ein Rekordergebnis ein.

Am 6. September fuhr die AfD Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent ein Rekordergebnis ein.

© Revierfoto/xRx/Imago

Der Minister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt greift bewusst zu einem Begriff aus der Psychologie. In einer Konfrontationstherapie setzen sich Menschen gezielt mit ihren Ängsten auseinander, statt ihnen auszuweichen.

„Wenn ich als Gesundheitsminister unserer Gesellschaft ein Rezept ausstellen könnte, dann wäre es Konfrontationstherapie“, sagte Wilke der Deutschen Presse-Agentur. Gemeint ist damit die direkte Begegnung unterschiedlicher Standpunkte.

Sein Kerngedanke: Überall dort, wo Perspektiven aufeinanderprallen, entstehe fast immer etwas Heilsames. Ausweichen und Rückzug hält er dagegen für einen Fehler.

So steht die AfD in Brandenburg selbst

Der Blick nach Sachsen-Anhalt wirft die Frage auf, wie die Lage im eigenen Land aussieht. Ein Stimmungsbild liefert der Brandenburg-Trend von Infratest dimap für RBB24 – allerdings von Ende Juni 2026 und damit gut zwei Monate vor der Wahl in Sachsen-Anhalt.

Das gesellschaftliche Klima ist angespannt: Eine Anti-AfD-Demonstration am 12. September vor dem Brandenburger Landtag in Potsdam.

Das gesellschaftliche Klima ist angespannt: Eine Anti-AfD-Demonstration am 12. September vor dem Brandenburger Landtag in Potsdam.

© Martin Müller/Imago

Schon damals erreichte die AfD bei der Sonntagsfrage mit 37 Prozent einen Höchstwert. Die regierende SPD lag mit 22 Prozent deutlich dahinter. Auf die CDU und die Linke entfielen jeweils 12 Prozent, die Grünen kamen auf sechs Prozent. Das BSW hätte mit vier Prozent den Einzug in den Landtag verpasst.

Hinzu kommt ein Akzeptanzproblem der Landesregierung aus SPD und CDU. Nur 28 Prozent der Befragten zeigten sich mit ihrer Arbeit zufrieden, 62 Prozent äußerten sich unzufrieden. Mit Wilkes Arbeit waren 23 Prozent zufrieden.

„Der Riss wird gemacht“

Besonders scharf ist Wilkes Analyse der Ursachen. Der Graben in der Gesellschaft sei nicht von selbst entstanden. „Ein Riss geht schon durch die Gesellschaft, aber er wird erzeugt“, sagte er. „Ich glaube, er ist nicht von sich aus da, sondern er wird richtig geradezu gemacht.“

Eine zentrale Rolle spielen für ihn soziale Medien. Deren Algorithmen – also automatisierte Formeln – sortierten Menschen in Blasen von Gleichgesinnten.

Wilke beobachtet, dass sich diese Abschottung längst ins Private zieht. „Wir waren noch nie so sehr darauf erpicht, uns zurückzuziehen auf Gemeinschaften von Gleichgesinnten“, sagte er. Selbst Freundeskreise und Familien orientierten sich heute stärker an der gleichen Meinung als früher.

Sein Rat: Begegnungen bewusst erzwingen

Aus der Diagnose folgt für Wilke eine klare Empfehlung. Man müsse Begegnungen schaffen – unabhängig von politischer Haltung und Herkunft. Auch unkonventionelle Formate seien willkommen, bei denen „Dinge aufeinanderprallen können“.

Die Vorstellung, dass Meinungsverschiedenheiten grundsätzlich schädlich seien, dreht er damit um. Für ihn gehört das Aushalten anderer Positionen zur Normalität – und ist Teil der Lösung, nicht des Problems.

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