Der Tod des Bürgertums
Stand: 06.09.2026, 13:17 Uhr
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Das Ende der Mittelschicht wurde in der westlichen Welt schon häufig ausgerufen. Die Feststellung ist nicht falsch, aber ungenau; es ist nicht die Mittelklasse, sondern das Bürgertum als geistige Klasse, das gerade stirbt. Von Konstantin Johannes Sakkas
Auf drei Säulen ist Europa gebaut: Dem christlichen Bekenntnis jüdischer Herkunft, der griechischen Philosophie römischer Prägung und – der Ständegesellschaft. Es gehört essentiell zum christlich-abendländischen Menschenbild, dass, gerade weil der Mensch Ebenbild Gottes ist, er sich diese ihm von seinem Sein her zugeschriebene Gottesebenbildlichkeit in der Zeit auch erarbeiten muss. Die moral education, in der die paideía der alten Griechen aufgegangen ist, die Erziehung dazu, edel, hilfreich und gut zu sein, ist das Essentiale der christlich-abendländischen Ethik, für die Pädagogik und politische Theorie in eins fallen. Der europäische Mensch kommt nicht perfekt zur Welt; er hat es zu werden.
In diesem Kontext steht die nachantike Sozialverfassung der christlichen Welt. Tu ora, tu protege, tu labora – nach diesem Dreischritt gliederte sich die Gesellschaft im christlichen Europa seit den Merowingern bis zur Französischen Revolution: hier Arbeiter (Bauern) und Krieger (Adel), an der Spitze bzw. ihrer Schichtung eigentlich enthoben der Priesterstand: Der Priester steht, wie Samuel über Saul, noch über dem König, sein Stand ist ein Nicht-Stand, ist der ideale Stand.
Die Revolution von 1789 war eine bürgerliche Revolution, was heißt: Sie erklärte jedermann zum Bürger und sie erklärte die Bürgerlichkeit eines jeden zur Rechts- und Lebenstatsache. Bürgerlichkeit ist hier zu verstehen als säkularisierte Geistlichkeit (Geistlich-sein), Bürgersein ist weltliches Priestersein, also ein höchstmögliches Beisichsein des Einzelnen und damit die höchste Form der Individualität. Bürger ist, wer nicht mehr auf eine ständische Rolle festgelegt ist, weder pragmatisch noch dogmatisch; Bürger ist, wer mit Marx „Jäger, Fischer Hirt und kritischer Kritiker“ zugleich ist; wer nach der Maxime „kein Herr über mir, kein Knecht unter mir“ lebt.
Hieraus erhellt rückblickend die Zielbestimmung der Ständegesellschaft: Nicht etwa verstand sie (so jedenfalls das Ideal) ihre pragmatischen Zuschreibungen als endgültige Festlegungen; vielmehr drückte in ihr sich der hellenisch-christliche Imperativ aus, dass ein jeder sich hinbilden solle und müsse zur Gottähnlichkeit. Der Bauer sollte sein Bauersein, der Ritter sein Rittersein abstreifen, bis sie beide irgendwann, ledig ihrer weltlichen Bedingtheit, ihre wahre, unbedingte, quasi-priesterliche Menschennatur verwirklicht haben würden. Das, genuin europäische, Ergebnis dieser Verwirklichung in der Welt war der gebildete, politisch verantwortliche Bürger.
Der Bürger in diesem Verständnis, der citoyen, war unmittelbar zu Gott, er definierte sich durch Haltung und Bildung, sein Ideal war präformiert worden in der Bildungsschicht, die sich in der Frühen Neuzeit, quer zur Schichtung nach Stand (Herkunft) und Klasse (Einkommen), langsam entwickelt hatte. Der gebildete Bürger steht gedacht frei in der Welt, die Fesseln der menschlichen Bedingtheit, die eine physiologische etc., letztlich aber eine zeitliche ist (Wer war mein Großvater? Seit wann müssen wir nicht mehr hungern/betteln?), hat er abgestreift, sein Ort gegenüber der Gesellschaft ist ein archimedischer Punkt, enthoben der Kategorialität von hoch und nieder.
Diese Bildungsschicht, die auch Trägerin der Revolution war, war zugleich deren eigentliches Ideal. Im gebildeten Bürgertum, das sich selbst niemals ganz ernst nimmt, konvergieren oben und unten, vermählen sich Unterbürgerlichkeit und Adeligkeit (das Freundesgespann aus Bildungsaufsteiger und kultiviertem Adeligen ist ein klassischer Topos der Literatur des 19. Jahrhunderts). Ging das Bildungsbürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts aus dem, wirtschaftlich nur knapp über der ländlichen Unterschicht rangierenden, „kleinen Bürgertum“ der Frühen Neuzeit hervor – die ewig knapsende, aber die Biblia Hebraica lesende Pfarrersfamilie, der Sohn katholischer Dienstleute, der dank kirchlicher Förderung aufs Gymnasium darf –, so wächst es heute nach aus Familien, die das Weltkriegszeitalter aus der Prekarität in eine, durch Immobilienbesitz und Erwerbskarrieren als Angestellte abgesicherte, Bürgerlichkeit transportiert haben. Umgekehrt zählen heute auch manche (ehemalige) Familien der Oberschicht, lange nachdem sie „alle ihre Knechte frei erklärt“ haben, eher zum gebildeten Bürgertum.
Der Hausaltar dieser Schicht ist nicht der Fernseher, sondern das Bücherregal. Die Welt, die der Arbeiter gegenständlich gebaut und der Kaufmann erschlossen haben, erfüllt sie auch mit Welthaftigkeit, durch-weltet sie. Der gebildete Bürger begreift die soziale Welt nicht unter dem Dogma der Dominanz (auch nicht einer durch eine politische Moral vermeintlich gedeckten) und die Ding-Welt nicht unter dem des Besitzens, sondern unter dem des Sein-lassens: Er will den Dingen nicht seinen Stempel aufdrücken, sondern sie in ihrer Dinghaftigkeit annehmen und anerkennen. Er nimmt sich zurück von der Welt und schafft sie gerade dadurch. Sein eigener sozialer Aufstieg wie auch der soziokulturelle Fortschritt stehen je unter dem unausgesprochenen Imperativ medèn ágan, nichts im Übermaß.
Das Materielle als sekundär
In dieser Schicht liest man Bücher um der Bildung willen (was nicht das gleiche ist wie der Wille, Argumente für seinen Verdacht gegen die Welt zu finden), malt man und spielt man ein Instrument, und wenig überraschend ist es vor allem diese Schicht, in der man überhaupt noch in die Kirche geht. Sie steht quer zur üblichen Schichtung, gestern wie heute.
Das hat auch damit zu tun, dass es zur so verstandenen Bildung gehört, das Materielle wenn nicht geringzuschätzen, so doch es als sekundär zu qualifizieren: in ihrem Elternhaus sei immer klar gewesen, dass „die eigentliche Welt im Geistigen“ stattfindet, sagte die Historikerin Hedwig Richter in einem Interview und brachte damit die Grundhaltung des gebildeten Bürgerlichen klar auf den Punkt.
Diese Schicht nun kämpft heute um ihr Überleben. Sie wird bedroht von einer kleinen und großen Bourgeoisie: Die einstige Unterschicht, deren Vertreter aber eben nicht befreite citoyens geworden sind, sondern Lumpenbourgeois, drängt von unten; das Finanzbürgertum, das die Rolle der Feudalherren eingenommen hat, tritt von oben. Beider Vertreter leben zwar materiell bürgerlich, haben aber den Habitus des Arbeiters – seine Weltunbewusstheit, seine konstitutive Überforderung an der hermeneutischen Vertracktheit, Nicht-Festlegbarkeit und Unübersichtlichkeit der Welt behalten. Sie haben sozialen Status und Führungspositionen – aber sie sind Subalterne geblieben.
„Arbeiter“ meint hier eben nicht das bewusste Individuum, sondern den Insularen, für den auch in der Wohnung „mit hohen Wänden“ die Welt ein Dschungel, das Leben ein Überlebenskampf und der Nächste ein potentieller Feind geblieben sind. Der stolze Mieter des Alt- oder Neubaus mit seiner Es-ist-erreicht-Überheblichkeit und der kalt rechnenden Immobilieninvestor, von dem jener sich den Sozialdarwinismus, den Machiavellismus und den Sadismus abgeschaut hat, bilden zusammen den „Abhub aller Klassen“, bilden Mob und Elite, statt, wie es der Traum des 18. Jahrhunderts und das Ziel der Revolution gewesen, Mob-sein und Elite-sein aufzuheben in einem universellen und universalistischen Bürgersein. Ihre Untugenden sind Spießigkeit und Radikalität.
Kritiker der Berliner Mediengesellschaft und ihrer angeblichen Weltfremdheit sprechen von ihr gern abschätzig als vom Intellektuariat. Analog ließe sich von der heutigen Mittelschicht als von einer immer aggressiver auftretenden Chauffeureska sprechen.
Ihre Angehörigen zeichnen sich dadurch aus, dass sie qua sozialer Stellung und wirtschaftlicher Möglichkeiten ein Recht auf sozietale Mitbestimmung beanspruchen, ohne aber eine dem vorgängige mission civilisatrice durchlaufen zu haben, was sich ausdrückt in dem unterbürgerlichen Habitus, den sie beibehalten haben, in dem generellen Ideologieverdacht gegen alles Nicht-Oberflächliche, der sie selbst zu den größten Ideologen werden lässt, in der Pflege der diametralen Selbststilisierung als universelle Durchblicker, die ja wüssten, „wie es in der Welt nun wirklich zugeht“, einerseits und als Opfer geheimer strippenziehender Eliten (zu denen allzu oft sie selber zählen müssten) andererseits.
Der Lumpenbourgeois bleibt habituell Deklassierter, auch wenn längst er es ist, der die Vorstadthäuser bewohnt und an den Eliteschulen (die ja nun einmal Geld brauchen) den Ton angibt und der die Zusammensetzung der Länderparlamente bestimmt. Die Bildungsschicht aber ist es, die sich kaum mehr – teils aus Not, teils aus Überzeugung – fortpflanzt, die sich kein Haus und kein Klavier mehr leisten kann.
Häuser kauft die neue Bourgeoisie, auch wenn sie diese nicht geschmackvoll einzurichten weiß, Klaviere kauft sie nicht, denn wozu Musik betreiben und warum sich die Mühe machen, ein Instrument richtig zu lernen (was eine Sache der Askese ist)?
Intellektueller Anspruch
Und, wichtiger – warum, bevor man die Welt be-arbeitet, erst ein nicht-wertendes, phänomenologisches Verhältnis zur Welt gewinnen? Warum sich und den eigenen Kindern beibringen, dass die eigentliche Kunst des Menschseins nicht das Technische (denn eine Golden Gate Bridge errichten könnte auch ein Termitenstamm, und ein einziger Blitz kann sie wieder zerstören) und auch nicht das Taktische (denn wie in der KZ-Gesellschaft findet noch der Geringste einen Geringeren, den er dominieren könnte) ist, sondern die Fähigkeit, sich zu revidieren, zurückzustehen, Nein zu sagen, dem Diktat der Ausdehnung, dem Dualismus von Dominanz und Subjektion, dem Satz vom Grunde und dem platten Willen zum Über-leben zu widersprechen?
Der Tod des gebildeten Bürgertums droht paradoxerweise in einer Zeit, in der es (jedenfalls bis vor Kurzem) in Europa so leicht wie nie war, ein hohes Einkommen zu erzielen. Handwerker und auch Ungelernte werden händeringend gesucht, Akademiker aber können leicht ihr Auskommen „in der Wirtschaft“ oder dem öffentlichen Dienst finden, freilich unter Aufgabe ihres intellektuell-moralischen Anspruchs.
Warum die Bildungsschicht dennoch existenziell bedroht ist? Weil viele ihrer Angehörigen nicht wollen. Weil sie lieber Kindern ein Instrument beibringen oder an „unnützen“ Themen forschen wollen, statt ihr Lebensmodell zu verraten, das auch das „innerliche“ Lebensmodell von Bürgerlichkeit und damit von europäisch-christlicher Sozialität ist.
Das gebildete Bürgertum, dieser Nicht-Stand der Stände, dieser säkulare Priesterstand, der wie einst der historische den Kindern von Putzfrauen und von Herzoginnen offensteht, ist dabei, zerquetscht zu werden unter dem Druck eines falschen Liberalismus und einer ebenso falschen antiliberalen Reaktion. Es selbst wird sich damit abfinden müssen; doch wehe der Gesellschaft, die ohne es wird auskommen müssen.