Der Wahlabend beim Tagesspiegel: Michael Müller rechnet mit der Berliner SPD und Raed Saleh ab

Der Wahlabend in Berlin war nicht nur ein Großereignis für die Berichterstattung des Tagesspiegels. Im Verlagsgebäude am Askanischen Platz kamen am Sonntag auch Politikerinnen und Politiker und andere wichtige gesellschaftliche Köpfe zusammen, um über das Ergebnis und seine Folgen zu diskutieren.

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Der frühere Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) nutzte die Gelegenheit, um mit seiner eigenen Partei abzurechnen. Das Ergebnis sei für ihn ein absolutes Desaster und das Resultat einer jahrelangen Fehlentwicklung innerhalb der Partei, sagte Müller im gemeinsamen Gespräch mit der ehemaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Moderator Stephan Wiehler. Eine kleine Schicht aus 50 Funktionären, die an den entscheidenden Stellen sitze, habe sich völlig abgekoppelt von der Basis, sagte Müller.

Dabei kritisierte er auch den Fraktionsvorsitzenden: Raed Saleh tue so, als habe er mit den immer schlechteren SPD-Wahlergebnissen nichts zu tun, obwohl er schon so lange in der Verantwortung sei, echauffierte sich der Ex-Regierende, der von 2016 bis 2020 auch Landesvorsitzender der SPD war. Saleh werde von eben jenen Funktionären getragen.

Tagesspiegel Wahlabend 2026

Hofft auf die „Stunde der Vernünftigen und Pragmatiker“: die frühere Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

© Laurin Schmid für den Tagesspiegel

Im Moment liege die politische Zukunft nicht bei der SPD, sondern bei den entsprechend gewählten Parteien, sagte Müller beim Tagesspiegel-Wahlabend weiter. „Wir wurden abgewählt.“

Mit Blick auf das Wahlergebnis der Linken sei er gespannt, wie es nun weitergehe. Er frage sich, ob bei den Linken für „eine verantwortungsvolle Regierung tatsächlich die Enteignungs- und Antisemitismusdebatte weitergeführt werden kann“, sagte Müller. Bei der Frage, wie Berlin zu einer stabilen Regierung komme, sehe er die SPD aber weiterhin in einer wesentlichen und auch konstruktiven Rolle – „auch bei zwölf Prozent“.

Giovanni di Lorenzo: „Ergebnis ist ein Desaster“

„Es ist die Stunde der Vernünftigen und Pragmatiker im Land“, sagte die ehemalige Kulturstaatsministerin Grütters. „Stefan Evers ist ein anständiger Typ. Kein Opportunist und keiner, der in Hinterzimmern kungelt.“ Deshalb habe sie ihn in seinem Wahlkampf unterstützt. Bei der anstehenden Regierungsbildung hofft Grütters auf eine Koalition jenseits der Linken.

Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar und Herausgeber Giovanni di Lorenzo diskutierten über das schwache Abschneiden der Parteien der Mitte. „Wenn man sieht, wie schwach die Mitte inzwischen in Berlin ist, ist das Ergebnis ein Desaster“, sagte di Lorenzo.

„Ich bin gespannt, ob aus diesem Ergebnis Lehren gezogen werden“, sagte di Lorenzo, der auch Chefredakteur der „Zeit“ ist. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Mitte verstanden hat, was da gerade passiert ist.“ Die Parteien müssten wieder ein Gefühl dafür bekommen, was die Leute beschäftige. Sie müssten versuchen, Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen. „Davon ist im Moment nichts zu spüren.“

Tagesspiegel Wahlabend 2026

Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar (l.) und Herausgeber Giovanni di Lorenzo diskutierten das schwache Abschneiden der Parteien der Mitte.

© Laurin Schmid für den Tagesspiegel

Unternehmer Harald Christ (VBKI-Präsident) und Annemie Vanackere (Intendantin HAU) sprachen über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Kultur. „Die Finanzsituation ist prekär“, sagte Christ. „Eine Metropolregion benötigt eine starke Wirtschaft und Wachstum. In Zeiten knapperer Kassen wird das schwieriger.“ Das betreffe natürlich auch die Kultur. Nun gehe es weniger um Ideologien. Die Parteien sollten nun gemeinsam die beste Politik und die beste Zukunftsperspektive für Berlin machen, sagte Christ.

„Im Wahlkampf wurde kaum über Kultur gesprochen“, beklagte Annemie Vanackere, Intendantin des Theaters Hebbel am Ufer. „Wir haben gesehen, dass es eine Rolle spielen kann. Wenn wir über Kulturkampf sprechen, versteht das die blaue Partei am besten. Das müssen wir uns wieder zurückerobern. Kultur ist wichtig.“

Vanackere kritisierte den Umgang mit der Kultur und die fehlenden Investitionen. „Wir haben aktuell weniger als zwei Prozent des Haushalts für die Kultur“, sagte sie. „Es sollten schon mindestens drei sein.“ Ein besser finanziertes und höheres Angebot würde von den Menschen angenommen werden. Auch Touristen kommen für die Kultur nach Berlin „und nicht für das schöne Wetter“, sagte Vanackere.

Harald Christ: „Demokratie lebt vom Mitmachen“

Es sei unverzichtbar, dass erfolgreiche Menschen und Unternehmerinnen und Unternehmer sich in der eigenen Stadt und im Land engagieren, sagte Harald Christ. „Demokratie lebt vom Mitmachen und funktioniert nicht, ohne dass man sich einbringt“, sagte er. So könnten Unternehmen positive Impulse setzen, um die Zivilgesellschaft zu stärken und Konflikte zu lösen. Christ und der VBKI würden sich, unabhängig von der Politik, weiter für die Stadt einsetzen und sie wirtschaftlich stärken.

Tagesspiegel Wahlabend 2026

Wirtschaft und Kultur: Harald Christ (VBKI-Präsident) und Annemie Vanackere (HAU-Intendantin) diskutierten darüber, was die Gesellschaft jetzt braucht.

© Laurin Schmid für den Tagesspiegel

Rund 150 Leserinnen und Leser verfolgten den ausverkauften Wahlabend im Saal. „Das Format der Veranstaltung hier am Wahlabend im Tagesspiegel gefällt mir sehr gut“, sagte Leserin Ingrid (72). Sie fand es auch gut, die „alten Hasen“, Michael Müller und Monika Grütters, live zu erleben. Ihr Ehemann Alexander (70) sah angesichts des Wahlergebnisses „keinen Wählerauftrag an die CDU“, es gebe nun mal „eine klare linke Mehrheit“.

„Es war klar, dass die Linken vorangehen werden“

Detlef Wolf (66) und seine Frau Britta Börner (69) wollten unbedingt den Wahlabend beim Tagesspiegel verbringen, auch deshalb, weil sie gerne Giovanni di Lorenzo erleben wollten. Sie wollten gerne dabei sein, um sich übergreifend zu den Einschätzungen zum Wahlergebnis zu informieren.

„Die Veranstaltung ist sehr kurzweilig und interessant“, sagte Detlef Wolf in der Pause. Gut habe ihm auch gefallen, dass Michael Müller sich so klar zu Raed Saleh und dessen Mitverantwortung für das Wahlergebnis geäußert hat. Seine Frau Britta Börner ist vom Wahlergebnis nicht überrascht: „Es war klar, dass die Linken vorangehen werden, denn die Wohnungssituation spielt besonders bei den jungen Leuten eine große Rolle.“