Der Wandertipp führt in die Rhön über den Birxgraben zum Schwarzen Moor
Der Tag der Deutschen Einheit ist auch ein großer Tag für die Natur. Als 1990 noch über die Modalitäten der Vereinigung gerungen wurde, schufen überregionale Initiativen ohne viel Aufhebens Fakten für die größte Landschaftsschutzaktion der deutschen Geschichte. Durch Ausweisung mehrerer National- und Naturparks entzog die Volkskammer knapp fünf Prozent des DDR-Territoriums der (land-)wirtschaftlichen Verwertung – mit dem Effekt, dass nun im Westen zuvor undenkbare Projekte möglich wurden, etwa das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön. 2026 feiert es sein Bestehen seit 35 Jahren.
Anfängliche Skepsis wich längst allgemeiner Akzeptanz, wofür auch die Erweiterung auf jetzt 2430 Quadratkilometer spricht. Damit wurde die Rhön zur drittgrößten unter den 18 deutschen Biosphärenreservaten. Umfragen ergaben, dass die Rhön die bekannteste dieser Modellregionen ist. Die UNESCO lobte bei ihrer jüngsten Evaluierung, dass durch „Dachmarken“ viel getan werde, Landschaft und (extensive) Landwirtschaft im Einklang zu halten. Deshalb darf das Mittelgebirge auch die nächsten zehn Jahre den Reservatstitel tragen.
Ein „Übertourismus“ droht hier kaum, sieht man von wenigen Brennpunkten wie der Wasserkuppe oder dem Kreuzberg ab. In den Weiten der nur peripher besiedelten Kerngebiete verläuft sich die Spezies Mensch rasch. Dass sie im Wortsinn nicht vom Weg abkommt, ist einem anderen Jubilar zu verdanken. Das heute rund 6000 Kilometer lange Netz der Wanderpfade pflegt der vor 150 Jahren, im August 1876 gegründete Rhönklub.
Die geographisch-topographische Basis dieser Landschaft bildete der vor elf Millionen Jahren endende Vulkanismus. Er hinterließ die unverwechselbaren, konisch geformten Berge mit ihren Basalt- und Phonolithwänden. Deren Abbau wurde mittlerweile stark zurückgefahren. Nur noch wenige Steinbrüche, so bei Ehrenberg-Seiferts, geben eine Vorstellung von der Mächtigkeit der Basaltpanzer.
Ohne den Vulkanismus wäre die Rhön flach wie ein tropisches Sumpfgebiet. In etwas anderer Ausfertigung, als Moore, gibt es Sümpfe hier aber tatsächlich. Einige, besonders das Rote und das Schwarze Moor, blieben erhalten und werden mehr denn je gehegt, seit über den Naturschutz hinaus ihre Bedeutung als Kohlendioxid-Speicher erkannt wurde.
Wegbeschreibung
Wanderbeginn ist in Ehrenberg-Seiferts. Ob nach Anreise mit dem Bus oder Auto: Der Zugang zum Landschaftsschutzgebiet Birxgraben findet sich am gleichnamigen Wanderparkplatz etwas außerhalb in Richtung Fladungen. Ein ganzes Zeichenbündel begleitet kurz das Pfädchen neben der Fahrbahn, ehe es rechts unter Ahorn und Eschen führt und mehrmals via Holzstegen die Seiten wechselt. Gut einen Kilometer ziehen die während der Eiszeiten aufgesprengten Blockhalden leicht hinan.
Vor dem letzten der vier Brückchen teilen sich die Markierungen. Mit dem grünen Tropfen sowie der Ziffer 13 (später 11) wenden wir uns links hinüber, und die nahe Landstraße wird gequert. Leicht versetzt links geht es wieder unter Bäume, die auch mal für Blicke zur markanten Milseburg zurückstehen. Wenn erste Gesteinsfelder auftreten, setzt längeres Bergan fast bis zur Aussichtsplattform des Basaltbruchs ein.
Am nördlichen Scheitelpunkt der ausholenden Schleife tritt ein Zubringer (grünes „Ö“) des Fernwanderwegs „Hochrhöner“ hinzu. Er ist – nach rechts – fortan gültig. Ihm gebührt die letzte Etappe zur Abbruchkante für einen Blick in den größten Steinbruch der Rhön mit einer Jahresproduktion von gut 600.000 Tonnen.
Noch höher als die erreichten 800 Meter wird es nicht mehr, und das bedeutet ebene oder absteigende Wege bis zum Schluss. Nur wenige Hundert Meter, und das „Ö“ kreuzt die vormalige „Mauer“, von der allerdings hier wie inzwischen über weite Strecken nichts blieb, seit die Initiative „Grünes Band“ die Grenzanlagen entfernen lässt.
Über den Rückbau geraten jedoch Verlauf und Widersinn der Grenze in Vergessenheit. Nicht mehr vorstellbar ist, dass die Gemeinde Birx auf drei Seiten eingeschnürt war. Lediglich ein schmaler, nur für Anwohner zu passierender Korridor verband sie mit dem DDR-Gebiet. Im Widerstehen dürften sie geübt sein. In 750 Meter Höhe herrscht ein raues Klima.
Wie die renovierten Häuser zeigen, harren die Menschen auch heute aus. Wir queren den Ort, vorbei an der neuromanischen Martin-Luther-Kirche von 1870, und verlassen ihn links durch den Hutweg. Außerhalb stößt man wieder auf das zuvor abgebogene „Ö“. Es begleitet lange Lesesteinhalden und weist vor einer ausgedehnten Viehweide in den Querweg rechts.
An das kurz darauf hinzukommende rote M geht dann die Führung bis zum Schwarzen Moor. Es leitet gleich links in den Kolonnenweg mit seinen typischen Gittersteinen zu einem der ehemaligen Wachtürme. Er ist authentisch und darf als „Mahnmal“ stehen bleiben, ergänzt um andernorts abgebaute Grenzsicherungsanlagen.
Wir laufen einige Schritte zurück und biegen mit dem M links in einen begrasten Pfad, den bald ein Bohlensteg aufnimmt. Über 500 Meter entspricht er genau der bayerisch-thüringischen Grenze bis ans Moor, respektive den vorgelagerten Einrichtungen: Touriststelle, Cafeteria und Parkplätze. Nichts deutet mehr darauf hin, dass dort eine Unterkunft des Bundesgrenzschutzes stand und in Sichtweite ein DDR-Posten.
Der Moorzugang liegt jenseits der Straße. Es ist jedoch nicht das markante Steintor, das Besucher mitunter irrtümlich ansteuern. Auch davor verweist nur eine eng beschriebene Tafel darauf, dass es sich um eine Hinterlassenschaft des Reichsarbeitsdienstes aus der NS-Zeit handelt: Das Moor sollte für die Landwirtschaft entwässert werden. Erst als dies Witterung und Bodenverhältnisse vereitelten, erklärte die örtliche NS-Leitung 1939 das Gebiet über 66 Hektar zu einem der frühesten Schutzgebiete der Hochrhön.
Daran änderte sich seither nichts, wohl aber am Aufwand zum Schutz der sensiblen Zone und entsprechender Besucherlenkung. Die Infotafel bietet zwei Rundgänge an – einen kürzeren, etwa einen Kilometer messenden unter Einschluss des 17 Meter hohen Aussichtsturms und einen gut doppelt so langen. Er führt via Bohlenweg durch das von charakteristischer Vegetation geprägte Kerngebiet: Karpatenbirken, Ebereschen, Wollgras, Heidekraut und ein dunkel gefärbtes „Moorauge“, in dem sich die Wolken spiegeln.
Ob kurz oder länger, gegen Ende steht man wieder am Eingangstor. Wir wechseln über die Straße und orientieren uns hinter dem Imbiss, links, an einem regelrechten Zeichen-Baum. Nach einem Kilometer entwirrt sich das Bündel. Hieraus sind, rechts ab, schwarzes B und grüner Tropfen zu wählen. Noch ein Blick zu den höchstgelegenen Rhöngemeinden Birx und Frankenheim, und der Abstieg beginnt. Ihn unterbricht der unscheinbare „Dreiländerstein“, wo Hessen, Thüringen und Bayern an gleicher Stelle zusammentreffen wie im 19. Jahrhundert das Königreich Bayern, das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und das Kurfürstentum Hessen(-Kassel), nachmalig Preußen.
Über der Aussicht ins Ulstertal sollte 300 Meter weiter nicht der unvermutete Rechtsknick in ein Pfädchen verpasst werden, das ab dem Waldende in eine Holperpartie übergeht. Die währt aber nicht allzu lange, und tiefer unten verbindet eine asphaltierte Linkskurve mit der nahen Landstraße. Drüben heißt es unverändert talwärts, fortgesetzt nach dem Rechtsabzweig. Der weist zu einer Rastanlage mit Bänken und einer komfortablen Hütte. Sie gehört der Rhönklub-Ortsgruppe von Seiferts und wird als „Stätte des Vertrauens“ geführt. Sie steht jederzeit offen, und bei Geldhinterlegung darf man sich am Kühlschrank bedienen.
Beim Schlussstück haben wir die Wahl: weiter geradeaus und im Birxgraben zurück oder über den asphaltierten Wirtschaftsweg ab dem genannten Rechtsknick durch almartige Weiden für Rinder und die schwarzköpfigen Rhönschafe.
Anfahrt
Der Ehrenberger Ortsteil Seiferts liegt an der B 278. Ab dem Ende der A 66 am Fuldaer Kreuz (A 7) nördlich über die B 458 gen Hilders oder südlich über Gersfeld (B 279) und weiter über die B 284. Mit Bahn und Bus ist Seiferts auch am Wochenende erreichbar; jeweils via Fulda, werktags über Hilders, sonst Batten oder Gersfeld.
Sehenswert
Im Biosphärenreservat gelingt es, die Anteile von Thüringen, Bayern und Hessen einheitlich zu gestalten und zu verwalten. Eine Wanderung im Dreiländereck umfasst das Charakteristische dieser Region – die frühere deutsch-deutsche Grenze, ein großes Basaltwerk und mit dem Schwarzen Moor eine der „Kernzonen“ der Biosphären-Modellregion.
Einkehren
Cafeteria am Schwarzen Moor (täglich geöffnet)