Deutsche Einheit in Neubrandenburg: Klose ruft zu Zusammenhalt und respektvollem Streit auf
Neubrandenburgs Oberbürgermeister Nico Klose hat am Samstag in der Konzertkirche die Festrede zum Tag der Deutschen Einheit gehalten. Anders als im Vorjahr, als er auf die Friedliche Revolution zurückblickte, richtete er den Blick nach vorn: Er fragte, ob das, was am 3. Oktober 1990 politisch vollzogen wurde, heute den damaligen Erwartungen entspricht. Einheit heiße aus seiner Sicht vor allem Zusammenhalt und die Fähigkeit, trotz unterschiedlicher Ansichten gemeinsam zu handeln.
Klose erinnerte daran, dass Neubrandenburg als ehemalige Bezirksstadt der DDR einst mehr als 90.000 Einwohner hatte. Viele Menschen hier wüssten, wie tiefgreifend sich ein Leben, eine Stadt und eine ganze Region verändern könnten. Nach 1990 hätten viele ihren Beruf neu finden und sich in einer anderen Wirklichkeit zurechtfinden müssen. Diese Leistung verdiene Anerkennung, auch wenn sie oft lautlos erbracht worden sei.
Streit gehöre zur Demokratie, sagte Klose. Entscheidend sei, wie gestritten werde: ob man dem Gegenüber noch einen guten Grund für seine Sicht zugestehe und ob man nachfrage, bevor man urteile. „Der politische Gegner ist deshalb nicht automatisch ein Feind.“ Wo aus Widerspruch Verachtung werde, gerate die demokratische Kultur in Gefahr.
Klose sieht Teil der Gesellschaft nicht gehört
Oberbürgermeister Nico Klose während der Festrede in er Konzertkirche.
© Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg/Reiko Zunk
Ein beachtlicher Teil der Gesellschaft fühle sich nicht ausreichend gehört, so der Oberbürgermeister. Als Beleg führte er die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen an; dies war ausdrücklich seine persönliche Einschätzung. Debatten seien härter geworden, die Sprache oft weniger von Respekt als von Abgrenzung geprägt. Diese Entwicklung solle man als Anlass zum Gegensteuern verstehen, nicht als Grund, Probleme zu verschweigen.
„Demokratie ist anstrengend“, sagte Klose. Sie verlange Kompromisse und Geduld und beginne nicht in Parlamenten, sondern im Alltag: am Küchentisch, im Verein, am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Nachbarschaft. Freiheit bedeute zugleich Verantwortung, auch dafür, die Demokratie zu schützen. Mit Blick auf Krieg in Europa und auf Staaten ohne freie Wahlen und unabhängige Presse sei das keine Selbstverständlichkeit.
Konzertkirche und Philharmonie als Sinnbilder
Den Veranstaltungsort bezog Klose in seine Rede ein. Die Konzertkirche, einst eine im Krieg schwer zerstörte Kirche und über Jahrzehnte eine Ruine, sei heute ein Ort der Begegnung und stehe für Wandel und Neuanfang. In diesem Jahr besteht sie nach seinen Angaben seit 25 Jahren. Die Neubrandenburger Philharmonie, die laut Klose hinter ihm saß, feiert 2026 ihr 75-jähriges Bestehen.
Ein Orchester sei für ihn ein Bild für Demokratie und Zusammenleben: Nicht alle Instrumente klängen gleich, erst aus den unterschiedlichen Stimmen entstehe Musik. Zu Beginn hatte Klose Gäste aus der polnischen Partnerstadt Koszalin auf Polnisch begrüßt. In seiner Anrede nannte er unter anderem den Stadtpräsidenten, Landtagsabgeordnete, den Bürgerbeauftragten des Landes Mecklenburg-Vorpommern und den Landrat.
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