AfD und Koalitionsfragen: "Deutschland spricht" am Berliner Hauptbahnhof
Können wir eigentlich noch miteinander reden? Eine Frage, die man sich dieser Tage immer wieder stellt. Hört man den Menschen zu, die am Sonntag bei dem politischen Datingformat „Deutschland spricht“ am Berliner Hauptbahnhof miteinander ins Gespräch kamen, lautet die Antwort ganz klar: Ja – es braucht nur mehr Empathie.
Das findet zumindest Jonathan Poitz. Seiner Meinung nach sei der gemeinsame Austausch in einer Gesellschaft etwas, was viele noch lernen müssten. „Auch ich“, sagt er. „Mein Gegenüber hatte eine andere Meinung als ich und das war auch okay so“, erzählt der Sechsunddreißigjährige nach seinem Austausch über seinen Gesprächspartner. „Wir müssen nicht immer gleich aufeinander losgehen“, so Poitz. Er kommt aus Eberswalde und kam unangemeldet zum Stand, weil er den Austausch mit Fremden schätze.
Es gibt sie also noch, die Menschen, die den respektvollen Austausch miteinander suchen. Die Lust haben, sich mit einer ihnen zuvor unbekannten Person zu einem Vieraugengespräch zu treffen oder einfach ihre Meinung zu teilen. In diesem Jahr können sich die Gesprächspaare erstmals auch an zentralen Orten treffen, wie dem Berliner Hauptbahnhof. Initiiert wurde das Projekt 2017 von der ZEIT. Die F.A.Z. ist dieses Jahr zum sechsten Mal als Medienpartner dabei. Zusammengeführt hat die Paare ein Algorithmus, der allein über den Dissens entschied, wer miteinander diskutiert – unabhängig von Herkunft, Alter oder Geschlecht. Aber auch spontane Diskussionen kamen am Berliner Hauptbahnhof zustande.
Begegnungen, auf die es gerade jetzt ankommt, zu einer Zeit, in der die Polarisierung auf dem Höhepunkt scheint und die Angst vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft immer größer wird. Am kommenden Sonntag, den 6. September, wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die AfD könnte stärkste Kraft werden, womit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine vom dortigen Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Partei die Regierung stellen könnte.

Die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist am Debattentag ein viel besprochenes Thema, das immer wieder auf den Tisch kommt. Oder die Menschen zum Anhalten bewegt, wie Björn Resener. Er blieb am Stand stehen, um ein Foto für seinen Freund zu machen, der am Vorabend mit einem Taxifahrer über ebenjene Landtagswahl diskutierte. Resener selbst hielt sich aus der Diskussion raus. Am Sonntag war er es, der mit einer klaren Meinung ins Gespräch ging. Zwar nicht zur Landtagswahl, aber zum Arbeitsverhalten der Deutschen: „Es gibt gar nicht genug Arbeit für alle“, sagt der dreiundvierzigjährige Gewerkschafter. Er geht noch weiter: „Ich finde eine Debatte darüber, dass zu wenig gearbeitet wird, völlig fehl am Platz“, so Resener, der seit zwölf Jahren in Zürich lebt. Was die Zukunft Deutschlands betrifft, antwortet er zögerlich. Nach einer längeren Pause sagt er schließlich: „Ich wünschte, ich könnte optimistisch in die Zukunft blicken, aber ich weiß es einfach nicht.“
„Vielleicht kann Frau Schwesig noch mal ihren Charme spielen lassen“
Grundlage der Debatten sind acht Fragen zu kontroversen Themen. Zum Beispiel: Hat Deutschland zu viel Zuwanderung? Sollte Deutschland Social Media für unter Sechszehnjährige verbieten?
Oder: Sollten Parteien grundsätzlich offen für alle Koalitionen sein? Eine Frage, die unter den Teilnehmenden zu großer Mehrheit mit „Nein“ beantwortet wurde. „Ich finde es total legitim zu sagen, mit der oder jener Partei koalieren wir nicht und das den Wählern dann auch zu sagen“, findet Björn Resener.
Ähnlich sieht es Lisa Szymanski. Die Neunundzwanzigjährige kam gezielt zur Debattenaktion, von der sie auf Instagram erfuhr. In einer möglichen Koalition mit der AfD sehe sie Gefahren für die Gesellschaft. „Die AfD-Wähler sollten sich mal mit dem Wahlprogramm auseinandersetzen und was das für sie bedeuten würde“, sagt die Lehrerin. „Ich hoffe, dass alle Menschen nach oben schauen, um zu sehen, welche Gesellschaftsschicht welchen Einfluss hat und wieso.“ Doch ihr bereiten nicht nur die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt Sorgen, sondern ebenfalls die in Mecklenburg-Vorpommern. Auch dort wird Ende September ein neuer Landtag gewählt. „Bei uns ist die AfD zwar noch nicht bei 40 Prozent, aber vielleicht kann ja Frau Schwesig noch mal ihren Charme spielen lassen,“ hofft Szymanski, die gebürtig von der Insel Rügen stammt und seit 2015 in Rostock wohnt.

Christian Skudlik hat einen anderen Blickwinkel auf die Frage, ob Parteien grundsätzlich offen für alle Koalition seien sollten: „Die AfD ist ja nicht verboten. Deswegen wäre es der demokratische Prozess.“ Über die sogenannte Brandmauer spricht Skudlik mit seinem Gesprächspartner Dirk Kaesler länger. „Unser demokratisches System ist nur dann gut und auch schützenswert, wenn es eine Koalition mit der AfD aushält,“ sagt Software-Entwickler Skudlik, auch wenn ihm die Vorstellung Sorgen bereite. Kaesler reagiert darauf, dass eben eine solche wehrhaftige Demokratie nicht bei allem mitmachen müsse. Der emeritierte Universitätsprofessor mahnt an die deutsche Geschichte. „Die AfD macht ja kein Hehl daraus, was sie vorhaben. Wollen wir solche Leute an die Macht kommen lassen?“ Skudlik stimmt Kaesler zu, er sieht das Risiko, das mit einer AfD-Regierung einhergehen würde, ebenfalls sehr kritisch. Doch appelliert Skudlik abermals daran, „das Vertrauen in unsere demokratieschützenden Institutionen zu wahren.“

Spontan an der Debattenaktion kam auch Laura Ahrens mit ihrem Freund vorbei. Beide stammen ursprünglich aus Hannover, aktuell macht Ahrens in Berlin eine Ausbildung in einem Krankenhaus. Gemeinsam waren sie auf dem Weg in ein Frühstückscafé. Zeit für ein kurzes Gespräch nahmen sie sich trotzdem gerne. Die 23-Jährige beschäftigt derzeit vor allem die Social-Media-Debatte und ob ein Verbot für unter Sechszehnjährige sinnvoll wäre. „Die Welt ist einfach viel zu böse geworden“, so Ahrens, die Social Media-Nutzung ohne Einverständnis der Eltern schwierig findet. „Social Media hat zu viel Einfluss und prägt einen sehr. Mehr Einschränkungen wären dahingehend gut“, findet die junge Auszubildende.

Für ihren Freund Jan-Lucas Barkam hingegen, ist ebenfalls die Wahl in Sachsen-Anhalt ein Thema. Er befürchte, dass viele an dem Tag Entscheidungen treffen, die sie später mal bereuen werden. Beide haben vor nächstes Jahr nach Portugal auszuwandern. Barkam möchte dann erstmal als Barkeeper arbeiten. Das sei laut dem Sechsundzwanzigjährigen aber keineswegs eine Entscheidung gegen Deutschland: „Ich bin nicht unzufrieden mit der deutschen Politik“. Vielmehr wollten sie mal was anderes kennenlernen, sagt das junge Paar.
Zeit nehmen für einen interessierten Austausch
Es ist trubelig in der offenen Bahnhofshalle. Umherfahrende Rollkoffer und Zugdurchsagen bilden die Geräuschkulisse. Trotzdem wird am Stand angeregt miteinander diskutiert. Teilweise entstehen stundenlange Gespräche, wie bei Robert Dölling und Jens Hanfe.

Dölling und Hanfe beantworteten im Vorfeld alle acht Fragen konträr. Insgesamt zwei Stunden sprechen sie nun am Sonntag miteinander. Es war ein sehr gutes, produktives Gespräch“, sagt Dölling am Ende. Er ist in Berlin als Jurist im Bundesrat tätig.
Entscheidend für den konstruktiven Austausch war für Hanfe ihr Altersunterschied. „Die Generationenfrage spielt bei der Beantwortung der Fragen durchaus eine Rolle“, so der Siebenundfünfzigjährige, der bereits zum zweiten Mal bei „Deutschland spricht“ teilnimmt. Sein einundvierzigjähriger Gesprächspartner Dölling stimmt ihm zu. Vielleicht ist es aber auch eine Frage der Einstellung, wie man in so eine Diskussion reingeht. Beide haben sich extra viel Zeit für den Tag genommen, um ausgeruht die Sichtweise des anderen kennenzulernen. Da zeigt die Debatte mal wieder, was sie im Kern ausmacht: Widerspruch muss nicht zwangsläufig in Eskalation enden.