Deutschlandfunk: Der lange Marsch in die Irrelevanz
Als ich Anfang des Jahres 2024 davon hörte, dass in der Programmdirektion des Deutschlandfunks an einer Programmreform gearbeitet wird, zuckte ich kurz die Schultern. Powerpoint-Folien mit den üblichen ÖRR-Bingo-Wörtern werden gern auf dem Sonnendeck des Senders herumgereicht. Als ich zu gleicher Zeit die ersten Eckpunkte dieser Programmreform zu Gesicht bekam, war ich schlichtweg entsetzt: Von der „Durchhörbarkeit“ des Programms war die Rede. Also gefälliges Geplapper statt Information.
Podcasts statt Magazinsendungen – so lautete eine Losung, die damals die Runde machte. Den eigensinnigen Mitarbeitern in den Fachredaktionen müsse man mal zeigen, wo der Hammer hänge, so wurde es kolportiert. Man wolle der Digitalisierung gerecht werden, hieß es. Nur wusste schon damals niemand auf der DLF-Brücke, was unter Digitalisierung genau zu verstehen sei. Der „Redakteur am Mikrofon“, der eine Sendung moderiert, sollte vom „Host“ abgelöst werden. Das sei modern, hieß es damals. Senden am Informationsminimum.
Nicht einmal Belege von Correctiv wurden eingefordert
Ich habe vor zwei Jahren den DLF-Kollegen gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass ich das alles für völlig unausgegorenes Zeug hielt. Stattdessen sprach ich mich für eine effiziente Reform aus, um die ideologischen Einseitigkeiten aufzubrechen, die verstärkt seit 2020 in den Funkhäusern in Berlin und Köln Einzug gehalten hatten. Ich sprach mich dafür aus, sich wieder auf journalistische Standards und Kenntnisse der journalistischen Stilformen zu besinnen. Es könne doch nicht sein, dass ein von Autoren des Correctiv-Kollektivs am 10. Januar 2024 vorgelegtes Stück mit seinen Akten und Szenen flächendeckend im Berliner wie im Kölner Funkhaus nicht als Drama erkannt worden sei.
Stattdessen sei in vielen Beiträgen und Sendungen von einem Bericht gesprochen worden. Die Spekulationen über das Treffen in Potsdam wurden als Tatsachenbehauptungen verkündet. Erforderliche Gegenrecherchen wurden nicht gemacht. Nicht einmal Belege von Correctiv wurden eingefordert. Da müsste die Programmdirektion einsetzen. Hier müsste dringend reformiert werden. Das meinte ich vor zwei Jahren. Das meine ich auch heute noch.
CC BY 3.0/Alexander Klink
Unser Autor
Peter Welchering, 65, aus Niedersachsen, ist einer der wenigen Journalisten in Deutschland, die als langjährige freie Mitarbeiter Missstände im öffentlich-rechtlichen Fernsehen beklagen. Er ist Wissenschafts- und Technikautor, hat lange für diverse Medien, unter anderem das ZDF und den Deutschlandfunk, gearbeitet, war im Presserat und unterrichtet Nachwuchsjournalisten. 2024 hat er das „Manifest für einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland“ unterschrieben.
Jetzt aber soll eine ganz andere Programmreform zum 30. November 2026 greifen. Das Konzept sieht vor, dass die Morgensendung um eine Stunde nach hinten verlegt wird. Am Vormittag soll es dann sogenannte Mitmachsendungen geben, die von einer eigenen Dialogredaktion betreut werden. Die halbstündigen Fachsendungen am Nachmittag werden abgeschafft. Ab 17:00 Uhr soll die „Drive Time“ dann den von der Arbeit nach Hause fahrenden Menschen nahebringen, was am Tag wichtig war.
Über den Tag verteilt sollen drei Hintergrundsendungen von 20-minütiger Dauer gesendet werden, die monothematisch aufgestellt sein werden. An diesem Sendekonzept wurde viel Kritik geäußert – intern und extern. Der Hauptkritikpunkt dabei: Der Deutschlandfunk schafft den Fachjournalismus ab. Matthias Gierth, Hauptabteilungsleiter Kultur, hat diese Kritik aufgenommen. Am „Tag der Expertise“, den die Vertretung der freien Mitarbeiter des DLF am 16. Juli 2026 im Kölner Funkhaus veranstaltete, betonte er immer wieder, wie wichtig ihm und dem DLF die Fachredaktionen seien. Im DLF solle auch weiterhin Fachjournalismus stattfinden. Nur wie? Das blieb unklar.
Warnlampe bei den Radiomachern
© IMAGO/Hans Scherhaufer
Entsprechende Nachfragen ließ Gierth unbeantwortet. Die geplanten neuen Abläufe im Funkhaus entlarven Gierths häufige Nutzung des Präfixes „Fach“ (Fachjournalismus, Fachredaktionen, Fachexpertise) als reines Wortgeklingel. Die Programmmitarbeiter haben sich davon auch weder beeindrucken noch beruhigen lassen. Die kontinuierliche Berichterstattung in den Fachmagazinen sorgte bisher dafür, dass die DLF-Fachjournalisten ein Thema über lange Zeit verfolgen und darüber berichten konnten.
Genau diese Fachmagazine werden jetzt abgeschafft. Wo bisher Fachredaktionen für ihre Fachmagazine eigenständig das Programm geplant haben, soll demnächst top-down vom Planungstisch durchregiert werden. Ich will das mal am Beispiel der Berichterstattung über Künstliche Intelligenz erläutern. Denn darüber habe ich 30 Jahre lang im Deutschlandfunk intensiv und immer wieder berichtet. Ich besuchte wissenschaftliche Konferenzen und berichtete dann in einer Fachsendung über neue Forschungsergebnisse und kontroverse Diskussionen unter den KI-Entwicklern.
Digi-Tal der Ahnungslosen
Das waren mitunter ausgesprochen komplexe Themen, da musste viel erklärt, natürlich auch vereinfacht werden. Dafür habe ich Wissenschaftler interviewt. Nicht nur, um von ihnen zu lernen, sondern auch, um gut verständliche und nachvollziehbare Erklärungen von ihnen zu bekommen. Mit diesen O-Tönen in gebauten Beiträgen konnte man viel vermitteln, eine große Zahl an Hörern erreichen, die sich durch diese Wissenschaftler-Statements gut informiert sahen. Sehr viele Hörerzuschriften haben das bestätigt.
Mit dem auf diesen Konferenzen erworbenen Wissen waren die DLF-Fachjournalisten dann aber auch in der Lage, auf aktuelle Ereignisse schnell zu reagieren. Da wurde im Jahr 2017 etwa am Berliner Südkreuz Gesichtserkennung mit KI-Werkzeugen erprobt. Ein hintergründiger Bericht dazu wurde noch in der Frühsendung am gleichen Tag präsentiert. Denn dazu konnten wir auf die letzten zwei oder drei Konferenzen zurückgreifen, schlugen noch mal schnell in dem einen oder anderen wissenschaftlichen Paper zum Thema nach.
Mit einem Vorlauf von nur wenigen Stunden ließ sich dann erklären, wie Gesichtserkennung arbeitet, welche Fehler sie macht, wie Kriminelle sie austricksen können und welche Datenschutzrisiken ihr Einsatz birgt. Künftig wird es solche regelmäßigen Berichte von wissenschaftlichen Konferenzen nicht mehr geben. Denn die entsprechenden Sendeplätze in einer Fachsendung gibt es nicht mehr. Für eine Aktuell-Sendung reicht der Nachrichtenwert einer wissenschaftlichen Konferenz aber in der Regel nicht aus.
KI-Gesichtserkennung
© Sven Hoppe
Eine monothematische Sendung lässt sich im Vorfeld einer solchen Konferenz auch nicht ausrichten. Viele Beitragsideen und mitunter eine ganze Themenfindung ergeben sich auch erst im intensiven Gespräch mit den Wissenschaftlern auf der Konferenz. Die Konsequenz wird sein: Der – in der Regel freiberuflich arbeitende – Fachjournalist besucht solche wissenschaftlichen Konferenzen nicht mehr regelmäßig. Denn wenn er nicht darüber berichten kann, verdient er auch kein Geld.
Das gilt nicht nur für das Themenfeld Künstliche Intelligenz, sondern auch für andere wissenschaftliche Themen, sogar für die unterschiedlichen Politikfelder. Stattdessen sollen mehr Podcasts gesendet werden. Die DLF-Hierarchen geben sich nämlich der Hoffnung hin, dass mit Podcasts junge Menschen erreicht werden können, mit Radio angeblich ja nur noch die über 70-jährigen. Empirisch belegen lassen sich solche Thesen, wie sie auf dem DLF-Sonnendeck herumgereicht werden, nicht.
Mit der beim DLF jetzt angestrebten Podcastisierung unterhält sich ein Host mit seinen Gästen, wie sie sich bei einem bestimmten Thema fühlen. Eine Podcast-Produktion ist zudem in der Regel deutlich billiger als die Produktion eines halbstündigen Fachmagazins. Für das Fachmagazin müssen Fachjournalisten Fachleute interviewen, sie in ihren Labors oder anderen Arbeitsstätten aufsuchen. Auf der Basis werden Manuskripte erstellt. Die werden unter den beteiligten Fachjournalisten diskutiert, oftmals verbessert. Erst dann wird produziert.
Zwar betonen sowohl die Programmdirektorin des DLF, Jona Teichmann, als auch die neu installierte Chefredakteurin Susanne Schwarzbach, dass Kosteneinsparungen die Programmreform nicht motiviert hätten. Gleichzeitig verweisen sie aber darauf, dass es für die vorgesehenen Digitalisierungsprojekte kein Extrageld aus den Rundfunkbeiträgen gebe. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs wolle das nicht.
Journalismus auf dem Weg in den Niedriglohnsektor
Der „Redakteur am Mikrofon“ hat also ausgedient, sprich: Viele Fachjournalisten, die bisher Fachsendungen moderiert haben, werden eingespart. Podcasts brauchen keine Fachjournalisten. Angelernte Kräfte tun es da auch. Und die sind billiger. Deshalb fürchten jetzt zahlreiche Kollegen um ihre Zukunft beim Deutschlandfunk. Sie werden weniger beschäftigt oder arbeitslos. Damit haben die Kollegen die DLF-Hierarchen im Laufe der Reformdiskussion natürlich auch konfrontiert.
Die Antwort der Programmdirektorin Jona Teichmann am 16. Juli 2026 auf diese Fragen und Befürchtungen war zumindest ehrlich: „Ja, das mit dem Geld kann ich Ihnen natürlich nicht garantieren, weil Sie alle, das brauche ich Ihnen nicht zu erläutern, freie Unternehmer sind.“ Falsch, Frau Teichmann! Denn feste freie Mitarbeiter nach Paragraph 12a des Tarifvertrags sind gar nicht so richtige Unternehmer, allenfalls Scheinselbständige. Das hat die Politik so gewollt. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat das bisher kräftig ausgenutzt mit seinen prekären Arbeitsverhältnissen.
Insbesondere Kollegen, die 20 oder 30 Jahre für den Deutschlandfunk gearbeitet haben und nun sehen, dass ihre fachjournalistische Expertise nach der Programmreform nicht mehr gebraucht wird, wollen nicht zulassen, dass sich die Programmdirektorin so billig aus der Verantwortung stiehlt. Doch Jona Teichmann, die vor einigen Jahren auch beim Westdeutschen Rundfunk schon den Abbau des Fachjournalismus wesentlich mitgestaltet hat, hat da einen Tipp für die Kollegen und trug den auch voller Selbstbewusstsein am 16. Juli vor: „Mein Rat als Kollegin ist immer: ein bisschen diversifizieren.“
Redaktionsleiter und Abteilungschefs würden sogar virtuelle Sprechstunden dafür anbieten. Da könnten betroffene Freie ja einen Termin buchen. Den Fachjournalisten soll also beim Offboarding mit einer aufmunternden kollegialen Ansprache vom Sonnendeck geholfen werden – ganz prima. Content-Kaspereien statt Fachjournalismus Wer an Bord des reformierten DLF bleiben darf, der wird das machen, was am sogenannten Planungstisch entschieden wird.
Zunächst wurde vom Sonnendeck die Botschaft verkündet, die Fachjournalisten könnten da ja um ihren Beitrag pitchen. Doch nach erheblicher Kritik an dieser Methode der Beitragsauswahl, die doch wohl eher in die Werbebranche passe, wurde „pitchen“ rasch zum Unwort erklärt. Stattdessen erklärte Hauptabteilungsleiter Gierth, die Fachjournalisten könnten ja mit ihren Themen für einen Sendeplatz in den Informationssendungen beim Planungstisch vorstellig werden. Wer da genau am Planungstisch sitzen soll, nach welchen Kriterien dort Themen und Beiträge ausgewählt werden sollen, wissen die Sonnendeck-Bewohner des DLF noch nicht.
Jona Teichmann, Programmdirektorin des Deutschlandradios
© IMAGO/Guido Schiefer
Aber machen wollen sie es trotzdem ab dem 30. November. Eines steht schon heute fest: Vom Planungstisch aus kann besser durchregiert werden, was gesendet wird. So bleiben bei dieser Reform viele Fragen unbeantwortet: die nach Auswahlkriterien, die nach journalistischen Standards, die nach der ominösen Digitalisierung, die ja die Reform so nötig macht – angeblich. Mir ist bei allen diesen Veranstaltungen, in vielen Gesprächen vor allen Dingen eines aufgefallen: Wenn ich mit Führungskräften des öffentlich-rechtlichen Hörfunks nicht über Auswahlkriterien, Standards oder Digitalisierungsprozesse diskutieren kann, weil inhaltlich von diesen hochbezahlten Führungskräften nichts kommt, dann kann eine Reform nicht gelingen.
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