Deutschlands Gasspeicher nur halb voll – diese Rechnung für den Winter alarmiert
Stand: 22.08.2026, 13:49 Uhr
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Deutschlands Gasspeicher sind erst zu rund 50 Prozent gefüllt. Eine Expertin erklärt, warum Deutschland im Winter deutlich höhere Preise für Gas drohen könnten.
München – Deutschlands Gasspeicher sind ungewöhnlich leer – und die Zeit bis zum Winter wird knapp. Um das für Anfang November angestrebte Füllniveau noch zu erreichen, müsste Deutschland in den kommenden Wochen fast dreimal so viel Gas pro Tag einspeichern wie im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre. Das geht aus Berechnungen der Preisberichtsagentur Argus Media hervor, die Ippen.Media vorliegen.
Gleichzeitig sind die europäischen Gaspreise kräftig gestiegen. Argus bewertete den europäischen Referenzpreis TTF für den Frontmonat zuletzt mit 63,77 Euro je Megawattstunde. Damit bewegte er sich auf dem höchsten Niveau seit Januar 2023.
Hinter dem Preissprung steckt vor allem die Krise im Nahen Osten. Der Verkehr durch die Straße von Hormus ist stark eingeschränkt. Europa muss deshalb verstärkt mit asiatischen Abnehmern um Flüssigerdgas (LNG) konkurrieren.

Gasspeicher in Deutschland nur zu 50 Prozent gefüllt
Besonders angespannt ist die Ausgangslage in Deutschland. Die deutschen Speicher seien derzeit nur zu rund 50 Prozent gefüllt, sagt Natasha Fielding, leitende Expertin für LNG- und Gasmärkte bei Argus Media. Bis zu dem von Argus zugrunde gelegten Gesamtwert von rund 70 Prozent Anfang November fehlten damit noch 49 Terawattstunden Gas.
Um diese Lücke zu schließen, müsste Deutschland in den kommenden gut zwei Monaten durchschnittlich 670 Gigawattstunden Gas pro Tag einspeichern.
„Die Einspeicherung müsste im Durchschnitt 670 Gigawattstunden pro Tag erreichen, damit Deutschland sein Ziel schafft“, sagt Fielding. Das wäre fast dreimal so viel wie im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre in diesem Zeitraum. Im bisherigen August lag die Einspeicherung dagegen lediglich bei rund 425 Gigawattstunden täglich.
Hinter dem Gesamtwert von rund 70 Prozent stehen unterschiedliche gesetzliche Vorgaben für einzelne Speicheranlagen. Für die meisten deutschen Gasspeicher gilt zum 1. November ein Mindestfüllstand von 80 Prozent. Für die Speicher Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen sind dagegen 45 Prozent vorgeschrieben. Die Sonderregelung gilt noch bis Ende März 2027.
Gaspreis könnte im Winter weiter deutlich steigen
Ein niedriger Speicherstand bedeutet nicht automatisch, dass Deutschland im Winter das Gas ausgeht. Er macht das Land jedoch stärker von laufenden Importen abhängig – und damit anfälliger für Preissprünge auf dem internationalen LNG-Markt.
„Wenn die Straße von Hormus in diesem Winter faktisch geschlossen bleibt, drohen Europa Preisspitzen, wenn es sich bei starker Konkurrenz aus Asien knappe LNG-Ladungen sichern muss“, warnt Fielding.
Europa könnte dann gezwungen sein, höhere Preise zu bieten, damit LNG-Ladungen nach Europa verkauft werden und nicht nach Asien gehen. Fielding hält einen weiteren deutlichen Anstieg des TTF-Preises bei länger anhaltenden Einschränkungen in der Straße von Hormus für möglich. Eine konkrete Preisprognose gibt sie allerdings nicht.
Eine Wiederholung der extremen Preise aus der Gaskrise 2022 hält die Expertin derzeit für „höchst unwahrscheinlich“. Damals schossen die Großhandelspreise zeitweise auf ein Vielfaches des heutigen Niveaus.
Deutschland zahlt beim Gas bereits einen Aufschlag
Deutschland hat dabei einen zusätzlichen Nachteil gegenüber einigen europäischen Nachbarn. Argus bewertete den deutschen Gas-Winterkontrakt für 2026/27 am 20. August mit einem Aufschlag von 1,45 Euro je Megawattstunde gegenüber dem niederländischen TTF-Markt. Gegenüber dem französischen Markt betrug der Aufschlag sogar 2,72 Euro je Megawattstunde.
Gemessen am gesamten Gaspreis sind das nur wenige Prozent. Auf dem Großhandelsmarkt sei der Unterschied aber durchaus beträchtlich, erklärt Fielding.
Als einen Grund nennt sie ausgerechnet die deutsche LNG-Infrastruktur. Deutschland hat nach dem weitgehenden Ausfall russischer Gaslieferungen in kurzer Zeit mehrere Terminals aufgebaut und damit seine Importmöglichkeiten deutlich erweitert.
Doch die Nutzung der Anlagen ist vergleichsweise teuer. „Deutschlands LNG-Terminals gehören zu den teuersten in Europa“, sagt Fielding. Deshalb sei es für Deutschland schwieriger, LNG-Ladungen anzuziehen, bevor diese in nahe gelegene Märkte geliefert werden.
Hoher Gaspreis könnte deutsche Industrie zusätzlich belasten
Für die deutsche Wirtschaft könnte ein anhaltender Preisanstieg noch eine weitere unangenehme Folge haben. Wenn Europa bei einem kalten Winter mit Asien um knappes LNG konkurrieren muss, wären nach Einschätzung Fieldings hohe Preise nötig, um kurzfristig zusätzliche Lieferungen nach Europa zu locken.
Genau diese Preise könnten jedoch gleichzeitig dafür sorgen, dass Unternehmen ihren Gasverbrauch reduzieren.
Das würde zwar helfen, Angebot und Nachfrage auf dem Gasmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Für die Industrie und die Konjunktur wäre es allerdings schmerzhaft. Bereits nach der Energiekrise 2022 blieb der europäische Gasverbrauch dauerhaft unter dem Niveau der vorherigen Jahre. Dazu trugen neben Einsparungen und Effizienzmaßnahmen auch Produktionsrückgänge in energieintensiven Branchen bei.
Was steigende Gaspreise für Verbraucher bedeuten
Für private Haushalte kommen steigende Großhandelspreise dagegen nicht zwangsläufig sofort auf der Rechnung an. Wie schnell Verbraucher höhere Preise spüren, hängt wesentlich vom Vertrag und von der Einkaufsstrategie ihres Versorgers ab.
„Haushalte werden die Auswirkungen höherer Großhandelspreise mit Verzögerung spüren“, sagt Fielding. Kunden mit variablen Tarifen seien früher betroffen. Versorger, die einen großen Teil ihres Gasbedarfs langfristig abgesichert haben, könnten ihre Tarife dagegen länger stabil halten.
Das bedeutet: Selbst wenn der TTF-Preis längere Zeit auf hohem Niveau bleibt, müssen nicht sämtliche Gaskunden unmittelbar mit deutlich höheren Abschlägen rechnen. Je länger hohe Großhandelspreise jedoch anhalten, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie nach und nach auch in neuen Tarifen und Preisänderungen der Versorger ankommen.
Gaskrise 2026: Warum die Lage nicht mit 2022 vergleichbar ist
Trotz der Risiken ist Europas Ausgangslage heute in mehreren Punkten besser als während der Energiekrise 2022. Die europäischen LNG-Importkapazitäten wurden erheblich ausgebaut. Gleichzeitig liegt der Gasverbrauch unter dem Vorkrisenniveau. Hinzu kommen zusätzliche LNG-Exportkapazitäten insbesondere in Nordamerika.
„Die Herausforderung besteht heute nicht mehr in erster Linie in fehlender Importinfrastruktur, sondern darin, genügend LNG zu einem wettbewerbsfähigen Preis anzuziehen“, erklärt Fielding.
Auch Deutschland verfügt heute über deutlich mehr alternative Importmöglichkeiten als zu Beginn der Gaskrise. Die Bundesnetzagentur weist in ihrer aktuellen Lagebewertung darauf hin, dass fehlende russische Gasmengen über alternative Versorgungswege und den Weltmarkt kompensiert werden können. Deutschland befindet sich seit Juli 2025 in der Frühwarnstufe des Notfallplans Gas.
Entscheidend könnte deshalb werden, wie lange die Krise im Nahen Osten anhält – und wie kalt der kommende Winter wird. Ein besonders ungünstiges Szenario wäre laut Fielding, wenn der LNG-Verkehr durch die Straße von Hormus auch während des Winters stark eingeschränkt bliebe und gleichzeitig ein kalter Spätwinter die Nachfrage in Europa und Asien nach oben treiben würde.
Dann müssten beide Regionen aggressiver um die verfügbaren LNG-Ladungen konkurrieren. Für Deutschland wäre das aufgrund der niedrigen Speicherstände besonders unangenehm: Gas wäre voraussichtlich weiterhin verfügbar – aber möglicherweise zu einem erheblich höheren Preis.
Bildunterschrift: Deutschlands Gasspeicher sind derzeit nur etwa zur Hälfte gefüllt. Eine Expertin von Argus Media warnt vor erheblichen Preisrisiken im kommenden Winter. (Quellen: Argus Media / Natasha Fielding (Antworten auf Anfrage unserer Redaktion, August 2026); Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland; Bundesministerium der Justiz/Bundesamt für Justiz: Gasspeicherfüllstandsverordnung (GasSpFüllstV))