Friedrich Merz beim Deutschlandtag: Junge Union fordert Reformen

Wenn Liebe enttäuscht wird, kann die Reaktion heftig ausfallen. Das musste Friedrich Merz beim Deutschlandtag der Jungen Union im vergangenen Jahr erfahren. Wie aber findet man zusammen, wenn die Erkenntnis eingesetzt hat, dass es ohneeinander nicht geht, zumindest vorerst? Der Versuch ließ sich auf dem Treffen der Jungen Union am Wochenende beobachten. Und weil man bei der CDU-Jugendorganisation Freude daran hat, die gewünschten Botschaften nicht nur mit Anträgen und Reden zu setzen, sondern schon bei der Einmarschmusik der Parteiprominenz, sei hier erwähnt: Am Samstag kommt der Kanzler in die Halle des World Conference Centers in Bonn zu einem Lied, in dem auf Englisch gesungen wird: „Wir halten zusammen, auch wenn es stürmisch wird.“

Zusammen hält man aber vor allem in der Erwartung, dass jetzt die Reformen kommen. Und bei der Empörung über das, was sich gerade in Berlin als Koalition zusammenfindet. Für die Bundesregierung allerdings dürften die Zeiten damit noch stürmischer werden. Denn am Sonntagmorgen beschließen die Delegierten spontan und einstimmig einen Antrag, der „die politische und gesellschaftliche Ächtung des Kulturbruchs einer Koalition mit Extremisten durch SPD und Grüne“ fordert.

Einer fordert Merz zum Rücktritt auf

Der CDU-Vorsitzende Merz ist zum zweiten Mal als Kanzler zum Deutschlandtag der Jungen Union gekommen, und vieles erinnert an 2025 – die Unzufriedenheit mit seiner Regierung unter der Parteijugend etwa, und wieder geht es auch um die Rente. Während Merz allerdings damals den Kompromiss mit der SPD zum Rentenniveau gegen den Widerstand der Parteijugend verteidigen musste und der Unmut über ihn sehr groß war, ist man sich dieses Mal eigentlich einig: Das Rentenpaket soll gegen die bremsende SPD schnell und vollständig beschlossen werden. Die Stimmung bleibt trotzdem angespannt. Als ein Delegierter Merz auffordert, seinen Rücktritt einzureichen, trifft das zwar auf Unverständnis in der Halle und an der Spitze der Jugendorganisation. Doch so wird in Bonn auch deutlich, dass die Ungeduld der Jugendorganisation mit ihren gut 90.000 Mitgliedern wächst.

Bei einer Abstimmung auf dem Deutschlandtag der JU in Bonn am 17. Oktober 2026
Bei einer Abstimmung auf dem Deutschlandtag der JU in Bonn am 17. Oktober 2026Alina Vogelsang

Friedrich Merz weiß das natürlich. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr hat er sich dieses Mal schon vorher mit dem Nachwuchs besprochen. In kleiner Runde mit dem JU-Vorsitzenden Johannes Winkel, und auch mit der Jungen Gruppe der Bundestagsabgeordneten. Schon bei seiner Regierungserklärung hatte der Kanzler die Generationengerechtigkeit als ein zentrales Motiv ausgemacht für seinen Kurs, und auch in Bonn spricht er davon und reist gleich einmal in die Zukunft, ins Jahr 2040: Er wolle, sagt Merz vor den Delegierten, dass diese Generation dann sagen könne, sie sei stolz auf Deutschland, man lebe in einem freien Land, einem freien Europa. Es sei das Zukunftsbild, an dem man arbeiten müsse. Auch viel Lob für die JU spricht er aus, unter anderem für deren Arbeit zur Rente.

An der schwierigen Ausgangslage ändert das wenig. Die schlechten Ergebnisse bei den Landtagswahlen haben Spuren hinterlassen, die Umfragewerte für den Bund sind mies, und die AfD enteilt. Und dann weckt der neue Arbeitsminister der SPD noch Zweifel daran, dass das beschlossene Rentenpaket, vor allem das Ende der sogenannten Rente mit 63, bald beschlossen wird. Er strebe bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren einen „guten Kompromiss“ an, hatte Alexander Schweitzer gesagt. Kein Wort mehr von dem „Gesamtkunstwerk“, das seine Vorgängerin Bärbel Bas beschrieben hat. Ein Delegierter sagt am Freitagabend auf der Bühne, er sei mit Unbehagen, Frust und Ungeduld angereist. So klingt es durch viele Redebeiträge am Wochenende.

„Einfach durchziehen“, fordert die JU

Merz reagiert am Samstag indirekt auf die Äußerung seines neuen Arbeitsministers. In der Rentenkommission, welche die 33 Vorschläge für die Reform vorgelegt hatte, seien doch bereits Kompromisse gemacht worden. In der Fragerunde der Delegierten formuliert Merz es deutlicher: „Ich möchte die Reformvorschläge so umsetzen, wie sie auf dem Tisch liegen.“ Allerdings ist er mit Blick auf den Zeitplan schon weniger klar: Merz sagt nur noch, dass sein Ziel ein Rentenbeschluss des Kabinetts in diesem Jahr sei. Damit dann schnell der Bundestag beraten und beschließen könne. Also frühstens im ersten Quartal des nächsten Jahres. Bei der JU hatte man sich einen Abschluss in diesem Jahr gewünscht. Allerdings scheint man sich mit einer ersten Lesung im Bundestag in diesem Jahr zufriedenzugeben. Ein Delegierter trifft die Stimmung gegenüber der SPD gut, als er dem Kanzler bei den Reformen rät: „Einfach durchziehen.“

Es sind die Stellen, die verlässlich Applaus bringen beim Deutschlandtag: Wenn sich über die SPD entrüstet wird, die bei der Rente bremse. Oder die in Berlin mit Grünen und den Linken mit ihrem Antisemitismusproblem regieren wolle. Auch Merz geht darauf ein. Als er der SPD zuruft: „Das geht nicht, hört auf damit!“, ist der Applaus so lang und kräftig wie an keiner anderen Stelle seiner Rede. Als Merz sich danach gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD wendet und mit Blick auf Sachsen-Anhalt sagt, wer solche Leute in Staatsämter wähle, der hat in der CDU nichts, aber auch gar nichts zu suchen, wird auch geklatscht, aber zurückhaltender.

Kurz nach der Rede von Merz wird bekannt, dass man sich in Berlin bei den Sondierungen geeinigt hat. Sonntagmorgen steht der Bundestagsabgeordnete Johannes Volkmann auf der Bühne und bringt den frisch formulierten Antrag zur Ächtung von Rot-Grün-Rot ein. So eine Koalition dürfe „in Deutschland nicht normalisiert werden“, sagt er. Im Antrag wird gefordert, die künftige Berliner Landesregierung „von vollumfänglichen Informationen des Verfassungsschutzes und des BKA“ auszuschließen. Beim Bund soll ein Gremium eingerichtet werden zur „Dokumentation von Rechtsbrüchen und Rechtsbeugung durch die Berliner Landesregierung“. Und der Bundeskanzler wird aufgefordert, das angekündigte, aber noch nicht umgesetzte Verbot der Vergesellschaftungen „per Bundesgesetz umgehend per Richtlinienkompetenz“ durchzusetzen.

Schwesig wird heftig kritisiert

Das wird die SPD ebenso wenig begeistern, wie die beständige Kritik an der Sozialdemokratin Manuela Schwesig, die nicht nur bei der Rentenreform besonders kräftig bremst, sondern der Union nach dem Bas-Rücktritt „unmenschliches“ Verhalten vorgeworfen hat. „Diese Herabsetzung akzeptieren wir nicht“, sagt Merz. Besonders scharf greift Johannes Winkel, der JU-Vorsitzende, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern an: Er erinnert an die „Klimastiftung“, mit der Schwerin einst beim Bau der Nordstream-2-Pipelines geholfen hatte, und wirft Schwesig vor, sie habe sich „von Russland kaufen lassen“. Winkel sagt bei seiner Rede am Freitagabend: „Wir lassen uns ganz bestimmt nicht von Manuela Schwesig belehren, wenn es um Anstand und Haltung in der deutschen Politik geht.“ Merz stellt am Samstag aber klar, dass er den Weg mit dieser Koalition gehen wolle – und fordert, das Gerede über eine Minderheitsregierung einzustellen.

Winkel kritisiert auch seine eigene Partei deutlich. Die CDU mache Politik „genau so, als ob wir noch im Jahr 2010 wären“, sagt er. „Liebe CDU, man kann die Vergangenheit nicht wiederholen“, fügt er an und warnt: „Es gibt keine Ewigkeitsgarantie für Volksparteien im Grundgesetz.“ Mit gut 94 Prozent wird Winkel danach wiedergewählt.

Am Sonntag darf schließlich Markus Söder als letzter Vertreter der Parteiprominenz von CDU und CSU zu den Delegierten sprechen. Mehr Applaus als Hendrik Wüst am Freitag oder der Kanzler am Samstag bekommt er allemal. Auf Spitzen gegen die Bundesregierung verzichtet er nicht. Etwa als er sagt: „Wir sind jetzt gezwungen, das Angekündigte auch umzusetzen.“ Oder: Jedes Versprechen habe auch ein Mindesthaltbarkeitsdatum, irgendwann sei es nichts mehr wert. Die Musik zum Einmarsch: AC/DC, „Thunderstruck“, vom Donner gerührt.