Die härteste Truppe der Bundeswehr: Bald im Einsatz gegen Putins Schattenflotte?
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Es wird hektisch. Der Bootsführer schreit: „Dreh, dreh, dreh!“ Der Fahrer zieht das Boot herum. „Rechtes Ziel, Feuer frei!“ Der Bugschütze beginnt zu schießen. Das schwere Maschinengewehr bellt auf, eine Salve nach der anderen peitscht aus dem Lauf. Das Wasser nahe dem 100 Meter entfernt dümpelnden Ponton spritzt auf. Als der Munitionsgurt leer ist, richtet der Schütze den qualmenden Lauf nach oben und gibt ein Signal. Wieder ein Kommando, erneut wendet der Fahrer. Der Heckschütze beginnt zu feuern. Elitekämpfer der Bundeswehr üben auf der Ostsee mit scharfer Munition für den Ernstfall. Vielleicht auch für einen Einsatz gegen die russische Schattenflotte.
Kurz nach 7 Uhr im Marine-Stützpunkt Eckernförde. An einem Pier im Hafen verladen Soldaten routiniert Munition, Waffen und andere Ausrüstung in zwei Festrumpfschlauchboote des Typs RHIB 1010. Es ist Bilderbuchwetter. Die Sonne scheint, die See ist ruhig. Die Männer sind Soldaten des Kommandos Spezialkräfte der Marine (KSM), der ältesten Eliteeinheit der Bundeswehr. Die meisten gehören zur Spezialoperationen-Bootskompanie (SBK). An Bord eines der Boote sind heute aber auch drei Kampfschwimmer, Männer, die die wohl härteste Ausbildung der Bundeswehr absolviert haben. Es sind Scharfschützen, die erstmals auf offener See üben wollen.
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Bundeswehr: Boote jagen mit hoher Geschwindigkeit über die Ostsee
Auf Fotos dürfen alle Soldaten nur vermummt gezeigt werden. Die Nennung von Namen ist tabu. „Wir wollen auch unsere Familien schützen“, sagt der Kommandant. Kurze Zeit später jagen die beiden Boote mit hoher Geschwindigkeit hinaus aufs Meer, entlang der Küstenlinie, durch die Kieler Bucht und am Marine-Ehrenmal von Laboe vorbei. Die RHIBs können mit ihren beiden jeweils 440 PS starken Dieselmotoren auf mehr als 40 Knoten beschleunigen, gut 80 Kilometer pro Stunde. Schnelligkeit kann auf dem Meer Leben retten. Eine gute Stunde später ist das Ziel erreicht: die Hohwachter Bucht. An der Küste liegt der Truppenübungsplatz Todendorf.

Auf Fotos dürfen alle Soldaten nur vermummt gezeigt werden.
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Extrem anspruchsvoll
Das KSM führt Einsätze durch, die wie jene des Kommandos Spezialkräfte des Heeres (KSK) meistens geheim bleiben. Es ist eine kleine Truppe: etwa 70 Kampfschwimmer, dazu die Bootskompanie, eine Unterstützungskompanie, eine Sanitätsgruppe und der Stab. Alles zusammen etwa 600 Soldaten. Insbesondere die Ausbildung der Kampfschwimmer gilt als extrem anspruchsvoll. Nur wenige Bewerber schließen sie erfolgreich ab. Die Ausfallquote im ersten Jahr soll bei 80 Prozent liegen.
Für diejenigen, die die Ausbildung absolviert haben, sei das abschließende 30-Kilometer-Schwimmen in der Ostsee mit voller Ausrüstung keine große sportliche Herausforderung mehr, heißt es. Wer Kampfschwimmer ist, ist unter anderem auch Einzelkämpfer, Fallschirmspringer und Sprengstoffexperte. Das Einsatzprofil dieser Soldaten ist breit gefächert. Es reicht von Aufklärung über Geiselbefreiung und Terrorismusbekämpfung bis zum Aufbringen feindlicher Schiffe. Dabei sind die Kampfschwimmer auf die Spezialoperationen-Bootskompanie angewiesen.
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Auch die Soldaten der SBK haben ein hartes Training hinter sich, das weit über eine normale Ausbildung hinausgeht. Ihre Aufgabe ist es, die Kommandokräfte im Ernstfall in das jeweilige Zielgebiet zu bringen und ihnen Feuerunterstützung zu geben. Das soll heute auf der Ostsee geübt werden. An einem Pier vor dem Truppenübungsplatz sind hölzerne Pontons verankert, auf denen Zielscheiben in Form von Soldaten montiert sind. Die Boote nehmen sie ins Schlepptau und ziehen sie knapp drei nautische Meilen hinaus aufs offene Meer, in die zehn mal zehn Seemeilen große Schießbox. Die Männer setzen Helme und Schutzbrillen auf und legen Splitterschutzwesten an.

Selbst bei ruhiger See ist es kaum möglich, Ziele präzise zu treffen.
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Der Seefunk quäkt: „Sécurité! Sécurité! Sécurité! Die Schifffahrt wird gebeten, das Gebiet großräumig zu umfahren.“ Ein Boot fährt eines der Ziele an. Das schwere Maschinengewehr am Bug bellt auf. Leere Patronenhülsen fliegen ins Boot und über Bord, die Kugeln treiben kleine Wasserfontänen hoch. Selbst bei ruhiger See ist es kaum möglich, Ziele präzise zu treffen.
Marine trainiert Dauerfeuer gegen Bedrohung durch russische Schattenflotte
Darum geht es hier aber auch nicht. Im Ernstfall würden die SBK-Soldaten versuchen, den Feind in Deckung zu zwingen, damit er nicht selbst feuern kann. Es ist ein Dauerbeschuss. Pausiert das schwere Maschinengewehr, schießt ein anderer Soldat mit dem MG4 oder dem MG5. Vom anderen Boot weht das Ploppen der Scharfschützengewehre herüber. Schmauchgeruch liegt in der Luft.

Autor Jan Jessen beim Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM).
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Dieses Training ist kein Selbstzweck. Jörg Buddenbohm, Kapitän zur See und Kommandeur des KSM, sagt: „Wir müssen die Bereitschaft zu Einsätzen aufrechterhalten.“ Erst kürzlich hat der scheidende Marine-Inspekteur Jan Christian Kaack vor einer konstant hohen russischen Bedrohung vor allem in der Ostsee gewarnt. Die Schiffe der russischen Schattenflotte unterlaufen nicht nur die Ölsanktionen gegen Moskau. Einzelne Schiffe stehen zudem im Verdacht, für Sabotage-, Spionage- und Aufklärungsoperationen genutzt zu werden. Finnland, Estland, Frankreich und Großbritannien sind bereits gegen Schiffe vorgegangen, die der Schattenflotte zugerechnet wurden.
Enge völkerrechtliche Voraussetzungen
„Wir analysieren das genau“, sagt Kapitän Buddenbohm. „Es ist sehr interessant, weil es auch zu unserem Aufgabenportfolio gehört.“ Nach dem versuchten Drohnenanschlag am Leipziger Flughafen hatte die Bundesregierung ein härteres Vorgehen gegen die Schattenflotte angekündigt. Das Aufbringen fremder Schiffe durch deutsche Soldaten wäre allerdings an enge völkerrechtliche Voraussetzungen geknüpft. Gefährlich könnte es außerdem werden. Vizeadmiral Kaack warnt: Diese Schiffe würden inzwischen auch mit Waffen geschützt.

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Falls es zu einem solchen Einsatz kommen sollte, müsste die Mission vorher gut geplant werden. In einer Feuerpause erklärt der Bootsführer: „Wir würden das Schiff notfalls unter Feuer nehmen und die Kampfschwimmer an vorher festgelegten Einstiegspunkten absetzen.“ Ob sie das, was sie heute üben, schon einmal im scharfen Einsatz durchgeführt haben? Der Mann schweigt.
Zu Einsätzen sagen sie nichts. Ohnehin sind die Männer nicht redselig. Machohafte Protzerei gibt es an Bord des Bootes nicht. „Wir versuchen, stille Profis zu bekommen“, sagt Buddenbohm. „Sie sind mit herausfordernden Aufgaben konfrontiert, aber es sind eben doch nur Aufgaben. Man sollte sich nichts darauf einbilden. Überhebliches Getue ist bei uns nicht gern gesehen.“

Marine-Spezialeinheit: „Man sollte sich nichts darauf einbilden.“
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Bekannt ist, dass KSM-Soldaten am Horn von Afrika im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Piraterie eingesetzt wurden und in Niger Soldaten ausgebildet haben. Auch ukrainische Spezialkräfte wurden von ihnen trainiert. In den Wüsten und Bergen des Binnenlands von Afghanistan haben sie sich neue Fähigkeiten angeeignet, sagt Buddenbohm: „Unser Aufgabenportfolio ist erweitert worden, und wir haben unsere Landfähigkeiten ausgebaut. Heute sind wir auch mit Gefechtsfahrzeugen mobil.“
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Bei der Schießübung auf der Ostsee läuft nicht immer alles glatt. Manche Waffen haben Ladehemmungen. Das Salzwasser setzt ihnen zu, hinzu kommen Bedienungsfehler. Im Einsatz dürfte so etwas nicht passieren. Gegen 13.30 Uhr sind mehrere Tausend Schuss verfeuert. Auf der Rückfahrt nach Eckernförde üben die Soldaten taktische Manöver. Eines der Boote jagt im Fahrwasser des anderen. Die Kiellinie soll im Ernstfall die Aufklärung der Boote erschweren. Segelboote kreuzen nicht weit entfernt. Für Aufsehen sorgen die KSM-Boote nicht.
Kommandeur drängt auf schnellere Beschaffung
Im Hafen angekommen zeigt sich der Kommandant der beiden Boote zufrieden. „Wir haben alle Ziele erfüllt, die wir vorhatten, und Erfahrungen auf See gesammelt.“ Bald werden sie wahrscheinlich mit neuen Waffen arbeiten. Der Krieg in der Ukraine hat die Kriegsführung revolutioniert. Drohnen verändern auch die Arbeit des KSM. „Wir können solche Systeme in Taktik und Auftragserfüllung einbauen, beispielsweise Ziele unter und über Wasser aufklären und angreifen“, sagt Kapitän Buddenbohm.
Der Kommandeur drängt auf eine Beschleunigung des Beschaffungsprozesses, sieht das Verteidigungsministerium aber auf einem guten Weg. „Man muss nicht für Jahre Material bevorraten. Man muss aber so viel Material für einen Verteidigungskrieg haben, dass man die ersten Wochen übersteht.“