Die Lage des Jugendfußballs im Schwalm-Eder-Kreis: Interview mit Roland Borrmann
Stand: 25.07.2026, 12:00 Uhr
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Roland Borrmann trainiert seit vielen Jahren Jugendteams im Schwalm-Eder-Kreis. Im Interview spricht der langjährige Regionalliga-Torhüter über Probleme und Lösungsansätze.
Felsberg – Roland Borrmann ist ohne Zweifel einer der bekanntesten Namen der nordhessischen Fußballszene. Der 53-Jährige kennt diese aus verschiedenen Perspektiven: als höherklassig erfahrener Spieler, der sowohl in der Regionalliga als auch in der Kreisliga C aufgelaufen ist. Als Trainer im Senioren- und Jugendbereich. Und natürlich als Vater zweier junger Kicker: Während sein älterer Sohn Finn (19 Jahre) zum Kreisoberliga-Team des FV Felsberg/Lohre/Niedervorschütz gehört, zog es Mika (15) nach der vergangenen Saison zur B-Jugend des KSV Hessen. Grund genug, mit ihm über die Probleme im Nachwuchsbereich zu sprechen.
Herr Borrmann, wie schätzen Sie die Situation des Jugendfußballs im Schwalm-Eder-Kreis ein?
Bis zur C-Jugend ist es schön anzusehen. Aber: Das Stiefkind ist seit vielen Jahren der A- und B-Jugend-Bereich. Jugendmannschaften werden abgemeldet. Viele Vereine stellen keine Teams mehr, weil schlichtweg Jugendliche fehlen, die Fußball spielen.
Was bereitet Ihnen besonders Sorgen?
Viele Kinder gehen nicht vom Fußball weg, um etwas anderes zu machen. Nein, sie hören komplett auf mit dem Vereinssport – auch weil sie nicht mehr von ihren Eltern in die Vereine geschickt werden.
Sie engagieren sich seit vielen Jahren als Jugendtrainer. Was bedeutet es, in diesem Bereich tätig zu sein?
Hat ein Verein Trainer, die Erfahrung besitzen, gut ausgebildet sind und ein Händchen haben, bleiben die Spieler bei der Stange. Kontinuität ist immer wichtig, Eltern und Kinder müssen sich gut aufgehoben fühlen. Ich habe unsere 2006er- und 2007er-Jahrgänge beispielsweise vom Bambini-Alter bis zur A-Jugend trainiert. Bei uns in Felsberg kann man durchaus sehen, dass wir die Jugend gut vorbereitet haben.
Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie und Ihre Kollegen vor allem zu kämpfen?
Als Jugendtrainer ist man oft auf sich allein gestellt – bei dem einen Verein mehr, bei dem anderen weniger. Man ist das Mädchen für alles. Für den FV Felsberg/Lohre/Niedervorschütz kann ich sagen: Wenn man hier Ideen hat, versucht der Verein auch zu unterstützen. Allgemein: Die Trainingsbedingungen müssen verbessert werden, damit die Kids Bock haben, Fußball zu spielen. Geht es weiter wie bisher, wäre das schlecht. Wir haben einen Kinderschwund ohne Ende.
Sehen Sie dies als generelles Problem des Jugendfußballs oder speziell des B- und A-Jugend-Bereichs?
Letzteres. In den unteren Jahrgängen haben wir viele Kinder. Aber: Im Alter von 14, 15 oder 16 Jahren haben einige dann phasenweise keine Lust. Mein Rat an die Eltern wäre: Schubst eure Kinder in das Glück und schickt sie zum Vereinssport, auch wenn sie vielleicht mal keine Lust haben! Ich weiß, dass dies natürlich schwierig ist. Im Kreis haben wir eine riesige Bandbreite von wirklich guten Kickern bis hin zu Anfängern.
In der 2025/26 ohnehin nur 13 Teams umfassenden A-Jugend-Kreisliga zogen zuletzt vier Mannschaften zurück, in der B-Jugend-Kreisliga waren es zwei.
Hinzu kommt: Viele Vereine bekommen leider keine 11er-Mannschaft zusammen. Sie greifen dann auf das 9er-Modell zurück, um überhaupt ein Team melden zu können. Ob das die Lösung ist? Ehrlich gesagt macht es wenig Spaß, mit einer kleineren Mannschaft auf einem kleineren Feld zu spielen. Die Kids wollen 11 gegen 11 spielen.
Was bedeutet das für den Seniorenfußball?
Wir bekommen die Kinder gar nicht mehr in einen Wettkampfmodus und bereiten sie nicht für ambitionierten Fußball vor. Folgendes Verhalten wird sozusagen antrainiert: Das Training fällt heute aus – oder ich schaffe es heute nicht, am Wochenende fällt das Spiel ja ohnehin aus. Drei, vier Jahre später halten Seniorenspieler dann keine ganze Saison mehr durch. Und ich spreche vom niedrigsten Niveau: zweimal Training pro Woche, eine Wettkampfpartie am Wochenende. Man braucht mindestens 80 Prozent Trainingsbeteiligung, um eine sportliche Entwicklung zu sehen.
Wenn Sie an Ihre eigene Zeit als Jugendspieler zurückdenken: Wo liegen die größten Unterschiede zur Gegenwart?
Damals gab es Spieler ohne Ende, eine wirkliche Masse an Akteuren. Es war kein Problem, Teams zusammenzubekommen. Die Vereinsstrukturen waren besser und der Vereinssport war in meinem Heimatdorf Guxhagen hoch angesehen. Man hat eine Gemeinschaft gefunden und Erfahrungen gesammelt – im Erfolg, aber auch im Misserfolg. Viele wissen leider gar nicht mehr, wie ein Verein funktioniert. Insgesamt haben die Menschen wenig Zeit.
Welche Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?
Ich will nicht alles verteufeln: Es gibt immer noch zahlreiche Eltern und Jugendliche, die mit Herzblut dabei sind. In Felsberg unterstützen mich die Eltern total – es gibt also auch viele positive Beispiele. Im Großen und Ganzen stelle ich aber fest: Die Tendenz ist klar abfallend. Die Leute engagieren sich weniger in Vereinen. Und noch einmal: Wenn Kinder mal unmotiviert sind, wird gleich gesagt: OK, dann hör auf. Aber es ist wichtig, Schwierigkeiten zu überwinden. Bezogen auf den Fußball wären das beispielsweise Phasen, in denen ein Spieler mal wenig Einsatzzeit bekommt oder Kritik einstecken muss.
Wie könnte die Situation verbessert werden?
Jede Minute sportliche Bewegung ist es wert, unterstützt zu werden. In der heutigen veränderten Gesellschaft verschwinden Kinder und Jugendliche oft in der digitalen Welt. Um bei ihnen die dringend benötigte Bewegungsarmut auszugleichen und Sozialkompetenzen zu verbessern – auch bedingt durch die Coronazeit – müssen Eltern ihre Kinder im Vereinssport unterstützen. Im Bereich Fußball kann dies durch ein Traineramt oder Betreueramt geschehen. Diesbezüglich brauchen die Vereine auch Unterstützung in der Funktionärsebene. Besitzt man also wenig oder keine Vorerfahrungen für Trainingsplanung und -durchführung, kann man etwa als Beisitzer, stellvertretender Vorsitzender, Kassenprüfer oder Jugendleiter erste Erfahrungen in Vereinsstrukturen machen und den „auf Lebenszeit gewählten“ Vorständen sehr gut eine helfende Hand sein. Es ist sinnvoll, gute Beziehungen zur Gemeinde oder Stadt aufzubauen – denn nur sie haben die Möglichkeit, mit Fördergeldern nötige strukturelle Veränderungen von maroden Funktionsgebäuden oder Sportanlagen anzugehen.
Zur Person: Roland Borrmann (53) wurde 1972 in Kassel geboren. Im Alter von fünf Jahren begann er beim Tuspo Guxhagen mit dem Fußballspielen. In seiner langen Karriere spielte der 1,95 Meter große Torhüter unter anderem für den SC Neukirchen und Borussia Fulda in der Regionalliga. Im Alter von 50 Jahren half er beim OSC Vellmar in der Verbandsliga aus. Seit vielen Jahren engagiert sich der Pädagoge zudem als Trainer – aktuell bei den B-Junioren des FV Felsberg/Lohre/Niedervorschütz. Der zweifache Vater ist verheiratet und arbeitet als Lehrer an der Wolfgang-Fleischert-Schule in Röhrenfurth.
(von Steffen Schneider)