Berlin-Wahl: Linke im Freudentaumel – wie Elif Eralp die Hauptstadt eroberte

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Der Jubel war groß am Sonntagabend bei der Berliner Linken. Laut den Hochrechnungen zur Landtagswahl stellt sie künftig die stärkste Kraft im Landesparlament, dem Abgeordnetenhaus. Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp zeigte sich bei der Wahlparty der Partei im Festsaal Kreuzberg im Stadtteil Treptow erlöst und glücklich. „Wir haben Geschichte geschrieben“, rief sie von der Bühne vor dem dicht gedrängten Publikum in dem Saal, in dem sonst vor allem Live-Bands Konzerte geben. „Unsere gemeinsame Vision von einem bezahlbaren Berlin, in dem alle Menschen gleich sind, egal woher sie kommen, egal an was sie glauben, egal wen sie lieben und egal welches Einkommen sie haben – diese gemeinsame Vision hat gewonnen.“

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Mit dem Abschneiden ihrer Partei zeichnet sich in Berlin nun eine Regierung aus Linken, Grünen und der SPD ab. Die Grünen, die laut den ersten Ergebnissen vom Abend noch vor der SPD lagen, kündigten umgehend an, eine rot-grün-rote Koalition anzustreben. „Wir wollen jetzt Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit SPD und Linken ein progressives Bündnis für Berlin schmieden“, erklärten die beiden Landesvorsitzenden Nina Stahr und Philmon Ghirmai.

SPD könnte weiter an der Regierung bleiben

Damit würde die SPD weiterregieren, obwohl sie von den Berliner Wählerinnen und Wählern abgestraft wurde. Die aktuelle Wirtschaftssenatorin der Sozialdemokraten und frühere Bundesministerin Franziska Giffey sagte am Abend, alles laufe auf eine neue Koalition unter Führung der Linken hinaus. „So wie es aussieht, ist die Linke der klare Wahlsieger und das muss man erst mal tolerieren.“ Die treibende Kraft im politisch linken Spektrum Berlins hat sich damit verlagert. Sie liegt nun nicht mehr bei der SPD, sondern bei der Linken mit Elif Eralp.

Die mögliche neue Regierende Bürgermeisterin hat einen intensiven Wahlkampf hinter sich, in dem lange nicht klar war, wer die Abstimmung gewinnen würde: Linke oder CDU. Mit Elif Eralp hatte sich erstmals eine Frau der Linken für den Posten des Regierenden Bürgermeisters – beziehungsweise der Regierenden Bürgermeisterin – beworben. Die 45-jährige Juristin war auch die erste Kandidatin mit einer Migrationsgeschichte für das Amt. Eralp ist zweifache Mutter, verheiratet und Tochter zweier Akademiker, die in der Türkei als Sozialisten und Gewerkschafter aktiv waren und 1980 nach dem Militärputsch nach Deutschland flohen.

Elif Eralp: Seit 2021 im Berliner Abgeordnetenhaus

Wie wichtig ihr ihre Herkunft ist, betonte Eralp immer wieder bei ihren Auftritten. „Menschen wie du und ich werden normalerweise nicht Bürgermeisterin“, sagte sie mit Bezug auf ihren Migrationshintergrund. Aber: „Das Rote Rathaus muss endlich wirklich rot werden.“

Eralp wurde ein Jahr nach Ankunft ihrer Eltern in München geboren. Nach Anerkennung des Asylantrags verbrachte die Familie zunächst ein paar Jahre in Dortmund. Als Eralp acht Jahre alt war, zogen sie nach Hamburg. Dort ging sie zur Schule, machte Abitur, studierte an der Universität Rechtswissenschaften und schloss 2009 ihre Ausbildung mit dem zweiten juristischen Staatsexamen ab.

Seit 2010 lebt Eralp in Berlin. Zunächst arbeitete sie als Referentin für die Linken-Fraktion im Bundestag. Ihrer Partei trat sie aber erst 2017 bei. Von 2018 bis 2023 war sie Mitglied im Landesvorstand der Linken. 2021 wurde sie in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt und Vize-Fraktionschefin ihrer Partei.

Linke in Berlin: Fokus auf den Wohnungsmangel

Mit der Ernennung Eralps als Spitzenkandidatin im Oktober 2025 erweiterte sich das Spektrum der Partei um viele potenzielle Wählerinnen und Wähler mit Migrationshintergrund – vor allem im Westen der Stadt. Ob sie jedoch auch bei den traditionellen Parteianhängern im Osten punkten würde, war unsicher. Diese Bedenken sind nun Geschichte.

Eralp fokussierte sich auf das Thema Wohngerechtigkeit und versuchte auf diese Weise, so viele Wähler wie möglich anzusprechen. Sie wolle „als Bürgermeisterin Berlin bezahlbar machen“ und die „Mietabzocke“ in der Stadt stoppen, schrieb sie auf den Flyern, die die Linken-Wahlkämpfer bis zum letzten Tag auf Bürgersteigen, vor S-Bahnhöfen, an Spielplätzen und Wohnungstüren verteilten.

Linke bei Berlin-Wahl: Mieten deckeln, große Wohnkonzerne enteignen

Zwar hatte nicht nur die Linke den Wohnungsmangel zum zentralen Thema des Wahlkampfes gemacht. Aber keine andere Partei ging mit ihren Forderungen so weit wie sie. Eralp wolle eine Behörde gegen illegale Mieten einrichten, kündigte sie an. Die Mieten in den landeseigenen Wohnungen wolle sie deckeln und die großen Immobilienkonzerne enteignen.

Das kam bei vielen Wählern gut an, auch wenn die Frage, wie realistisch mögliche Enteignungen überhaupt sind, längst nicht geklärt war – und mit welchen Milliardensummen das Land Berlin die großen Wohnkonzerne entschädigen müsste.

Kiezleben und die früheren Freiräume in der Stadt beleben

Eralp sagte, sie wolle das Kiezleben und die früheren Freiräume in der Stadt wieder beleben. Sie orientierte sich an einem durchaus auch in die Vergangenheit gerichteten Lebensgefühl, dessen Schlagworte an den Wahlkampf der AfD in Sachsen-Anhalt erinnern konnten. „Am 20. September holen wir uns Berlin zurück“, rief sie in einem Social-Media-Video in die Kamera. Sachsen-Anhalts AfD-Frontmann Ulrich Siegmund klang mit seinem „Wir holen uns unser Land zurück“ kaum anders.

Schwer wogen im Wahlkampf Vorwürfe gegen Teile ihrer Partei, die sich in der Kritik gegen den Gaza-Krieg offen israelfeindlich und antisemitisch äußerten. Auch gibt es Bestrebungen in der Berliner Linkspartei, gar nicht regieren zu wollen. Diesen internen Konflikten muss sich Eralp zunächst widmen, wenn sie ohne Störung aus den eigenen Reihen regieren will.