Die Mauer bröckelt: Warum Berlin seine East Side Gallery jetzt vor Menschen schützen muss
Eine Mauer entlang der Mauer? Einst trennte sie Menschen, nun könnte ein Geländer die Leute erneut auf Abstand halten. An der East Side Gallery sollen zwischen Publikum und Denkmal künftig 70 Zentimeter liegen. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg plant entlang der Mühlenstraße einen durchgehenden Schutzzaun und will zugleich den Gehweg verbreitern.
Grund dafür sind der enorme Besucherandrang sowie wiederkehrende Schäden durch Graffiti und Vandalismus. Die Berliner Zeitung hat mit der Stiftung Berliner Mauer, dem Landesdenkmalamt, dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und visitBerlin darüber gesprochen, wie es um den Zustand des weltberühmten Denkmals steht – und wieviel Schutz ein Ort verträgt, der einst für Unfreiheit stand.
Noch können Besucher barrierefrei ihre Selfies vor der Open Air Gallery knipsen.
© IMAGO
Hintergrund: Längst kämpfen Restauratoren und Denkmalpfleger gegen Graffiti, Feuchtigkeit und einen alternden Beton. „Die East Side Gallery benötigt eine dauerhafte konservatorische Betreuung. Sie kann langfristig erhalten werden, wenn die Pflege, die sehr umfangreich ist, auch weiterhin gewährleistet wird“, sagt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, der Berliner Zeitung. Monat für Monat wird die East Side Gallery gereinigt, Schäden werden dokumentiert und ausgebessert. Denn das Wahrzeichen der Hauptstadt ist zwar 35 Jahre nach seiner Entstehung noch lange nicht am Ende, erhalten bleibt es aber nur mit erheblichem Aufwand.
East Side Gallery: Nicht nur ein historisches Denkmal
Rund drei Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die East Side Gallery, flanieren an den bemalten Mauerresten entlang und halten ihren Besuch mit Selfies fest. Für Jürgen Amann, Geschäftsführer von visitBerlin, ist sie deshalb weit mehr als nur ein Denkmal der deutschen Teilung. „Die besondere Bedeutung der East Side Gallery liegt darin, dass sie mehrere Dimensionen miteinander verbindet: Sie ist historisches Denkmal, weltweit einzigartiges Kunstwerk und eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Berlins.“ Sie stehe „exemplarisch dafür, welche zentrale Rolle Geschichte und Kultur der Stadt für das Berlin-Erlebnis spielen.“
Die Wasserseite der Mauer ist wertvoller
Gefährdet wird „das Berlin-Erlebnis“ East Side Gallery durch mehrere Faktoren. „Am häufigsten sind Verschmutzungen durch Graffiti und Vandalismus sowie Feuchtigkeitsschäden und Abplatzungen von Beton und Farbschichten“, sagt Stiftungsdirektor Axel Klausmeier der Berliner Zeitung. In welchen zeitlichen Abständen restauriert wird, kann er nicht sagen. „Das lässt sich nicht pauschal beantworten, da es vom jeweiligen Schädigungsgrad abhängt. Der Aufwand ist insgesamt sehr hoch: Es findet ein regelmäßiges Monitoring statt, zudem wird monatlich gereinigt und Graffiti entfernt.“
Auch das Berliner Landesdenkmalamt beobachtet den Zustand der Mauer kontinuierlich. Dabei gehe es längst nicht nur um neue Schmierereien. „Am häufigsten treten Risse und Abplatzungen an den Mauersegmenten auf, die von Korrosionsschäden an der Bewehrung durch eindringende Feuchtigkeit resultieren“, sagt eine Sprecherin des Amtes zur Berliner Zeitung. Auch sie bemängelt „die stetige ‚frische‘ Graffitibelastung“ – sowohl auf den Kunstwerken als auch auf der Wasserseite der Mauer.
Gerade diese Rückseite besitzt aus Sicht der Denkmalpfleger einen besonderen historischen Wert. „Wir halten es für außerordentlich wichtig, dass die Wasserseite von Graffitis freigehalten wird und den einheitlichen Weißton zeigt, den sie als Teil der Grenzanlagen bis zum Fall der Mauer trug“, sagt die Sprecherin. Der Grund dafür sei kein ästhetischer, sondern ein historischer: „Nur so kann man die Dramatik der ursprünglichen Mauersituation deutlich machen, als die zum Todesstreifen weisende Mauerwand hell gestrichen war, um Flüchtende sofort zu erkennen.“
Noch können Besucher dem berühmten „Bruderkuss“ ganz nahe kommen. Künftig soll ein Schutzgeländer Abstand zwischen Publikum und Denkmal schaffen.
© Markus Wächter
Ein Geländer für sechs Millionen soll Abhilfe schaffen
Der zunehmende Schutzbedarf der Mauer und die Besucherströme beschäftigen inzwischen auch die Berliner Verwaltung. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hält etwa den Gehweg entlang der East Side Gallery für „völlig unterdimensioniert“. Deshalb soll der gesamte südliche Gehweg der Mühlenstraße auf rund einem Kilometer Länge um etwa zwei Meter verbreitert werden. Geplant sind außerdem eine neue Beleuchtung, der barrierefreie Ausbau zweier BVG-Haltestellen und ein durchgehendes Stahlgeländer zwischen Gehweg und Denkmal. Für die Umgestaltung müssten nach den Plänen des Bezirks 165 Parkplätze weichen.
Das Geländer soll dabei nicht nur Besucherströme lenken. Nach Angaben des Bezirksamts ist es ausdrücklich eine Maßnahme zum Schutz der East Side Gallery. „Das Denkmal soll dadurch vor Beschädigungen geschützt werden, um es langfristig zu erhalten und erlebbar zu halten“, erklärt die Behörde der Berliner Zeitung. Vorgesehen ist ein mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmtes Einzelrohrgeländer, das in einem Abstand von 70 Zentimetern parallel zur Mauer verlaufen soll.
Der Schutz der 1,3 Kilometer langen East Side Gallery mit ihren 105 Kunstwerken von 118 Künstlern aus 21 Ländern soll rund sechs Millionen Euro kosten. Etwa 90 Prozent sollen aus Bundesmitteln zur „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ finanziert werden. Ob und wann gebaut werden kann, ist allerdings offen. Denn für den zehnprozentigen Eigenanteil des Landes Berlin fehlt derzeit die Finanzierung. „Der Baustart ist abhängig von der Sicherstellung der Finanzierung. Es fehlt aktuell die Finanzierung des zehnprozentigen Eigenanteils durch das Land Berlin zur Umsetzung der Maßnahme“, teilt das Bezirksamt mit.
Symbol der Stadt: Mehr als ein bemaltes Mauerstück
Lohnt sich der hohe finanzielle Aufwand überhaupt? Für die Stiftung Berliner Mauer jedenfalls ist die East Side Gallery mehr als eine Touristenattraktion. „Die East Side Gallery ist Zeugnis des Grenzregimes, Dokument der künstlerischen Aneignung und der friedlichen Überwindung der Berliner Mauer und heute zugleich eine touristische Attraktion und Foto-Hotspot“, sagt Stiftungsdirektor Axel Klausmeier.
Auch die Sprecherin des Berliner Landesdenkmalamts betont, dass der Wert des Bauwerks weit über die bekannten Wandgemälde hinausgehe. Die East Side Gallery sei ein Denkmal mit „drei wesentlichen Bedeutungsschichten“: als politisches Zeitdokument der innerstädtischen Teilung, als künstlerische Aneignung nach dem Mauerfall und als Werk, das die Künstler nach der umfassenden Betonsanierung 2008 und 2009 selbst weiterentwickelt hätten. „Aus diesen drei Bedeutungsschichten ergibt sich der besondere historische Denkmal- und Kunstwert und letztlich auch die hohe touristische Attraktion der East Side Gallery“, heißt es.
Ein Denkmal für die nächsten Jahrzehnte
Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass die East Side Gallery auch in Zukunft erhalten werden kann, allerdings nur mit kontinuierlicher Pflege. „Die Ziele sind die nachhaltige Bewahrung des Bauwerks, die Sicherung des Baudenkmals, die Vermittlung seines Denkmalwerts sowie die Erarbeitung und Umsetzung eines Denkmalpflegekonzepts“, sagt Stiftungsdirektor Axel Klausmeier der Berliner Zeitung.
Bis 2027 sollen zunächst sämtliche wesentlichen Schäden systematisch dokumentiert werden. „Ein nachhaltiges Konservierungskonzept wird nach Abschluss der Dokumentationsphase im Jahr 2027 entwickelt“, kündigt Klausmeier an. Auch aus Sicht der Denkmalpflege führt daran kein Weg vorbei. „Notwendig ist insbesondere ein regelmäßiges Monitoring durch eine fachkundige Restaurierungsfirma, die Schadstellen aufdeckt und diese frühzeitig beheben kann“, heißt es. Bereits heute diene ein Denkmalpflege- und Entwicklungsplan als Leitfaden für den Umgang mit der East Side Gallery.
Ob Schutzgeländer, Graffiti-Entfernung oder Betonsanierung – die Debatte rund um den Erhalt der East Side Gallery macht vor allem eines deutlich: Berlins berühmteste Mauer ist kein Denkmal, das sich selbst überlassen werden kann. Damit sie auch in den kommenden Jahrzehnten noch von Millionen Menschen besucht werden kann, muss sie heute mit einem hohen Aufwand geschützt werden.
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