Die „MILF“-Kette, die „eigentlich konservative“ CDU und die Suche nach dem Hass

Stand: 22.08.2026, 20:19 Uhr

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Eine CDU-Politikerin trägt eine Kette mit einem – in bestimmten Kreisen – umstrittenen Begriff. Die soll für Aufsehen sorgen. Eine kommentierende Analyse.

München – Mode ist eine Frage des Geschmacks.

In der Politik ist Mode zudem ein Mittel der Kommunikation. 1970 löste die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer einen Skandal aus, als sie mit einem beigefarbenen Hosenanzug den Plenarsaal betrat. Ihr Statement gegen das Patriachat brachte damals die Würde des Hauses in Gefahr, hieß es. Jahre später machte Angela „Mutti“ Merkel den farbigen Hosenanzug zum Markenzeichen ihrer langen Kanzlerinnenzeit – und prägte ihn gleichzeitig als Symbol ihrer Politik des Pragmatismus und der Kontinuitiät.

CDU-Politikerin macht Wahlkampf mit „MILF“-Kette

56 Jahre nach Bothmers Auftritt gibt die CDU-Politikerin Corinna Jodeit ein modisches Statement ab. Auf Wahlplakaten für die Kommunalwahlen zeigte sich die 38-Jährige mit einer kleinen Goldkette. Darauf zu lesen: Der Schriftzug „MILF“ (kurz für: Mother I‘d like to fuck). Laut Duden wird damit eine „sexuell attraktive reifere, erfahrene Frau“ bezeichnet. Verwendet wird der Begriff hauptsächlich im pornografischen Kontext. Dort hat die Bezeichnung ihren Ursprung.

Die Kette auf dem Wahlplakat zu tragen war eine bewusste Entscheidung. Gegenüber der Kreiszeitung von Ippen.Media erklärte Jodeit, die Abkürzung sei „natürlich provokant“. Der Begriff „MILF“ stehe für sie für Selbstständigkeit und Stärke. Und sie könne verstehen, dass „nicht jeder diese Kette befürwortet“. In ihrer Partei – der immerhin konservativen CDU – erhalte sie Rückendeckung.

Positives Feedback für „MILF“-Kette – wo bleibt der Shitstorm?

Auch auf ihrem eigenen Instagram-Account sammelt sich vor allem Zuspruch: „…endlich mal eine Politikerin, die sich tough verhält und ihre Persönlichkeit nicht verbiegt! Bravo!“, ist dort unter einem Foto des Wahlplakats zu lesen. Oder: „Bin nur wegen der Kette hier. Viel Erfolg! Lass dich nicht verbiegen“. Wechselt man auf den Instagram-Kanal der Wildeshauser Zeitung, werden die Reaktionen ein wenig kritischer. Da wird die Kette mitunter als „peinlich“ bezeichnet. Oder es fällt der Vorwurf, dass es Frau Jodeit und der CDU an Inhalten fehle, wenn man mit solchen Aktionen nach Aufmerksamkeit suche. Die meisten Kommentare bleiben positiv.

Nun titelt die Bild allerdings, Jodeit hätte für ihre „MILF-Kette“ einen „Shitstorm kassiert“. Wo sind nun die negativen Kommentare, wo der Hass, wo bleibt die Aufregung?

Gespielte Empörung über eine kleine Kette

Wer suchet, der findet. Und wer nach Hass sucht, der schaut einfach möglichst weit nach rechts. Und irgendwo dort findet man Melissa Timke, die ihren Instagram-Account entweder mit dem Versuch von einer Art „Sketch“ zu einem imaginären „Bürgerbüro in Linkshausen“ oder politischen Kommentaren in Form von Kurzvideos füllt. Beim Durchskippen der Videos erlangt man schnell den Eindruck, Timke empört sich gern um des Empörens willen.

Die Kette – beziehungsweise das Wahlplakat – hält Timke für „zum Lachen“. Grundsätzlich sei es „natürlich überhaupt nicht schlimm“, eine solche Kette zu tragen. Eine weitere Wertung maßt sich Frau Timke nicht an, das überlässt sie ihrem Publikum. Allerdings stellt sie die Frage: Erfüllt das tatsächlich den Anspruch einer Kandidatin auf Listenplatz 3 einer „eigentlich konservativen Partei“?

Timke behauptet in ihrem Video, „wir wissen alle, was „MILF“ bedeutet. Stimmt offenbar nicht so ganz, die Kommentatoren erwähnen mehrfach, dass sie erstmal googlen mussten. Wer sich schlau gemacht hat, ist in der Regel „schockiert“. Zur ehemaligen Volkspartei passe der Begriff auf gar keinen Fall. „CDU - das C steht schon lange nicht mehr für christliche Werte“, heißt es unter anderem. Oder auch: „CDU ist schon lange nicht mehr konservativ.“

Der Aufschrei hält sich insgesamt in Grenzen. Jodeit hat mit ihrer Kette ein bewusstes Statement gesetzt. Und im Wahlkampf zählt jedes bisschen Aufmerksamkeit, das man bekommen kann. Allerdings leben wir im Jahr 2026. Das ist das Jahr, in dem die provokante Musikerin Ikkimel im knappen Kostümchen vor einem Moma-Publikum ein Lied über bierbäuchige Fußball-Männer geträllert hat. Wen schockt da noch ein kleines Goldkettchen? Oder anders gefragt: Wer lässt sich von einem Goldkettchen noch schockieren?

Mode ist – und bleibt – eine Frage des Geschmacks. (spr)