„Die Möwe“ am Mainzer Staatstheater: Kunst und Eitelkeiten
Stand: 06.09.2026, 13:08 Uhr
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Milena Mönch inszeniert Anton Tschechows „Die Möwe" am Mainzer Staatstheater mit einem Knalleffekt. Kostja bricht sein eigenes Theaterstück ab, weil seine Mutter ihn wütend macht.
Es soll vorbei sein, bevor es richtig anfängt. Zumindest wenn es nach Kostja (Carl Grübel) geht. Der junge Mann hat ein Theaterstück geschrieben, doch die Reaktion seiner Mutter Irina Arkadina (Lisa Mies) lässt seine Wut aufschäumen, und er schreit den Abbruch herbei.
Regisseurin Milena Mönch eröffnet ihre Inszenierung von Anton Tschechows „Die Möwe“ für das Mainzer Staatstheater mit diesem Knalleffekt und wird sie zweieinhalb Stunden später auch so plötzlich enden lassen. Ein sanftes Hineingleiten in die Handlung spart sie sich ebenso wie den Nachhall des tragischen Endes. Das Publikum soll sich von der ersten Sekunde an mittendrin fühlen in der Gesellschaft, die sich zur Sommerzeit auf einem Landsitz an einem See versammelt hat. Dazu zählt, dass es auch die Langeweile spüren darf, die die Figuren umtreibt und aus der sie selten aufgeschreckt werden. Durch direkte Ansprache und ein Bühnenelement, das wie ein kurzer Laufsteg mittig in den Zuschauerraum hineinragt, wird es aber auch immer wieder daran erinnert, dass es auf der anderen Seite der Rampe sitzt und zum Urteil über die Kunst berufen ist. Der Großteil des auf sieben Figuren reduzierten Ensembles nimmt anfangs ebenfalls Plätze in dieser Jury ein: neben Arkadina deren Bruder Pjotr Sorin (Johannes Schmidt), ihr Favorit, der erfolgreiche Autor Boris Trigorin (Daniel Mutlu), die Verwaltertochter Mascha (Leandra Enders) und der Lehrer Semjon Medwedenko (Denis Larisch). Nur Nina (Carlotta Hein), die die einzige Rolle gespielt hat in Kostjas Werk, klettert aus einer Falltür, die in den Bühnenboden eingelassen ist.
Die Dispute über Theater, die Tschechow die Protagonisten in diesem autobiografischen Werk führen lässt, passen gut zu diesem früheren Zeitpunkt einer neuen Spielzeit, die ebenso Klassiker wie zeitgenössische Uraufführungen enthält. Die „neuen Formen“, über die Kostja spricht, werden von Mönch und ihrem Team nicht näher beleuchtet. Die Darbietung selbst wirkt wenig innovativ.
Vom Himmel geholt
Ein großes weißes Sofa zum gemeinsamen Chillen steht zentral in einem Wasserbassin, durch das die Schauspieler waten müssen. Hinter dem ebenfalls hellen, leicht transparenten Vorhang, der die Szenerie auf drei Seiten einrahmt, sind schwarzblaue Wellen zu erkennen. Morgenmäntel, wie das Bühnenbild von Jonas Vogt entworfen, deuten Gemütlichkeit an, die aber nicht lange vorhält angesichts der konfliktbeladenen Beziehungen. Der Sehnsucht nach Liebe steht der individuelle Egoismus entgegen. Dass sich die Menschen in diesem Mikrokosmos nicht füreinander interessieren, zeigt sich daran, dass sie einander nicht zuhören, ins Wort fallen, auf bedeutsame Sätze mit Oberflächlichkeiten reagieren. So tappen sie in Fallen, halten das Schicksal nicht auf, obwohl vor allem, was passieren wird, gewarnt wird.
Mascha liebt Kostja, der sich für Nina begeistert. Die lässt sich von Trigorin verführen, der sie ausnutzt für die eigene Geschichte. Der Fall der Möwe, die in einem weiteren Schockmoment abgeschossen vom Himmel stürzt, symbolisiert, was aus dem jungfräulichen Mädchen wird. Die eigentliche Tragödie wird nur kurz geschildert. Der mittlerweile selbst als Schriftsteller tätige Kostja sitzt da hinter einem Raumteiler am Klavier. Er spiele, wenn er traurig ist, warnt Mascha, bevor sie sich mit den anderen in ein albernes Vergnügen stürzt.
Mit einfachen Mitteln der Ausstattung und Darstellung gelingt es Mönch und ihrem Team, das oft vom Dramatischen unterdrückte Komödiantische an all den Selbstinszenierungen hervorzuheben, ohne das Stück zu gewollt ins Heutige zu ziehen. Ein Festhalten an Gewohntem muss nicht altmodisch sein. Die Meinung der Entscheider ist aber gespalten.