Die mutigste Frau Frankreichs: Gisèle Pelicot bringt Frankfurt zum Weinen

Stand: 08.10.2026, 21:47 Uhr

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„Die Scham muss die Seiten wechseln“ - der berühmte Satz von Gisèle Pelicot (hier im Gespräch mit Dolmetscherin und Moderatorin Lena Bopp) fällt auch an diesem Abend in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt.

„Die Scham muss die Seiten wechseln“ - der berühmte Satz von Gisèle Pelicot (hier im Gespräch mit Dolmetscherin und Moderatorin Lena Bopp) fällt auch an diesem Abend in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. © Larissa Kessler

Es war einer der aufsehenerregendsten Prozesse der jüngeren Geschichte: der Fall Gisèle Pelicot, die von ihrem Ehemann dutzendfach betäubt und von ihm und anderen Männern vergewaltigt worden war. Nun hat die Französin im Rahmen der Buchmesse in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt aus ihrem Werk „Eine Hymne an das Leben“ gelesen und großen Eindruck hinterlassen.

Frankfurt – Minutenlanger Applaus, weinende Gäste, stille Wut. So endete am Mittwochabend die Lesung von Gisèle Pelicot in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Im Rahmen der Buchmesse liest die 73-Jährige aus ihrem Buch „Eine Hymne an das Leben“ vor. Der Saal ist ausverkauft. Sie fühle sich wohl „im Land, in dem ich geboren bin“, sagt sie zu Beginn auf Französisch. Im Publikum sitzen viele Frauen, und die Stimmung ist greifbar: Aufregung, Wut und Solidarität.

Der Fall erregte große Aufmerksamkeit in den Medien: Von 2011 bis 2020 betäubte Dominique Pelicot seine Frau Gisèle mit Medikamenten und bot sie im Internet fremden Männern zur Vergewaltigung an. Er filmte dabei alles. Aufgeflogen ist er nur durch einen Zufall. Im September 2020 wurde er festgenommen, weil er im Supermarkt Frauen unter den Rock filmte. Auf seinem Computer fanden die Ermittler Zehntausende Bilder und Videos, auch von Giselle.

Gisèle Pelicot hat ihre Erlebnisse rund um den Prozess gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Angeklagte in ihrem Buch verarbeitet.

Gisèle Pelicot hat ihre Erlebnisse rund um den Prozess gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Angeklagte in ihrem Buch verarbeitet. © Larissa Kessler

Empfang durch Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef

Die „Soumission chimique“, die chemische Unterwerfung, ist keine französische Besonderheit. Sie stellt eine alltägliche Gefahr für Frauen dar – auch in Deutschland und auch in Frankfurt. Die Regeln kennen die meisten Frauen: das Getränk nicht unbeaufsichtigt lassen, keine Getränke annehmen und nicht zu viel trinken. Meist trifft es jüngere Frauen im Partykontext. Die Polizei weist darauf hin, dass die tatsächliche Zahl der Fälle deutlich höher liegt, da K.‑O.‑Tropfen sehr schnell im Körper abgebaut werden und Betroffene sich oft erst spät oder gar nicht an die Polizei wenden.

Unter den Zuhörern befindet sich auch Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), der sie am selben Tag im Römer empfangen hat. Während die Schauspielerin Birgitta Assheuer das erste Kapitel auf Deutsch verliest, sacken auch seine Schultern tiefer.

Sexuelle Gewalt passiert überall und ist nicht an gesellschaftliche Kulturen, Religionen oder Ähnliches gebunden.

Denn ein Detail des Pelicot-Falls trifft besonders hart. Aufgrund der Medikamente litt Pelicot unter Gedächtnisverlust und suchte verschiedene Ärzte auf. Ihr Mann begleitete sie zu den Terminen. Auch ein Gynäkologe untersuchte die Spuren an ihrem Körper und führte sie schlichtweg auf den „alternden Frauenkörper“ zurück. In den folgenden zehn Jahren schöpfte keiner der Ärzte Verdacht, keiner ordnete einen Drogentest an und keinen alarmierten die Wunden an ihrem Körper.

Ein Prozess, damit die Scham die Seiten wechseln konnte

Für sie sei nicht nur die Tat, sondern auch der Prozess „unbeschreibliche Gewalt“ gewesen. Damit „die Scham die Seite wechseln“ konnte, mussten die Türen des Gerichtssaals geöffnet und die Videos der Öffentlichkeit gezeigt werden. Um sich darauf vorzubereiten, sah sie sich alle selbst an. „Ich sah Bestien, ich hörte, wie sie stöhnten. Mein lebloser Körper, der Müllsack ihrer Fantasien“, sagt sie. Im Saal ist es still.

Dann kam der Satz, der um die Welt ging: „La honte doit changer de camp“ (deutsch: „Die Scham muss die Seite wechseln“). Pelicot hielt den Prozess öffentlich ab – für Journalisten, Zuschauer, Männer und Frauen. Im Dezember 2024 wurden alle 51 Angeklagten, darunter auch ihr damaliger Ehemann, schuldig gesprochen. Er erhielt 20 Jahre Haft, die anderen zwischen drei und 15 Jahren. Über Nacht wurde Pelicot zur Ikone des Feminismus, auch wenn sie selbst sagt: „Ich möchte so nicht bezeichnet werden.“ Sie sieht sich eher als „Erweckerin“, die durch ihren Mut anderen Frauen Mut zusprechen will, sich zu wehren und Hilfe zu suchen.

Und dann sind da die Fragen, die einen nicht loslassen. Was für ein Mann ist das, der nach Jahrzehnten der Ehe seine Frau fremden Männern ausliefert? Wer sind die mehr als 70 Männer, die auf diese Einladung eingingen und eine leblose Frau vergewaltigten? Die Männer, die sich trotz Fotos und Videos später vor Gericht herausredeten? Es waren ein Pfleger, ein Soldat, ein Journalist, ein Gefängniswärter und ein Lieferfahrer. Sie waren zwischen 26 und 74 Jahre alt und stammten aus der Mitte der Gesellschaft. Mindestens 35 von ihnen bestritten zu Prozessbeginn den Vorwurf der Vergewaltigung. In der Verteidigung behaupteten sie, die Frau hätte nur geschlafen, sie hätte es gewusst oder sie lüge.

FAZ-Redakteurin Lena Bopp (links), die simultan die Worte von Gisèle Pelicot übersetzt, und die Schauspielerin Brigitta Assheuer führen gemeinsam mit der Französin durch den Abend.

Lena Bopp (links), die simultan die Worte von Gisèle Pelicot übersetzt, und die Schauspielerin Brigitta Assheuer führen gemeinsam mit der Französin durch den Abend. © Larissa Kessler

Gisèle Pelicot will mehr Respekt, mehr Aufklärung, mehr Bildung, bessere Erziehung

Und doch beweist sie auch an diesem Abend in der Deutschen Nationalbibliothek wieder Größe: „Sexuelle Gewalt passiert überall und ist nicht an gesellschaftliche Kulturen, Religionen oder Ähnliches gebunden.“ Frankreich hat im vergangenen Oktober die Definition von Vergewaltigung geändert: „Nur Ja heißt Ja“. Pelicot reicht das jedoch nicht. Man müsse über Respekt sprechen und Mädchen und Jungen aufklären, bilden und in der Erziehung gleich behandeln.

Der Abend endet mit tosendem Applaus. Minutenlang stehen die Menschen vor der kleinen Frau mit dem kurzen Bob und klatschen. Keiner sagt etwas. Als der Applaus verklungen ist und auch sie eine Träne verdrückt hat, geht das Publikum schweigend und andächtig nach draußen. Es ist Wut über die Ohnmacht, aber auch Solidarität mit einer Frau, die so viel Mut gezeigt hat. Es ist die Angst, dass einem selbst oder den Liebsten so etwas passieren könnte. Und es ist Bewunderung dafür, mit einer solchen Haltung und einem erhobenen Haupt weiterzuleben.

Ich lasse mir zum Abschluss ihr Buch signieren, bedanke mich für den Abend und ihre Zeit. „Merci à vous“, sagt sie, lächelt und neigt den Kopf. Auf dem Weg hinaus stehen Gruppen zusammen und diskutieren: „Wie kann man so etwas antun? Wie kann ein Mensch so sein?“ Fragen, auf die es keine Antworten gibt.