Wer ein Problem damit hat, dass die Schwarze Lupita Nyong'o die schöne Helena spielt, sollte grundsätzlich nicht ins Kino gehen

Die Proteste gegen Lupita Nyong'o als Helena in “Die Odyssee” sind nicht nur rassistisch, sondern zeugen von einem Missverständnis, was Kino ist.

Kino ist pure Phantasie. Ohne Phantasie gäbe es das Kino nicht. Bei vielen Menschen hört die Phantasie allerdings auf, wenn eine Schwarze Schauspielerin in “Die Odyssee” die schöne Helena spielt. Aus gut informierten Kreisen hört man, dass Christopher Nolan in den vergangenen Monaten sein PR-Team gebeten hat, Journalist:innen vor Interviews mit ihm darauf hinzuweisen, dass er keine Lust mehr habe, über seine Entscheidung zu sprechen, dass er Lupita Nyong'o Helena von Troja spielen lasse.

Über keinen anderen Film wurde dieses Jahr so leidenschaftlich gestritten wie über “Die Odyssee” – und zwar bevor er überhaupt ins Kino kam. Es war noch nicht mal klar, welche Rolle etwa Elliot Page spielen würde, als der Schauspieler mit transphobem Hass überzogen wurde. Nicht nur in Sozialen Netzwerken, sondern auch Medien, die der MAGA-Bewegung nahestehen, ließen sich darüber aus, dass es in Wolfgang Petersens “Troja” noch Brad Pitt gewesen sei, der Achilles gespielt hat, während es nun ein kleiner Transmann sei. Nachdem der Film nun angelaufen ist, kann man sich vergewissern. Page spielt nicht Achilles, sondern Sinon, einen der edelsten Krieger in Odysseus' Truppe, und das macht Page ganz fantastisch. Nolan weiß, was er tut, wenn er Rollen besetzt. Kurzer Reminder: Christopher Nolan ist der Regisseur, der Christian Bale zu Batman und Heath Ledger zum Joker gemacht. Beides wird gemeinhin heute als geniale Besetzung angesehen, mit der Filmgeschichte geschrieben wurde.

Robert Pattinson, Matt Damon, Tom Holland “Die Odyssee“

Auch die Mitwirkung des US-Rappers Travis Scott ließ den ein oder anderen Filmfan offenbar wutschnaubend vor dem Trailer zu dem am sehnsüchtigsten erwarteten Film des Jahres zurück. Nichts aber hat ein solches Entsetzen ausgelöst wie die Nachricht, Lupita Nyong'o spiele die schöne Helena! Eine Schwarze Frau als Helena von Troja. Da kommen viele einfach nicht hinterher und man fragt sich, mit welchem Realitätsanspruch sie in einen Film gehen, in dem Odysseus gegen einen einäugigen Zyklopen kämpft und im weiteren Verlauf der Story vergisst, wo er wohnt und nicht mehr nach Hause findet. Wie werden diese Menschen es bloß eines Tages verkraften, wenn sie erfahren, dass Außerirdische gar nicht so aussehen wie Steven Spielbergs “E.T.”?

Die Odyssee im Kino

Hoffentlich hat das Trojanische Pferd wirklich so ausgesehen wie Christopher Nolan es nachbauen ließ!

Melinda Sue Gordon/Universal Pictures

Protest gegen Lupita Nyong'o ist mehr als Rassismus

Wenn Menschen aufgrund der bloßen Entscheidung, Nyong'o als Helena auftreten zu lassen, zum Boykott des Films aufrufen, dann offenbart das nicht nur eindimensionale Schönheitsideale. Das ist Rassismus. Und wenn die Kritiker:innen das Argument der Realitätstreue bemühen, liegen sie auch falsch. Homer hat seine Odyssee mutmaßlich 800 v. Chr. geschrieben und zu der Zeit war der mediterrane Raum alles andere als ein ethnisch abgeschotteter Raum, in dem eine bestimmte Hautfarbe dominant gewesen wäre.

Aber auch das ist eigentlich egal. Für Christopher Nolan gilt nämlich etwas, was für jeden Filmschaffenden gelten sollte. Er ist Künstler. Er kann machen, was er will. Welcher Schauspieler welche Rolle übernimmt, ist eine künstlerische Entscheidung und die liegt bei Nolan. Gerade er ist in Castingfragen ein Genie. Er arbeitet seit vielen Jahren mit dem Casting-Director John Papsidera, der im Interview gegenüber GQ letztes Jahr erklärte, wie Nolan das Ensemble als erzählerisches Mittel einsetzt. Genauso wie die Erfolgsserie “Bridgerton” einfach behaupten kann, dass weite Teile der britischen Hofkultur eine andere Hautfarbe als die weiße hatten, kann gerade aus dieser Phantasie heraus eine neue Perspektive auf etwas entwickeln. Gerade das ist doch der Kunst größter Gewinn: Neue Perspektiven. Die Casting-Direktorin von “Bridgerton”, Kelly Valentine Hendry, sagte gegenüber GQ: “Denn dann kann jeder alles sein.”

Von dem großen schwedischen Regisseur Ingmar Bergman ist ein Zitat übermittelt, das die Kraft des Kinos auf den Punkt bringt: “Wenn Film nicht Dokument ist, ist er Traum.“ Das ist es, was wir tatsächlich erleben, wenn wir im Kino sitzen. Wir träumen gemeinsam. Von anderen Welten und neuen Ideen. Keine andere Aufgabe, als diese Träume zu entfachen, hat Christopher Nolan. Seine Odyssee ist kein Hautfarbenregister der östlichen Ägäis. “Die Odyssee” ist seine Vision, seine Neuinterpretation eines der ältesten Mythen der Welt. Nolan hat dem Mythos neues Leben eingehaucht, weil er seine Kunst beherrscht. Er hält sich recht strikt an die Textvorlage. Aber bei der Besetzung hat er sich Freiheiten genommen, die dem alten Mythos etwas Überzeitliches geben. Wer da nicht hinterher kommt, ist vielleicht fürs Kino nicht gemacht. Und fürs Träumen auch nicht.

Sehen Sie hier den deutschen Trailer zu “Die Odyssee”:

**“Die Odyssee”, ab 16. Juli im Kino, Regie: Christopher Nolan, mit Matt Damon, Tom Holland, Robert Pattinson, Anne Hathaway, Charlize Theron, Elliot Page, Lupita Nyong'o und vielen anderen **


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