Die Omas, die nicht lockerlassen – ein Dankeschön an alle Radfahrer
Stand: 12.09.2026, 22:00 Uhr
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Seit fünf Jahren stehen die Germeringer Omas for Future fast jeden Freitag für den Klimaschutz auf dem Marktplatz. Sie diskutieren, informieren und mischen sich ein. Was sie antreibt – und warum ausgerechnet der Klimawandel ihre Klimawache inzwischen manchmal verhindert.
Germering – Der Klimawandel ist für die Germeringer Omas for Future längst keine abstrakte Bedrohung mehr. Zweimal mussten sie in diesem Sommer ihre Klimawache wegen der großen Hitze absagen. „Klimawandel ist real! Zu heiß heute für uns“, verkündete stattdessen ihr Transparent am Marktplatz.
Ein paar Tage später sitzen Ingeborg Köstner (73), Johanna Carey (73) und Christina Heydenreich (67) bei Kaffee mit Schlagsahne, selbst gebackenen Tahinikeksen und Trauben aus dem eigenen Garten um Köstners Holztisch. Die drei bilden den harten Kern der Gruppe. Zehn Mitstreiter sind es derzeit auf dem Papier, zur Klimawache kommen meist fünf. Anschließend wird häufig in Köstners Esszimmer weiterdiskutiert.
Vergangene Woche ging es um die Bäume, denen die lange Trockenheit zugesetzt hat. Könnten Bürger Gießpatenschaften übernehmen? Die Idee ist noch frisch. Konkreter ist eine andere: Die Omas wollen der Stadt ein paar Bäume spenden.
Seit fünf Jahren mischt sich die Gruppe in Germering in die Klimadebatte ein. Sie kämpfte gegen weggeworfene Zigarettenkippen, machte mit Ampelaktionen auf Klimaschutz aufmerksam und brachte sich bei Bürgerwerkstätten zur Mobilität ein. Vor der Kommunalwahl sammelten die Omas Wünsche der Germeringer und übergaben die gefüllte symbolische Wahlurne an den neuen Oberbürgermeister.
Begonnen hat alles mit einem alten Leintuch. Als 2019 die Schüler von Fridays for Future auf die Straße gingen, war Köstner beeindruckt. „Man hatte das Gefühl: Mensch, die jungen Leute, die reißen es jetzt.“ Sie fuhr zu Demonstrationen nach München und malte schließlich „Omas for Future“ auf ein altes Leintuch. Damit fiel sie zwischen den jungen Demonstranten auf. „Es ist hochinteressant, wenn man Flagge zeigt – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Über Kontakte kam sie später zu den Omas for Future in Gauting und wurde ermuntert, eine eigene Gruppe zu gründen. Im Mai 2021 fand die erste Germeringer Klimawache statt.

Dankstelle zur Mobilitätswoche
Im Vorfeld der Europäischen Mobilitätswoche vom 16. bis 22. September wird aus der Klimawache der Omas for Future eine „Dankstelle“. Wer klimafreundlich unterwegs ist, bekommt als Dankeschön ein selbst gebackenes Lebkuchenauto. 180 Stück in Grün, Gelb, Rot und Blau haben die Omas dafür gebacken und verziert. Das Motto: „Autos essen, nicht fahren.“
Zugleich werben sie für den autofreien Sonntag am 20. September und dafür, dass Kinder zum Schuljahresbeginn möglichst zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen. Von der Stadt wünschen sie sich außerdem, eine temporäre Verkehrsberuhigung rund um die Schulen zu prüfen.
Carey kannte Köstner damals noch nicht. Auch sie hatte bei Fridays for Future demonstriert. Nach ihrer Pensionierung habe sie sich bewusst überlegt, wofür sie ihre Zeit einsetzen wolle. „Ich habe mich für Umwelt entschieden.“ Heydenreich stieß 2023 dazu. Bei einer Demonstration gegen die Verladebahnhofpläne am Kraillinger Tanklager entdeckte sie Köstner mit ihrem Banner. „Da habe ich mir gedacht: super. Das ist was Unterstützenswertes.“
Heute kennt man die Frauen in Germering. „Ihr seid die, die da immer am Freitag an der Ecke stehen“, hören sie immer wieder. Gerade diese Hartnäckigkeit hält Carey für entscheidend: „Ich glaube, das ist das einzige Mittel, das überzeugen kann.“

Fast jeden Freitag um 16 Uhr stehen die Omas vor der Stadtbibliothek. Dort treffen sie auch Menschen, die nicht ohnehin schon vom Klimaschutz überzeugt sind. „Innerhalb der Blase ist es ja ein Heimspiel“, sagt Heydenreich. Bekehren wollen sie niemanden. „Ich bin total empfindlich mit dem moralischen Zeigefinger.“ Schließlich leben auch die Omas nicht widerspruchsfrei: Die eine fliegt nicht mehr, die andere gelegentlich doch. Alle fahren zumindest manchmal Auto. Entscheidend sei, das eigene Verhalten überhaupt zu hinterfragen.
Nicht jedes Gespräch verläuft freundlich. Manche Passanten verwickeln sie in endlose Grundsatzdiskussionen, eine Frau beschimpfe sie manchmal. Einmal habe ein Radfahrer nach einem Streitgespräch eine Bemerkung gemacht, die Carey als bedrohlich empfand. Doch die positiven Begegnungen überwiegen: Eine junge Mutter freut sich über das Rezept für selbst gemachte Bodylotion ohne Plastik, ein Raucher über den To-go-Aschenbecher. Und manchmal lautet die Bilanz am Ende einfach: „Heute habe ich schon mit vier Leuten ein tolles Gespräch geführt.“
Die Frauen glauben, dass sich auch in Germering etwas bewegt hat. Entsiegelungsförderung, Klimagartenwettbewerb, neue E-Räder, ein besseres Busnetz und Ansprechpartner im Umweltamt zählt Carey auf.
Dabei verstehen sich die Omas ausdrücklich als überparteilich. Der Klimawandel sei eine Tatsache, mit der man sich unabhängig von Parteizugehörigkeiten auseinandersetzen müsse, betont Köstner. Dazu gehört für sie auch das Bekenntnis zur Demokratie: sich informieren, Stadtratssitzungen besuchen, Fragen stellen und mitreden.
Die Frage, was sie antreibt, führt immer wieder zu den jüngeren Generationen. Köstners jüngster Enkel ist vier Jahre alt. Wenn er ihr heutiges Alter erreicht, wird das Jahr 2096 sein. „Die Vorstellung macht mir natürlich schon Angst“, sagt sie. Ihre Konsequenz daraus: „Man muss das tun, was man kann.“
Dass ihnen dabei nicht immer nach Optimismus zumute ist, merkt man auch am Holztisch. Die Frauen diskutieren darüber, ob genug passiert, widersprechen sich – und lachen miteinander. „Es darf schon lustig zugehen“, sagt Carey. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum sie nach fünf Jahren noch immer fast jeden Freitag an ihrer Ecke stehen.