Über Ron Curries neuen Krimi „Die Patin von Maine

Barbara Dionne schwört Rache. Ihr Erwachsenenleben hat noch nicht richtig begonnen, da nimmt ihr ein Polizist jegliche Entscheidung, was aus ihr werden könnte, mit Gewalt ab. In einem Waldstück verschleppt er die junge Frau und versucht, sie zu vergewaltigen. Sie wehrt sich und tötet ihn dabei. Blutüberströmt und ohne Unterwäsche läuft sie danach vom Waldrand zurück nach Little Canada, dem Viertel der französischsprachigen Einwohner in jener Kleinstadt in Maine, in der Babara geboren wurde.

Ihm gelingt, was einst Mario Puzo gelang: Ron Currie
Ihm gelingt, was einst Mario Puzo gelang: Ron CurrieTristan Spinski

Sie weiß, dass nur ein Trick ihr Leben jetzt noch retten kann, denn in der amerikanischen Kleinstadt leben die eingewanderten kanadischen Katholiken als Menschen zweiter Klasse. Geistesgegenwärtig sucht die junge Frau also Schutz in der Kirche, wird in ein Kloster verfrachtet und plant dort, wie sie die Stadt bei ihrer Rückkehr unter ihre Führung bekommen kann.

Nun ist es gar nicht so leicht, das Leben einer Verbrecherin zu beschreiben und dabei die Gunst des Publikums für diese Figur zu wecken. Der amerikanische Schriftsteller Ron Currie tut das in „Die Patin von Maine“ durch ein klug gewähltes stilistisches Mittel: Er stellt der Handlung seines Thrillers ein Vorspiel voran, das die Zeit von 1668 bis 1968 umfasst und die Geschichte von Barbara und ihren Vorfahrinnen erzählt – in der zweiten Person.

Als die blutverschmierte junge Frau also an Nachbarn und Bekannten vorbeigeht, heißt es: „Niemand fragte, was passiert war oder wohin du wolltest. Als ließe dein bloßer Anblick, grauenhaft und mysteriös, wie er war, keine Worte zu. Es war für alle ersichtlich, dass du – zumindest in diesem Moment – in einem Zustand jenseits von Sprache existiertest.“ Die Identifikation der Leser mit seiner Hauptfigur führt Currie also ganz geschickt herbei.

Verbrechen ist Familiensache

Danach springt die Handlung ins Jahr 2016 und erzählt neutral in der dritten Person weiter, spricht davon, wie Barbara nun mit harter Hand den Rauschgifthandel in ihrer Heimat leitet. Von allen nur noch Babs genannt, aber trotz der Koseform höchst respektiert und gefürchtet, hat die alte Dame sowohl die Polizei als auch ihre Familie fest im Griff. Weich wird sie allein bei ihrem Enkel. Als sie mitbekommt, dass dessen alkoholkranker Vater den Jungen schlägt, holt sie das Kind in ihr Haus.

Wo seine Mutter, ihre jüngste Tochter, sich herumtreibt, versucht Babs da schon seit einigen Tagen herauszufinden. Denn natürlich sind in dieses illegale Familienunternehmen auch Barbaras Kinder fest eingebunden. Die jüngste Tochter kümmert sich ums Drogenverteilen und Geld Kassieren, die ältere Tochter Lori fährt im Truck durch die Gegend und ist fürs Gröbere zuständig. Probleme mit den Substanzen, die sie verticken sollen, haben beide Schwestern längst. Lori hat ihre Drogensucht aus Afghanistan mitgebracht, wo sie mehrere Jahre im Militäreinsatz war. Seit sie zurückgekehrt ist, sieht sie, ob mit oder ohne Drogen, regelmäßig verstorbene Freunde und Familienangehörige neben sich sitzen. Manchmal sprechen sie mit ihr.

Ron Currie: „Die Patin von Maine“
Ron Currie: „Die Patin von Maine“btb

Ron Currie beschreibt aber nicht nur anschaulich Traumata und Rauschabgründe dieses schwierigen Familienclans. Vielmehr gelingt ihm heute, was Mario Puzo in den späten Sechzigerjahren in seinem Roman „Der Pate“ gelang. Auch Puzo erzählte nicht allein von einer Mafiafamilie in New York, sondern beleuchtete das Leben italienischer Einwanderer in Amerika.

Currie wiederum wirft ein Licht auf die französischsprachige katholische Gemeinde an der Grenze zu Kanada, der er selbst entstammt. „Als Babs ein Kind war, hatte jeder hier mehr Probleme als Geld – und heute haben immer noch alle mehr Probleme als Geld. Als Babs ein Kind war, arbeiteten die Menschen viel zu hart für viel zu wenig – heutzutage arbeiten die Menschen noch genauso hart für viel zu wenig. Damals fluteten Bier und Rotwein die Straßen, inzwischen war es Heroin. Und so weiter und so fort. Arm blieb arm, nur die Jahreszahlen und andere Nichtigkeiten änderten sich.“

Aus der Ausgrenzung folgt für die Frauen dieser Gemeinde, dass sie ihr Glück jenseits der vorgegebenen Gesellschaftsstrukturen suchen. Fairness, sagt die Patin Babs einmal, sei etwas für nette College-Kids oben auf dem Hügel. Jene Jungs, die früher gern hinunter kamen ins französische quartier – Currie garniert seinen Text mit solchen Ausdrücken , um die Mädchen dort zu belästigen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Das Außenseiterdasein speist aber auch den Stolz der Bewohner des Viertels, in dem Barbara mittlerweile wieder im Haus ihrer Eltern wohnt. An ihrem Küchentisch versammelt sie Frauen, die sich schon seit der Kindheit kennen. Sie alle sprechen noch Französisch und teilen sich die Aufgaben von Barbaras Unternehmungen.

Curie beweist dabei durchaus Humor. Die Diskussionen der alten Damen muten manchmal wie „Golden Girls“-Szenen an, wenn die Ladies eben nicht ehrbar in Miami leben würden, sondern ihre zweite Lebenshälfte mit Drogenhandel und dem Entsorgen von Leichen verbringen müssten. Man folgt ihnen gern, selbst in die düstersten Abgründe.

Ron Currie: „Die Patin von Maine“. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Stephan Glietsch. btb Verlag, München 2026. 416 S., br., 17,– €.