„Die Spaltung nimmt zu“ und „toxische Mischung“: Wahl-Ergebnis zeigt tiefe Wunden in Deutschland

„Die Spaltung nimmt zu“: Sachsen-Anhalt-Wahl zeigt tiefe Gräben in Deutschland – Experte warnt Merz-Regierung

Stand: 06.09.2026, 20:18 Uhr

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Die AfD triumphiert bei der Sachsen-Anhalt-Wahl. Das hat weitreichende Folgen für das Bundesland und ganz Deutschland, sagt Politologe Johannes Hillje.

Berlin – Der Graben im Land wird tiefer, das zeigen die Resultate, die sich allmählich abzeichnen. Die AfD könnte nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit einem Ergebnis von deutlich über 40 Prozent rechnen. Ein Wähler-Plus von fast 24 Prozent oder mehr gegenüber der letzten Wahl. Auf der anderen Seite stehen die Wählerinnen und Wähler, die die AfD eben nicht haben wollen.

Ulrich Siegmund (M), Spitzenkandidat der AfD, mit den Parteichefs Alice Weidel (Mitte l) und Tino Chrupalla nach der Prognose zum Ergebnis der Landtagswahl.

Ulrich Siegmund (M), Spitzenkandidat der AfD, mit den Parteichefs Alice Weidel (Mitte l) und Tino Chrupalla nach der Prognose zum Ergebnis der Landtagswahl. © Michael Kappeler/dpa

In den letzten Wochen war zu spüren, wie diese Spannung Nachbarschaften, ganze Familien spaltet. „In meiner Straße waren es bei der Bundestagswahl 43 Prozent“, erzählte jüngst Ingrid Pfennig, die sich bei „Omas gegen Rechts“ in Magdeburg und Umgebung engagiert, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Seitdem geh ich durch den Ort und denke: du eher nicht, du vielleicht ja. Das ist kein schönes Gefühl. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn der schöne Uli Ministerpräsident wird.“

Sachsen-Anhalt-Wahl: Der „schöne Uli“ will Geschichte mit seiner AfD schreiben

Der schöne Uli. So nennen manche in Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund, der dauergrinsend und akkurat gescheitelt durch einen aus AfD-Sicht hoch erfolgreichen Wahlkampf marschiert ist. Sein Credo „wir schreiben Geschichte“ hat bei vielen offenbar verfangen. Entsprechend groß war der Jubel bei der AfD angesichts der ersten Ergebnis-Tendenzen. Unklar ist, ob die AfD die Mehrheit der Sitze erlangen wird, nötig sind 42 Sitze im Parlament.

Zünglein an der Waage könnten die Grünen sein, die innerhalb von wenigen Wochen von drei Prozent in Umfragen deutlich zulegen konnten und derzeit mit etwa acht bis neun Prozent rechnen könnten. Jubel auch dort. Die Partei konnte vor allem im Endspurt taktische Wähler überzeugen, die ihre Stimme den Grünen gegeben haben, um einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund zu verhindern. Die Grünen-Bundesspitze hatte im Vorfeld klargemacht, dass man auch Nicht-Wähler und Unentschlossene im Blick habe – eine Strategie, die aufgegangen sein dürfte. „Die Grünen haben stark mobilisiert, auch über ihr Kernmilieu hinaus“, sagt der Berliner Politologe und Spezialist für politische Kommunikation Johannes Hillje.

Sollte die AfD am Ende doch die Regierung stellen, hätte das allerdings tiefgreifende Folgen für das Bundesland und ganz Deutschland, so Hillje, der von einer „Zäsur für die Bundesrepublik“ spricht: „Setzt die AfD ihr Programm um, dann würde eine illiberale Enklave in Deutschland entstehen.“ Konkret: Moderne Familienmodelle würden abgelehnt, Menschen mit Behinderung abgewertet und andere Kulturen weitestgehend verbannt werden. „Die Bildungs- und Kulturpolitik ist für die Landesebene der größte Hebel für den gesellschaftlichen Umbau und diesen will die AfD maximal nutzen“, sagte der Experte im Gespräch mit unserer Redaktion.

Für den AfD-Spitzenkandidaten ist das Ergebnis in jedem Fall ein großer Sieg. „Siegmund ist nun endgültig der neue AfD-Star“, sagt Hillje. Derweil zeichnet sich ab: Ganz konsistent bleibt der AfDler offenbar nicht – es geht um Macht. „Zehn Minuten nach Schließung der Wahllokale hat Siegmund seine Position zu anderen Parteien geändert. Vorher wollte er nur mit absoluter AfD-Mehrheit regieren, jetzt zeigt er sich kooperationsbereit“, sagt Hillje.

Bei der CDU herrschte nach der Verkündung der ersten Prognosen Totenstille. Nach jetzigem Stand dürfte sie ihr Ergebnis seit der letzten Wahl gut halbiert haben, aktuell liegt sie bei etwa 18 Prozent. Ein Grund für den Absturz: Viele Menschen zeigten sich in den letzten Monaten hochunzufrieden mit der Politik der schwarz-roten Bundesregierung, Kanzler Friedrich Merz ist in Sachsen-Anhalt nicht beliebt, ging bei Wahlkampfveranstaltungen im Bundesland eher auf Distanz zu den Bürgerinnen und Bürgern. Auch aus CDU-Kreisen im Bundesland war zu hören, dass die Politik der Bundes-Union und von Friedrich Merz eher geschadet haben dürfte. „Ein schwacher Bundeskanzler und ein schwacher Ministerpräsident Sven Schulze, das war eine toxische Mischung für den CDU-Wahlkampf“, konstatiert Experte Hillje.

Welche Koalition ist möglich in Sachsen-Anhalt?

Unklar ist noch, ob das BSW die Fünf-Prozent-Hürde knacken kann und in den Landtag einzieht. Eine Regierungsbildung wird in jedem Fall schwierig. Eine Sitzmehrheit für die AfD ist noch in der Schwebe, die Partei könnte ihr Ziel knapp verfehlen. Eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen wäre mit Blick auf die ersten Ergebnisse von einer Mehrheit weit entfernt – auch mit Unterstützung der Linken, die in dieser Konstellation wohl nicht unbedingt koalieren werden, wird es eng. Sollte das BSW es in den Landtag schaffen, ist nicht ausgeschlossen, dass die Partei mit der AfD zusammenarbeiten will. Parteigründerin Sahra Wagenknecht hatte sich bereits dafür ausgesprochen. Als Koalitionspartner für die anderen Parteien fällt das Bündnis wohl weg. „Ein BSW-Landesverband, der der AfD die Hand ausstreckt, kann kaum ein zuverlässiger Partner für andere Parteien sein“, sagt Johannes Hillje.

So oder so bleibt der Graben im Land auch nach der Wahl tief. „Man muss leider damit rechnen, dass die Spaltung zunimmt“, glaubt Johannes Hillje. Grünen-Bundesvorsitzender Felix Banaszak sprach im Vorfeld von Wunden in der Gesellschaft. Der Politiker war wenige Tage vor der Wahl in Haldensleben nahe Magdeburg mit AfD-Anhängern ins Gespräch gekommen, unsere Redaktion war vor Ort mit dabei. Aus einem lautstarken Streitgespräch entwickelte sich nach und nach eine Debatte. Ein Video von Ippen.Media, das die Szene zeigt, sorgte bundesweit für Gesprächsstoff. Banaszak sagte unserer Redaktion dazu: „Man muss nicht allem zustimmen, aber ernst nehmen, zuhören und überhaupt eine Ebene wieder entwickeln, das ist wichtig und ich hatte den Eindruck, das funktioniert.“

Johannes Hillje rät derweil der Bundesregierung: „Sie muss jetzt ein Signal des ‚Wir haben verstanden‘ senden. Eine Möglichkeit wäre, bei der Rentenreform auf die Ostverbände von SPD und CDU zuzugehen.“ Die hatten unter anderem gefordert, die Reform noch einmal anzupassen und vor allem die abschlagsfreie Rente nach 45 Berufsjahren fortzuführen. (Quellen: Gespräch mit Johannes Hillje, Reportage vor Ort, eigene Recherchen)