Xi Jinping, Donald Trump und Thukydides

Als der amerikanische Präsident Donald Trump im Mai dieses Jahres die Volksrepublik China besuchte, sprach der chinesische Staatspräsident Xi Jinping in seiner Begrüßungsrede in der Großen Halle des Volkes in Peking eine Warnung aus, die er an beide Weltmächte zugleich adressierte, den Gastgeberstaat und die Besucher, und mit dem Namen eines Historikers aus dem griechischen Altertum versah. Laut dem staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV erklärte Xi: „Die Welt steht erneut an einem Scheideweg. Es ist entscheidend, ob die USA und China die ,Thukydides-Falle‘ überwinden.‘‘ Die beiden Mächte sollten eine neue Basis für ihre Beziehungen legen, um „gemeinsam auf globale Herausforderungen zu reagieren, mehr Stabilität in die Welt zu bringen und eine vielversprechende Zukunft für die bilateralen Beziehungen zum Wohle beider Völker zu eröffnen“.

Der Begriff „Thukydides-Falle“ wurde von Graham T. Allison erfunden und 2012 in einem Artikel in der „Financial Times“ auf das amerikanisch-chinesische Verhältnis gemünzt. Fünf Jahre später, in Trumps erster Amtszeit, veröffentlichte der 1940 geborene Politikwissenschaftler der Harvard-Universität ein Buch mit dem Titel „Destined for war. Can America and China escape Thucydides’s trap?“. Allison gewinnt den Darlegungen des Thukydides über die Ursachen des Peloponnesischen Krieges ein Modell ab, das er in seinem Buch an sechzehn welthistorischen Konflikten durchspielt.

Land und Meer

Thukydides erklärt, warum die Spartaner sich gezwungen sahen, sich auf den langjährigen und kostspieligen Krieg gegen Athen einzulassen. Das Modell besagt, dass eine dominante Macht, wenn sie den Aufstieg einer anderen wahrnimmt, die sie zu übertrumpfen droht, mehr oder weniger zwangsläufig in einen Konflikt mit ihr getrieben wird, sei es aus Angst oder aus Neid. Allison identifiziert in der gegenwärtigen Weltlage China mit Athen und die Vereinigten Staaten mit Sparta. Im fünften Jahrhundert vor Christus war Sparta die etablierte Macht, die konservative Kraft auf dem griechischen Festland, die versuchte, den geopolitischen Status quo unverändert aufrechtzuerhalten. Athen war die aufstrebende neue Macht, die es wagte, durch die Vorherrschaft auf See weit über ihre territorialen Grenzen hinaus zu expandieren. Sparta stand für Tradition und Vergangenheit, Athen für Innovation und Zukunft.

Im Geschichtswerk des Atheners Thukydides bringen die Korinther in ihrer Rede auf der Versammlung der spartanischen Verbündeten diese sozialpsychologische und prozessdynamische Deutung der Rivalität der beiden griechischen Großmächte auf den Punkt. Die Athener sind demnach Innovatoren, fähig und schnell darin, einen Plan zu entwickeln und ihre Beschlüsse rasch umzusetzen. Die Spartaner dagegen beschränken sich darauf, das Erreichte zu bewahren, ohne etwas Neues zu erfinden. Die Athener gehen Risiken ein, die über ihre Kräfte hinausgehen, und sind angesichts von Schwierigkeiten optimistisch. Die Spartaner wagen nur Geringes und denken pessimistisch. Die Athener sind zweifellos unternehmungsfreudig, während die Spartaner fest in ihrer Heimat verwurzelt sind.

Heil dir im Denkerkranz: Das Mosaik mit dem Porträt des Thukydides im Berliner Pergamonmuseum wurde in Gerasa im Ostjordanland ausgegraben und stammt aus dem dritten Jahrhundert nach Christus, also aus römischer Zeit.
Heil dir im Denkerkranz: Das Mosaik mit dem Porträt des Thukydides im Berliner Pergamonmuseum wurde in Gerasa im Ostjordanland ausgegraben und stammt aus dem dritten Jahrhundert nach Christus, also aus römischer Zeit.Staatliche Museen zu Berlin

Der Epilog dieses Völkervergleichs wird uns an die Rolle der Chinesen auf den Weltmärkten und in den Bürgerkriegszonen unserer Zeit erinnern: „Wenn jemand in wenigen Worten behaupten würde, dass diese Menschen dazu geboren sind, weder selbst in Ruhe zu leben noch andere in Ruhe zu lassen, hätte er recht!“ Ins Reservoir weltpolitischer Topik führte Thukydides eine kulturgeographische Figur ein, den Gegensatz zwischen der Starrheit des Festlandes und der Unruhe des Meeres. In der Gegenwart ist so gesehen die paradoxe Situation gegeben, dass China beweglich wie eine Seemacht agiert und Trumps Amerika mit der strukturellen Trägheit der Landmacht. Wäre der Aktionismus des Präsidenten dann als Ablenkungsmanöver zu deuten oder als Symptom der Panik, die den Mechanismus der Falle auslösen könnte?

Die am wenigsten eingestandene Ursache

Die Anlässe, die in der Erzählung des Thukydides den latenten Gegensatz von aufsteigender und von relativem Abstieg bedrohter Großmacht kriegsursächlich wirksam werden lassen, sind der Streit zwischen Kerkyra und Korinth um Epidamnos sowie die Misshelligkeiten zwischen Athen und Korinth in Bezug auf Poteidaia und andere Städte an der Küste von Thrakien. Im Sommer 432 beschlossen die Spartaner, dass der Krieg geführt werden müsse; nicht so sehr, weil sie von den Argumenten ihrer Verbündeten überzeugt waren, sondern weil sie befürchteten, dass „die Athener ihre Macht noch weiter ausbauen würden, da der größte Teil Griechenlands bereits in ihren Händen lag‘‘. Dem Historiker zufolge war die eigentliche („alithestati prophasis‘‘), aber auch am wenigsten eingestandene Ursache die Tatsache, dass die Macht der Athener immer größer wurde, was die Spartaner in Angst versetzte und sie zum Krieg zwang. Tatsächlich war der besonnene König der Spartaner, Archidamos, der auf die wirtschaftlichen Folgen des Krieges hinwies, dagegen, doch die Lakedaimonier beschlossen gegen den Willen ihres Königs, den Krieg zu erklären.

Sofern bei Thukydides von einer Falle gesprochen werden kann, wird sie nicht vom Feind aufgestellt und nicht von Strategen erdacht. Im Gleichgewichtssystem stellen sich Pfadabhängigkeiten des Konkurrenzdrucks ein, denen man sich dem eigenen Machtanspruch zuliebe unterwirft. Im Verlauf des Krieges drohte Athen selbst in eine so beschriebene Falle zu gehen. Im Sommer 415 vor Christus legte Alkibiades in einer Rede an die Athener vor der Entscheidung für den Feldzug nach Sizilien dar, dass Athen, wenn es nichts unternehme, von selbst zerfallen werde: „Eine Stadt, die es nicht gewohnt ist, untätig zu bleiben, wird sehr schnell zugrunde gehen, wenn sie plötzlich untätig bleibt.‘‘

Die Athener waren gezwungen, ständig zu beweisen, dass sie ihre Macht vergrößerten, und wurden schließlich genau dadurch zerstört. Was für eine Ironie! Durch die gleichzeitige Führung von zwei Kriegen in Griechenland und in Sizilien wurden sie in die Niederlage getrieben. Hätten sie nicht so sehr darauf bestanden zu beweisen, wie viel mächtiger sie als die Spartaner seien, hätten sie gesiegt. Alles ging durch übertriebenen Eifer und den Verlust des Maßes verloren. Diese Gefahr hatte der weitsichtige Perikles vorausgesehen, als er in einer Rede vor der Volksversammlung von Athen während der letzten Verhandlungen erklärte: „Wir werden siegen, wenn ihr während der Dauer des Krieges keine neuen Eroberungen fordert und euch nicht freiwillig weiteren Gefahren aussetzt. Denn ich fürchte unsere eigenen Fehler mehr als die Pläne der Feinde.“

Plötzlich kam das Virus hinzu

Trotz der Ratschläge von Perikles beging Athen viele Fehler, wie es für eine so große, hegemoniale Macht nur natürlich ist. Vor allem aber scheiterte der Feldzug nach Sizilien „an internen Intrigen und parteipolitischen Streitigkeiten‘‘. Und doch „hielten sie ganze zehn Jahre lang stand und kämpften gleichzeitig gegen viele Feinde und ehemalige Verbündete, bevor sie in die Knie gezwungen und vernichtet wurden‘‘. Anscheinend sind die Chinesen heute darauf bedacht, diese historische Lehre zu beachten.

Der Kontrast von klassischer Architektur und plötzlicher Naturgewalt soll zu denken geben: Michael Sweerts malte um 1650 die Pest in einer antiken Stadt.
Der Kontrast von klassischer Architektur und plötzlicher Naturgewalt soll zu denken geben: Michael Sweerts malte um 1650 die Pest in einer antiken Stadt.Los Angeles County Museum of Art

Als hätten die Flutwelle chinesischer Produkte auf den internationalen Märkten und die Absatzprobleme der amerikanischen Industrie nicht schon genügt, um Washington die Furcht vor Peking zu lehren, tauchte drei Jahre nach der Veröffentlichung von Allisons Buch plötzlich auch noch das Coronavirus auf. Die Beziehungen nahmen eine neue Dimension der Verschärfung und des Misstrauens an. Hinter amerikanischen Anschuldigungen zum Ursprung des tödlichen Virus grassierte die Angst vor dem drohenden globalen Ungleichgewicht zwischen beiden Mächten.

Im Sommer 430 brach in Athen eine Seuche („loimos“) aus, die ein Drittel der Bevölkerung das Leben kostete. Es war ein schwerer Schlag gegen die Supermacht. Im Winter von 427/6 brach die Epidemie ein zweites Mal aus, 4400 Soldaten und 300 Reiter starben. Die Krankheit kam plötzlich und befiel zunächst die Menschen in Piräus; deshalb behaupteten diese, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen und Zisternen geschüttet. Nichts davon konnte bewiesen werden. Es ist jedoch eine von Thukydides vermerkte Tatsache, dass diese Seuche die Peloponnesier nie heimgesucht hat.

Der chinesische Perikles

Xi Jinping tritt als der chinesische Perikles auf, der vor der Weltöffentlichkeit vorsorglich erklärt, dass China die Fehler Athens nicht wiederholen und keinen Feldzug nach Sizilien unternehmen werde. Diesmal soll es nicht so sein, dass eine „angemessene Risikoeinschätzung, die aus dem Bewusstsein der Überlegenheit resultiert, den Krieg zum Schutz der eigenen Vorherrschaft‘‘ wählt (Thukydides, Buch 2, Kapitel 62). Der chinesische Staatschef gibt zu verstehen, dass China derzeit die freie Wahl zwischen Krieg und Frieden habe und gerade deshalb das Risiko vermeiden werde. Die Botschaft lautet, dass Krieg nicht unvermeidlich ist – ganz im Gegensatz zu dem, was Perikles vor Kriegsbeginn in seiner Rede erklärt hatte.

Trump wurde von Xi Jinping mit dem Vergleich aus dem Weisheitsschatz des Abendlands nahegelegt, gegenüber seinen eigenen Offizieren und Politikern wie damals der besonnene König von Sparta zu argumentieren, mit hoffentlich größerem Erfolg: Gegenüber Rivalen, „die weit entfernt und erfahrene Seefahrer sowie in allem hervorragend vorbereitet sind und über Staatsvermögen und eine große Bevölkerung verfügen und zudem viele Verbündete haben‘‘, wie könnten die Peloponnesier „gegenüber einem solchen Gegner leichtfertig einen Krieg anzetteln‘‘?

Auch wir Bürger von Klein- und Mittelmächten dürfen hoffen, dass amerikanische Strategen, wie es in Kursen mit „großen Büchern“ jahrzehntelang geübt wurde, Thukydides ebenso genau lesen wie ihre chinesischen Kollegen. Glücklicherweise ist das Studium des Historikers in Trumps Amerika noch nicht verboten worden, wie es Platons „Gastmahl“ in Texas widerfuhr.