Ether.fi: Diese Finanzplattform zahlt mehr Zinsen, als Kredite kosten
Diese Finanzplattform bietet Banking der Zukunft, und ich bin gerade ihr Kunde geworden
Auf Ether.fi erhält man derzeit mehr Zins auf sein Erspartes, als ein Kredit kostet. Das ist kein Missverständnis.
30.08.2026, 05.30 Uhr
2 Leseminuten

Hier auf den Cayman Islands ist das Domizil meines neuen Finanzdienstleisters. Mein Geld liegt aber nicht dort, sondern auf der Blockchain.
Ich probiere immer wieder neue Finanzdienste aus. Natürlich mit dem Hintergedanken, in dieser Kolumne darüber berichten zu können. Dass ich nicht besonders häufig über meine Erfahrungen mit den vermeintlichen Innovationen schreibe, ist dem Umstand geschuldet, dass es sich meist um alten Wein in neuen Schläuchen handelt.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Doch vor kurzem bin ich bei einem Finanzportal Kunde geworden, das im Ansatz das verkörpert, was ich für die Zukunft des Banking halte. Es heisst Ether.fi, und diese Neobank bezahlt Zinsen, die diesen Namen auch verdienen.
Konkret werden meine 618 Dollar, die ich per Banküberweisung geschickt habe, mit 5,95 Prozent verzinst. Auf Euro erhält man 5,78 Prozent.
Das ist nicht alles: Per Knopfdruck beanspruche ich einen Kredit, als Sicherheit dient meine Einlage von 618 Dollar. So kann ich mir 493 Dollar zu einem Zins von 3,74 Prozent ausleihen. Ich lege diese Summe gleich wieder zu 5,95 Prozent an.
Für einen normalen Bankkunden, der noch nie Zinsen auf seine Einlagen gesehen hat, aber sehr viel für Kredite bezahlen muss, ist das jetzt wohl verwirrend. Wie kann es sein, dass ich mehr Zins für mein Erspartes erhalte, als ich für meinen Kredit bezahlen muss?
Die Zinssätze von Ether.fi sind dynamisch. Erhöht sich die Kreditnachfrage auf der Plattform, steigen meine Kreditkosten, und meine gewinnbringende Strategie – die positive Zinsdifferenz – kann sich leicht ins Negative drehen. Aber das wäre nicht weiter schlimm, denn mein Kredit lässt sich per Knopfdruck annullieren.
Und die 5,95 Prozent Zins erhalte ich deshalb, weil das Geld im Hintergrund auf Blockchain-Finanzanwendungen arbeitet. Auch dieser Satz schwankt, je nach Marktkonditionen.
Auf Ether.fi kann ich auch Aktienzertifikate auf der Blockchain kaufen – das Spektrum reicht von Nvidia oder Walmart über Indizes wie den S&P 500 bis hin zu Edelmetallen. Diese Zertifikate schreiben zwar Dividenden gut, sind rechtlich gesehen aber keine Aktien, was mit einem Zusatzrisiko einhergeht.
Man kann sie ebenfalls als Sicherheit verwenden, um einen Kredit zu bekommen. Weil sie aber im Kurs schwanken, läuft man Gefahr, dass die Sicherheit verwertet, sprich liquidiert, wird.
Die virtuelle Debitkarte, die ich an meine Apple- oder Google-Wallet heften kann, bringt mir übrigens eine Rückvergütung von 3 Prozent des Umsatzes ein. Kontogebühren sind keine vorgesehen. Ich hoffe, das lesen jetzt die Verantwortlichen meiner kundenfeindlichen Hausbank!
Die grösste Innovation der Plattform liegt übrigens just in dem Umstand, dass sie keine Bank ist. Ether.fi hat keine Kontrolle über meine 618 Dollar. Diese liegen auf der Blockchain. Und dieses Geschäftsmodell macht Schule: Der rasend schnell wachsende amerikanische Broker Robinhood hat gerade eine eigene Unter-Blockchain auf Ethereum gegründet.
Punkto Sicherheit mache ich mir wenig Illusionen. Ether.fi hat trotz Firmendomizil auf den Cayman Islands eine gute Reputation. Doch das Risiko, dass das Protokoll gehackt werden könnte, ist real. Bis dahin erfreue ich mich aber an der tollen Erfahrung und meinen Zinsen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Passend zum Artikel


